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Garching:Neues aus Strunzenöd

Michael Altinger, Kabarett, Programm Schlaglicht. Garching, Theatron im Römerhof

Michael Altinger freut sich, dass er vor Publikum auftreten kann - auch wenn es locker sitzen muss.

(Foto: Florian Peljak)

Der Kabarettist Michael Altinger genießt seinen ersten Auftritt nach monatelanger, erzwungener Bühnenabstinenz im Garchinger Theatron ebenso wie das Publikum

Von Udo Watter, Garching

In der Welt des Sports gehört die emotionsbeschleunigende Intromusik schon seit Jahrzehnten zum Standard - und wer mal erlebt hat, wie in den späten Neunzigern die Chicago Bulls um Basketballsuperstar Michael Jordan zu den Klängen des Alan Parson Projects in die abgedunkelte Halle einliefen, der wird wissen, wie sich ein Gänsehaut-Overkill anfühlt.

Ganz so war es jetzt zwar nicht, als Michael Altinger flankiert vom pathetischen Keyboard-Sound seines musikalischen Begleiters Martin Julius Faber die Bühne in Garching betrat. Altinger, der zwar bald 50 wird, aber immer noch so eine niederbayerische Lausbuben-Aura entfaltet, dass man "der Michi" sagen möchte, ist eigentlich über jeden Pathos-Verdacht erhaben. Und wie der Kabarettist da durch die Ränge des ausverkauften, aber coronabedingt nur gezielt besetzten Theatrons im Römerhof hinab zur Freiluftbühne huschte, sich seiner Alltagsmaske entledigte, die Arme hob und sich feiern ließ, das war bei aller gespielten Übertreibung doch von fast feierlichem Ernst. "Ja, ja, des brauch i jetzt", rief er in den Applaus hinein. Für den 49-Jährigen, der während des Lockdowns ein digitales "Tagebuch einer Rampensau ohne Bühne" führte, war der lange Entzug vom Publikum wohl ein echter Schlag.

"Schlaglicht" heißt das Programm, das er jetzt zweimal in Garching zeigte, der Auftritt am Montagabend war sein erster seit dem 10. März, das Programm ist der zweite Teil einer Trilogie, und trägt den Zusatz: "Über den Verlust von Wahrheit und Moral". Bei Altinger, der oft mit diebischer Freude den sich selbst entlarvenden Kindskopf gibt, mündet die Umsetzung solch eines Satzes aber nicht in einen moralphilosophisch inspirierten Duktus. Er ist einer, der in seinem fiktiven Heimatdorf Strunzenöd in Wort, Körpersprache und Befindlichkeit quasi ganz normaldoof daherkommt. Doch hinter seiner mitunter harmlos inszenierten Bauernschläue lauern Gedanken, die den Zustand der Gesellschaft satirisch erhellen. In "Schlaglicht" wartet er auf das Unfallopfer aus dem ersten Teil der Trilogie, einen gewissen Hellmut Lux. Altinger hat als Kompensation für dessen demoliertes Auto eine Grillparty für ihn organisiert. Lux ist eine Lichtgestalt, die mit Erfindungen wie dem grünen Smoothie, aber auch als Spiritus Rector für Brandschutz finanziell mächtig profitiert - ein Erfolgsmensch, der natürlich nicht auftaucht und mit Vorsicht zu genießen ist. Altinger merkt an, dass der Brandschutz mehr gastronomische Existenzen vernichtet haben könnte als Corona.

Mit böser Schärfe greift Altinger aber selten an, verdächtig anmutenden Entwicklungen wie kollektives Männeryoga oder die Verunreinigung des bayerischen Kartoffelsalatrezepts durch multikulturelle Innovationen beschreibt er auf seine lausbübische "Michi"-Art. Hübsch auch, wenn er sich mit seinen Wortspielen in unappetitliche Vorstellungen hineinsteigert, beide Hände vors Gesicht hält und "Blumenwiese, Blumenwiese" sagend, auf eine Ersatzfantasie hofft. Schön die Beschreibung des Dorfmetzgers, der auf die Frage eines Kunden nach Herkunft des Fleisches wütend antwortet: "Bio, regional und das Viech wurde in den Tod gestreichelt."

Insgesamt ist das Programm inhaltlich aber nicht von großem Tiefgang oder dramaturgischer Finesse. Altinger ist Bühnentier genug, um über sein Alter zu witzeln oder das Publikum zum Mitsingen zu animieren. Wenn er eine neureiche Starnbergerin parodiert, die sich mit Freundinnen zum "gemeinsamen Flugschämen" trifft und deren geziert-dämlichen Tonfall nachahmt ("Das macht die beste Laune ever"), ist das sogar großartig. Auch sein Gedankenspiel, dass Putzen anstatt Kochen das neueste hippe Ding werden könnte (mit Putzshow und Promibüchern), ist gelungen. Manchmal lauert hinter der Harmlosigkeit Hinterfotzigkeit, aber öfter ist es auch nur ein bisserl albernes Rumgespinne aus Strunzenöd. Nie strunzblöd, aber auch nicht immer subtil und originell.

Ein Vergnügen war es trotzdem, auch der Veranstalter, Garchings Kulturreferent Thomas Gotterbarm freute sich über den kulturellen Restart. Er und Holger Hochmuth, Leiter der Musikschule, zu der das Theatron gehört, wollen die neue Open-Air-Spielstätte, weiter revitalisieren. "Eine wunderschöne Location" nennt sie Gotterbarm, von einem "Alleinstellungsmerkmal" spricht Hochmuth. Sie hoffen künftig auf eine richtige Bühne, mit richtiger Technik. Wäre auch gut für die Musikintros.

© SZ vom 24.06.2020

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