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Garching:Turbulenz aus Edelstahl

Eine 4,40 Meter hohe Skulptur von Werner Mally soll schon im Herbst den Garchinger Forschungscampus zieren

Um zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, bedarf es mehr als mechanistischen Denkens oder instrumenteller Vernunft. Der ästhetische Blick allein fördert freilich auch nicht die letzte Wahrheiten zutage. Wissenschaftler und Künstler, die beide auf je eigene Weise nach Erkenntnis streben, gehen viele Dinge unterschiedlich an, sind sich aber mitunter ähnlicher als vermutet: Vorstellungsvermögen, das Erfassen natürlicher Phänomene über das Sichtbare hinaus, Neugierde und Experimentierlust - das sind Qualitäten, die beide Bereiche befeuern. "Für mich ist die wissenschaftliche Forschung mit der künstlerischen Strategie vergleichbar", erklärt Werner Mally.

Nicht zuletzt die kreative Umsetzung dieses Gedankens hat dem Münchner Künstler nun den Sieg beim "Kunst am Bau"-Wettbewerb am Garchinger Forschungscampus eingebracht: Das Preisgericht wählte seinen Entwurf aus den Arbeiten von elf Bewerbern aus, Mallys Edelstahlplastik mit dem vorläufigen Titel "Aufsteigend" wird künftig das neue NMR-Zentrum am Garchinger Forschungscampus schmücken. Der Neubau mit 1600 Quadratmetern Nutzfläche wurde im Februar vom Staatlichen Bauamt an die TU München übergeben. NMR - das bedeutet Kernspinresonanz-Spektroskopie, englisch: Nuclear Magnetic Resonance. Hier werden Proteine und ihre Fehlfaltungen untersucht, mit Hilfe von Spektrometern - ein noch zu entwickelndes 1,2 Gigahertz-Spektrometer soll das Herzstück des Zentrums werden - streben die Wissenschaftler neue Erkenntnisse in der Erforschung von Krebs oder Alzheimer an.

Mally, dessen Sieger-Modell wie auch die anderen eingereichten Entwürfe diese Woche noch in der großen Halle des neuen, noch nicht ganz bezugsfertigen NMR-Zentrum zu sehen waren, hat eine Skulptur entworfen, die sich dem Geist des Ortes wie auch der Umgebung ästhetisch und inhaltlich raffiniert nähert. "Im Vordergrund steht die Faszination für unvorhersehbare Bewegungsabläufe, Schwingungen und Wellen, die trotz ihrer Komplexität auf relativ einfachen Mustern beruhen", so Mally. Ausgangspunkt sei eine flächige Matrix mit einem "Kern" und sechs Schichten respektive "Umlaufbahnen". In ihrer räumlichen Entfaltung weckt die Skulptur mit einer Höhe von 4,40 Metern vielerlei Assoziationen und erinnert in den übereinander gelagerten Verwindungen, Schleifen, Schlingen und Spiralen passenderweise an die Darstellung von Proteinen. Statisch gehalten wird die Skulptur von einem Stahlblock, dessen Gewicht exakt dem der Plastik entspricht. Sie entfaltet quasi visualisierte Turbulenz, hat eine aufsteigende Dynamik und je nach Betrachtung ist das Gesamtbild scharf und das Detailbild unscharf respektive umgekehrt: insofern gleichsam eine Anspielung auf die Heisenberg'sche Unschärferelation. "Die Skulptur versteht sich als sinnlich wahrnehmbarer Denkgegenstand im Spannungsfeld von künstlerischer Strategie und wissenschaftlicher Forschung, der auch mit der umgebenden Natur und Architektur in Dialog tritt", erklärt Mally. Etwas wagen, imaginieren, experimentieren, scheitern, weitermachen - der 1955 geborene Bildhauer sieht eben Parallelen im kreativen wie forschenden Prozess.

Mit seiner Herangehensweise hat er Michael Sattler und Steffen Glaser, leitende Professoren am neuen NMR-Zentrum, überzeugt. "Er hat die Vorgaben sehr sinnvoll umgesetzt", sagt Sattler, "es ist toll zu sehen, wie ein Künstler mit so einem Spannungsfeld umgeht." Auch die anderen Entwürfe, die etwa eine Glasfilter-Reihe, eine Art Karussell, einen Spin-Pavillon oder zu Endlosschleifen verschlungene Rundstäbe beinhalten, zeugen von spannenden künstlerischen Auseinandersetzungen. Neben dem Hauptgewinner Mally hat der Fotograf Olaf Otto Becker, der Bilder von den nahen Isarauen in extrem hoher Auflösung einreichte, die Jury überzeugt. "Er bringt Natur in die technische Atmosphäre und hat uns einhellig begeistert", urteilt Glaser. Mallys Skulptur, die an der Westseite des Gebäudes stehen wird, soll bis Herbst realisiert werden. Die Gesamtkosten für das "Kunst am Bau-Projekt" betragen rund 125 000 Euro und werden je zur Hälfte von Bund und Freistaat geschultert.

© SZ vom 24.03.2017
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