Süddeutsche Zeitung

Garching:Klärschlamm und Biomüll vor der Haustür

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Die Stadt München will zwei große Entsorgungseinrichtungen unmittelbar an der Grenze zu Garching bauen. Dort fürchtet man vor allem den zusätzlichen Verkehr - hat aber auch eine Idee, wie der Landkreis von den Plänen profitieren könnte.

Von Irmengard Gnau, Garching

Direkt südlich der Stadtgrenze von Garching könnten in den kommenden Jahren gleich zwei große Entsorgungseinrichtungen der Stadt München entstehen. Die Münchner Stadtentwässerung plant dort ein neues Klärschlammlager für die Kläranlage in Großlappen, außerdem ist eine Fläche gleich an der Grenze zu Dirnismaning als Standort für die neue Münchner Biomüllverwertungsanlage im Gespräch. In Garching fürchtet man weniger die Geruchsimmissionen, die von den Einrichtungen ausgehen könnten, als vielmehr die zusätzliche Verkehrsbelastung, zeigt aber auch Verständnis für die Pläne.

München wächst und mit der Zahl der Einwohner steigt auch das Aufkommen an Müll und Abwasser. Etwa die Hälfte ihres Biomülls verarbeitet die Landeshauptstadt bislang in einer Fermentationsanlage im Entsorgungspark Freimann, westlich der Autobahn A 9. Die Genehmigung für die dortige Anlage läuft allerdings spätestens 2027 aus. Die Stadt München will deshalb für 50 Millionen Euro eine neue Anlage bauen, die mit einer Kapazität von etwa 54 000 Tonnen pro Jahr den gesamten anfallenden Münchner Biomüll und noch mehr verarbeiten könnte. Zwei Standorte sind dafür im Gespräch: ein Neubau auf dem Gelände des Entsorgungsparks Freimann oder aber einer östlich der A 9 auf dem Gelände der ehemaligen Deponie Nord - direkt angrenzend ans Garchinger Stadtgebiet. Etwa 800 Meter Luftlinie wären es von dort zur nächsten Wohnsiedlung in Dirnismaning.

Hinzu kommt, dass die Münchner Stadtentwässerung Bedarf für eine neue Lagerhalle angemeldet hat, die ebenfalls unweit der Grenze zu Garching, gleich südlich der möglichen Biomüllanlage errichtet werden soll. Dort soll noch in diesem Jahr eine 70 Meter lange und 35 Meter breite Halle als Umschlaglager für Klärschlammasche aus der Kläranlage Großlappen und entwässerten Klärschlamm entstehen.

Mancher Garchinger Kommunalpolitiker fühlt sich angesichts dieser Pläne erinnert an die Politik der Achtzigerjahre, als die Umlandkommunen der Landeshauptstadt vorwarfen, ihre "Negativeinrichtungen", also alles, was roch oder unschön war, gesammelt an den äußersten nördlichen Stadtrand oder gleich in den Landkreis auszulagern. Florian Baierl (Unabhängige Garchinger) sprach dies im Bauausschuss des Stadtrats an. Die Beziehung zwischen München und den Landkreiskommunen ist heute freilich eine andere, man begreift sich als gemeinsame Metropolregion und stimmt sich in vielen Planungsfragen ab. Dennoch könnte es bei der neuen Münchner Biomüllanlage auf den Standort bei Garching hinauslaufen, denn die freien Flächen am Entsorgungspark möchte sich die Regierung von Oberbayern gern als Deponiemöglichkeit für die Zukunft bewahren. Die Stadt München könnte hier wohl nur eine befristete Genehmigung erhalten.

Die neue Biomüllverwertungsanlage soll auf dem neuesten Stand der Technik sein und komplett eingehaust. Weitgehende Lärm- und Geruchsfreiheit müssen über Gutachten nachgewiesen werden. "Wenn alle Vorgaben des Immissionsschutzes eingehalten werden, haben wir als Nachbarkommune rechtlich wenig Handhabe gegen so ein Projekt", sagt denn auch Garchings Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD). Er kann die Münchner Pläne aber durchaus nachvollziehen, auch wenn der Abfallwirtschaftsbetrieb (AWM) seine Verwaltung und ihn mit ihren Plänen etwas überrascht hätten - irgendwo müsse der Müll ja hin. Außerdem bringt Gruchmann die Option ins Spiel, ob nicht auch der Landkreis München seinen Biomüll in die neue Anlage liefern könnte. Die Bioabfälle aus den Landkreiskommunen müssen zurzeit weite Wege zurücklegen, seit die kreiseigene Anlage nicht mehr in Betrieb ist.

Der Radschnellweg soll nicht gefährdet werden

Mit Sorge betrachten die Garchinger Kommunalpolitiker eher die Verkehrssituation: Sowohl das Klärschlammlager als auch die Biomüllverwertungsanlage würden über die Staatsstraße 2350, die Freisinger Landstraße oder deren Parallelstraße erschlossen. Garching aber will schon seit Langem einen Radweg entlang der Staatsstraße 2350 bauen, um eine durchgehende Verbindung für Radler nach München zu schaffen. Diese Pläne sind zuletzt in Abstimmung mit der Landeshauptstadt konkret geworden - sie dürften nun nicht durch den zusätzlichen Lieferverkehr zu den geplanten Anlagen torpediert werden, fordert Gruchmann. Die Stadt München habe zugesagt, für den Radweg eine Lösung zu finden.

Bis zur Sommerpause muss sich der Münchner Stadtrat auf einen künftigen Standort für die neue Biomüllverwertung festlegen. 2028 soll diese in Betrieb gehen. Die Entscheidung werden viele auch in Garching mit Interesse verfolgen.

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