Ferienzeit ist für die allermeisten Kinder in Westeuropa verbunden mit dem Gedanken an viel Freizeit, Unternehmungen oder sorgenfreies Nichtstun. In den Gebieten in der Ukraine unweit der Frontlinien ist das Leben hingegen geprägt von ständiger Wachsamkeit und Stress. Sirenengeheul und Bombenalarm gehören für Kinder genauso wie für Erwachsene zum Alltag. Das möchte Ferenc Krausz ändern. Der Physiker und Nobelpreisträger aus Garching hat dafür die Initiative „Science4people“ ins Leben gerufen.
Die Hilfsorganisation will ukrainischen Kindern zumindest eine kurze Pause vom Krieg verschaffen, ihnen die Chance geben, Atem zu holen und einige Tage fernab ihrer täglichen Sorgen neue Kraft zu schöpfen. Zu diesem Zweck organisiert Science4people ein Erholungscamp in dem westukrainischen Dorf Batyovo, fernab der Front. 20 Kinder im Alter von neun bis 14 Jahren, die aus frontnahen Gebieten stammen, Vertreibung erlebt oder nahe Angehörige im Krieg verloren haben sowie Kinder von aktiven Soldaten können dort von 29. Juni bis 4. Juli in der Natur durchschnaufen und werden von Pädagogen und Psychologinnen betreut.
In dem Erholungscamp können die Kinder etwa Kunsttherapie-Workshops besuchen, gemeinsam Sport treiben und sie lernen Strategien zur Stressbewältigung. „Es ist eine psychosoziale Erholung für Kinder, die durch den Krieg besonders belastet sind“, sagt Projektkoordinatorin Tetyana Bergues.
Die Erholungscamps sind nur ein Projekt von Science4people. Daneben konzentriert sich der Verein vor allem darauf, Bildungsprogramme in der Ukraine aufzubauen und zu verfestigen. Durch diese Unterstützung soll sichergestellt werden, dass die Kinder in der Ukraine trotz der Zerstörung und Einschränkung durch den Krieg im Land weiterhin lernen und Bildung erwerben können. „Unser Grundprinzip ist: Kein Kind darf ohne Bildung leben“, sagt Bergues. Das zielt bewusst auch auf die Zukunft ab: „Gebildete Kinder sind unser Beitrag für den Wiederaufbau des Landes.“
Nobelpreisträger Ferenc Krausz hat persönliche Verbindungen in die Westukraine
Der Physik-Nobelpreisträger von 2023, Ferenc Krausz, Inhaber eines Lehrstuhls für Experimentalphysik an der LMU München und Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik auf dem Forschungscampus in Garching, hat die Hilfsorganisation gemeinsam mit Mitarbeitenden seines Instituts 2022, kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, ins Leben gerufen. Krausz, der die österreichische wie auch die ungarische Staatsbürgerschaft besitzt, verbinden persönliche Bande mit dem westukrainischen Batyovo, in das nach Kriegsbeginn viele Binnenflüchtlinge strömten. Diese persönlichen Kontakte machen Science4people rasche und gezielte Hilfe vor Ort möglich, etwa in Kooperation mit Partnern des ukrainischen Hilfsvereins „Tabula rasa“, die dabei helfen, Kontakte herzustellen und die Projekte auf ukrainischer Seite ausführen.

„Wer heute in die Bildung und Entwicklung junger Menschen investiert, investiert zugleich in die Zukunft der Ukraine - und damit in die Zukunft von Europa“, sagt Krausz. „Die jungen Menschen von heute werden eines Tages Verantwortung für den Wiederaufbau ihres Landes übernehmen und dessen weitere Entwicklung mitgestalten. Sie dabei zu unterstützen, ist für mich Ausdruck von Verantwortung und Solidarität.“
Nach Kriegsbeginn sei es zunächst vor allem darum gegangen, Infrastruktur zum Lernen aufzubauen, sagt Bergues. Seit 2023 verfolgt die Hilfsorganisation das Projekt „Skola+“: Mit zusätzlichen Unterrichtsstunden bei Pädagogen und Lehrkräften nach der regulären Schulzeit können Kinder ihre Lücken, die zum Beispiel durch kriegsbedingte Schulausfälle entstanden sind, schließen und weiteres Wissen erwerben.
Dabei geht es den Wissenschaftlern und Organisationsgründern aus Garching nicht nur um die sogenannten Mint-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, sondern um alle Fächer, die gebraucht werden. Mehr als 300 Kinder an fünf Schulen, insbesondere in ländlichen Regionen der Ukraine, sind bereits Teil des Programms. Daneben organisiert Science4people auch im Bereich Sport Programme für Kinder und Jugendliche.
Das nächste Ziel des Vereins sei, das Projekt „Skola+“ weiter auszubauen, sagt Projektkoordinatorin Bergues. Einerseits will Science4people weitere Schulen für eine Zusammenarbeit gewinnen. Daneben soll unter anderem ein mobiles Labor aufgebaut werden, um Schulen ohne geeignete Räumlichkeiten zu ermöglichen, mit ihren Klassen Experimente in Biologie, Physik oder Chemie auszuführen. „Vor allem in ländlichen Regionen sind viele Schulen nicht gut ausgestattet und durch den Krieg sind viele Dinge zu Mangelware geworden“, sagt Bergues, die selbst aus der Ukraine stammt.
Die Organisation finanziert ihre Projekte über Spenden. Nähere Informationen finden sich auf der Website www.science4people.org.


