Sie hoffen nun also auf das neue Jahr. Wieder einmal, könnte man sagen. 2026 sollen die Kernphysikerinnen und Wissenschaftler der verschiedenen, teils internationalen Forschungsgruppen endlich wieder Versuche mit Neutronen am Forschungsreaktor in Garching machen können. Eigentlich hatten die Betreiber schon angekündigt, dass der FRM II, die Forschungsneutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz, wenn schon nicht im Sommer 2024, so doch zumindest 2025 nach Jahren des Stillstands wieder in Betrieb gehen sollte. Doch die Reparaturen verzögerten sich abermals. Der Zentralkanal, das Herzstück der Anlage, muss ersetzt werden; die Spezialanfertigung gestaltet sich komplexer als gedacht. Jedes Material, jedes Fertigungsverfahren muss eigens zertifiziert werden.
„Derzeit warten wir auf die Prüfergebnisse für die letzte Schweißnaht am Prototyp des Zentralkanals“, erklärt FRM-II-Pressesprecherin Andrea Voit. Erst wenn auch dieses letzte Schweißverfahren abgenommen ist, kann das eigentliche Werkstück, auf das alle warten, gefertigt werden.

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Der Bau werde allerdings auch wieder einige Monate dauern, stellt Voit sogleich klar, da etwa ein Dutzend verschiedene Firmen daran beteiligt seien und die Arbeiten nacheinander stattfinden müssten. Wissenschaftler, Studierende und Gastforschende hofften „inständig“ darauf, dass der Einbau dann so rasch vonstattengeht, dass sie 2026 wieder mit Neutronen in Garching forschen können. Bis dahin können zum Beispiel Bestrahlungen in den abgebrannten Brennelementen zur Analyse von Gestein zur Endlagerung vorgenommen werden.
Dass der Garchinger Forschungsreaktor inzwischen seit fünf Jahren stillsteht, betrachten Claudia Köhler und Markus Büchler mit gemischten Gefühlen. Die beiden Landtagsabgeordneten der Grünen zählen zu den kritischsten politischen Beobachtern des FRM II. Ohne Neutronenfluss rechtfertige der Forschungsreaktor seine Kosten in zweistelliger Millionenhöhe jährlich nicht, moniert Köhler. Allein die Beschaffung des neuen Zentralkanals hat bislang etwa zwei Millionen Euro gekostet, vermutlich wird noch einmal eine halbe Million Euro hinzukommen, das ergab eine Anfrage der Grünen an das bayerische Wissenschaftsministerium.
Für abgebrannte Brennelemente geht in Garching der Platz aus
Andererseits verursacht ein still stehender Forschungsreaktor keinen Atommüll. Die abgebrannten Brennelemente, die sich seit der Inbetriebnahme des FRM II im Jahr 2004 angesammelt haben, lagern bisher in Garching in einem Abklingbecken. Das Becken wird langsam, aber sicher voll. Von den maximal 50 Plätzen sind bereits 47 belegt. Soll der Forschungsreaktor also 2026 tatsächlich wieder anlaufen, muss der Atommüll weggeschafft werden.
Der Weg dafür ist politisch seit Langem vorgezeichnet: Die Garchinger Brennelemente werden, so ist es vertraglich geregelt, in Ahaus im Münsterland zwischengelagert, bis es irgendwann ein Endlager für Atommüll in Deutschland geben wird. Die bisher noch fehlenden, nötigen Genehmigungen für einen Transport von insgesamt zehn Brennelementen, jeweils fünf in einem Spezialbehälter, hat das zuständige Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) im August 2025 erteilt; sie sind knapp zwei Jahre gültig.

Rein rechtlich könnte es also losgehen. Die Aussicht auf Castor-Transporte von Garching über 700 Kilometer ins Münsterland ruft allerdings vielerorts Widerstand hervor. Kommunalpolitiker aus der Region protestieren gegen Nukleartransporte durch die dicht besiedelten Gebiete im Großraum München, zumal der Atommüll aus dem Forschungsreaktor hoch angereichertes Uran enthält. Das kritisieren die Grünen und Umweltschutzorganisationen seit jeher. Solcher Brennstoff gilt vielen als besonders gefährlich, da das Uran auch nach dem Abbrennen möglicherweise für die Fertigung von Atomwaffen missbraucht werden könnte. Politisch war daher ursprünglich vereinbart worden, den Forschungsreaktor zeitnah auf einen Betrieb mit niedrig angereichertem Brennstoff umzurüsten. Der vorgegebene Zeitpunkt wurde jedoch immer wieder verschoben.
Auch die Menschen in Ahaus blicken den vorgesehenen Lieferungen nicht gerade freudig entgegen. Neben den zwei Castoren aus Garching hat das BASE außerdem noch den Transport von 152 Behältern aus dem ehemaligen Versuchsreaktor in Jülich in das Zwischenlager genehmigt. Die Stadt Ahaus hat ein Widerspruchsverfahren gegen die Transporte aus Garching beim BASE eingeleitet, dieses Verfahren läuft noch. Die Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“ organisiert mit weiteren Initiativen Demonstrationen und Sonntagsspaziergänge gegen die Transporte. Das Zwischenlager Ahaus zählt mit jenem in Gorleben zu den ältesten der 16 Zwischenlager in der Bundesrepublik. Der Betrieb ist lediglich bis 2036 genehmigt.

Gerichtsentscheidung:Garchinger Reaktor darf mit hochangereichertem Uran betrieben werden
Der Forschungsreaktor der TU München ist laut Bundesverwaltungsgericht rechtmäßig in Betrieb. Die Beschwerde des Bund Naturschutz gegen die Nichtzulassung einer Revision wurde zurückgewiesen.
Eine bessere Alternative wäre es angesichts all dessen, den Garchinger Reaktor weiterhin stillstehen zu lassen, bis ein niedrig angereicherter Brennstoff vorliegt, meint Grünen-Politiker Büchler. Inzwischen hat die TU München als Betreiberin des FRM II die Forschung an einem solchen Brennstoff zumindest offiziell begonnen und meldet nun erste Erfolge: Die Bestrahlungstests des neuen Brennstoffs unter realen Bedingungen, wie sie am FRM II auftreten, seien erfolgreich abgeschlossen worden. Noch bis Ende 2025 werde man einen offiziellen Genehmigungsantrag für die Umrüstung einreichen. Doch auch hier ist der Zeitrahmen sehr weit: Mit der Genehmigung planen die Verantwortlichen am FRM II erst Ende 2030. So lange freilich dürfte der Forschungsreaktor nicht stillstehen.

