SZ-Serie: Die machen MutEin Jugendzentrum wie ein Wohnzimmer

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Begegnung auf Augenhöhe in Wohlfühlatmosphäre (von links): Giulio, Profil-Leiterin Aileen Köppl, Matti, Laith (oben), Florim, Layla und Johannes Mittermair.
Begegnung auf Augenhöhe in Wohlfühlatmosphäre (von links): Giulio, Profil-Leiterin Aileen Köppl, Matti, Laith (oben), Florim, Layla und Johannes Mittermair. Florian Peljak
  • Das Jugendzentrum „Profil“ in Garching bietet seit 1967 jungen Menschen einen offenen Treffpunkt, mit Vertrauenspersonen und Freizeitangeboten bis 22 Uhr.
  • Die Sozialpädagogen unterstützen Jugendliche bei Problemen und schaffen die Basis für persönliche Erfolge wie bessere Schulabschlüsse oder Musikkarrieren.
  • Nach Vandalismus im vergangenen Herbst blieb das Haus zwei Wochen geschlossen, doch eine Weihnachtsfeier sorgte für einen versöhnlichen Neustart.
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Das „Profil“ in Garching, wo die Stadtgesellschaft bunt ist und viele mehrere Sprachen sprechen, ist für die jugendlichen Stammgäste wie eine zweite Heimat. Hier finden sie Vertrauen und Halt, auch bei Problemen. Das schafft die Basis für eigene Höhenflüge.

Von Irmengard Gnau, Garching bei München

Ein Grüppchen junger Leute steht an diesem Winterabend vor dem Eingang des Jugendhauses „Profil“ in Garching. Ihr Atem bildet Rauchwolken in der kalten Abendluft. Matti, Arda, Lajla und Giulio haben es sich drinnen um den dunklen Holztisch in der Küche gemütlich gemacht. Sozialpädagoge Johannes sitzt vor einem Stapel Uno-Karten. An der Arbeitsplatte im Hintergrund schnippeln Andi und Aileen vom Team Gemüse. „Das Profil ist wie eine warme Oase“, sagt Giulio, 17, und man versteht schon nach kurzer Zeit im Haus genau, was er meint. „Wenn man von draußen kommt, weiß man: Hier hat man immer eine Zuflucht. Man kann viele Gespräche führen, man kann hier essen, alle an einem Tisch, wie bei einer Familie.“ „Es erweitert deinen Horizont, hier zu sein“, ergänzt Matti. „Ich habe hier übers Leben mehr gelernt als am Gymnasium – weil man hier die Ansichten von Menschen kennenlernt, deren Lebensgeschichte ganz anders ist als die eigene.“

Das Profil ist eine Institution unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der kleinen Universitätsstadt nördlich von München; seit 1967 bietet das Jugendzentrum Generationen von jungen Menschen ein zweites Wohnzimmer, manche sagen auch ein zweites Zuhause. Das Publikum ist bunt gemischt; viele junge Männer sind darunter, Mittelschüler, Gymnasiasten und Absolventen, viele sprechen in der Familie noch eine weitere Sprache als Deutsch. Herzstück des Hauses ist der offene Betrieb: Die Jugendlichen können ohne Anmeldung oder Eintritt kommen, miteinander kickern, an der Spielekonsole zocken, Air Hockey oder Billard spielen, sich etwas zu essen machen, oder einfach mit Freunden quatschen. Unter der Woche hat das Profil bis 22 Uhr geöffnet. Manche Gäste bleiben, bis ihnen die Augen zufallen.

„Uns ist es wichtig, dass wir nah dran sind an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen“, sagt Aileen Köppl. Die Sozialpädagogin leitet das Haus in Trägerschaft des Kreisjugendrings München-Land, seit bald 14 Jahren arbeitet sie dort. „Solche Angebote für Ältere sind so wichtig. Für Kinder gibt es viel, aber Jugendliche haben keine große Lobby“, sagt die 42-Jährige. „Und Jugendliche haben es zurzeit nicht leicht“, sagt Aileen Köppl. Seit der Corona-Pandemie folgt gefühlt eine Krise auf die nächste. Viele junge Menschen fühlen sich angesichts dessen verloren, tun sich schwer, eine Perspektive zu sehen.

„Es gibt viel Redebedarf“, sagt Köppl. Die Sozialpädagogin kennt die meisten ihrer Besucher schon seit Jahren. Sie erfährt, wenn Probleme die Jugendlichen bedrücken, sei es in der Familie, in der Schule oder bei der Jobsuche. Beim gemeinsamen Kickern, Uno Spielen oder Kochen kommt man ins Gespräch. Selbst wenn jemand mal Mist gebaut hat, sind sie und ihre Kollegen oft die ersten Ansprechpartner. „Die Leute hier kennen mich schon, seit ich 14 bin. Darum können wir über alles reden“, sagt Matti. „Ich weiß, dass ich mit jedem Problem zu den Pädagogen kommen kann.“

Fast wie in einer WG: Layla und Matti haben Spaß in der Küche des Profil.
Fast wie in einer WG: Layla und Matti haben Spaß in der Küche des Profil. Florian Peljak

Für Lajla ist das Profil „so ein bisschen das Herzstück der Stadt“, wie sie sagt. „Hier wird jeder akzeptiert, egal wer du bist, egal woran du glaubst.“ Die 26-Jährige war ebenfalls schon mit 14 Jahren regelmäßiger Gast, heute ist sie ehrenamtliche Jugendleiterin. „Hier im Profil findet man immer jemanden zum Reden“, bestätigt Arda. Die Jungs und Mädels wissen, was sie den Mitarbeitern anvertrauen, behandeln diese diskret. Dieses Vertrauensverhältnis schätzen die Jugendlichen. Und es legt in vielen Fällen die Basis dafür, dass sie immer wieder über sich selbst hinauswachsen.

Arda zum Beispiel. Der 17-Jährige hat vergangenes Jahr seinen Qualifizierten Hauptschulabschluss an der Garchinger Max-Mannheimer-Mittelschule gemacht, dank Nachhilfe von Profil-Mitarbeiter Andi sogar als Klassenbester. In diesem Jahr hat er sich das nächste Ziel gesetzt und will die Mittlere Reife schaffen. Giulio möchte eine Ausbildung anfangen, Zweiradmechatroniker würde ihn interessieren. Und Matti träumt davon, mit seiner Musik groß rauszukommen. Der 19-Jährige macht Deutsch-Rap. Erste Auftritte hatte er schon, dieses Jahr will der Student der Macromedia-Hochschule mit Kommilitonen ein Label gründen. Alle im Profil unterstützen ihn dabei. „Matti ist unser Star“, sagt Giulio und grinst. Unter dem Dach des Jugendzentrums hat Stammgast Matti inzwischen ein eigenes Aufnahmestudio, das er nutzen kann, wann immer er will.

Auch von außen wirkt das Profil in Garching heimelig, vor allem an dunklen kalten Winterabenden.
Auch von außen wirkt das Profil in Garching heimelig, vor allem an dunklen kalten Winterabenden. Florian Peljak
Matti beim Rappen in einem von vier Proberäumen. Musik ist ein Schwerpunkt des Profil.
Matti beim Rappen in einem von vier Proberäumen. Musik ist ein Schwerpunkt des Profil. Florian Peljak
Wie in jedem vernüftigen Jugenzentrum steht auch im Profil ein Kickertisch.
Wie in jedem vernüftigen Jugenzentrum steht auch im Profil ein Kickertisch. Florian Peljak

Musik ist seit jeher ein Schwerpunkt des Profil. Es gibt vier Bandprobenräume im Haus, die zu günstigen Preisen an Nachwuchsmusiker vermietet werden. Außerdem finden regelmäßig Konzerte statt. Steht Matti auf der Bühne, ist der Saal natürlich voll. „Garchinger halten immer zusammen“, sagt er und grinst.

Trotzdem fliegen auch unter den Profil-Gästen mal die Fetzen. Das sei normal, sagt Aileen Köppl. Zentral sei, zu deeskalieren und zu schlichten ohne Schuldzuweisungen, sodass man sich danach wieder zusammenraufen kann. „An Konflikten wächst man auch“, sagt die Pädagogin. „Das Gute ist: Wenn ich mich mit jemandem streite, kann ich hier direkt mit jemandem vom Team darüber reden“, sagt Giulio. „Den Konflikt erzählen, damit es nicht in einem drinsteckt. Der gibt dir einen Ratschlag, du spielst die Szene nochmal durch und bringst den Denkanstoß mit rein und bekommst so eine neue Perspektive.“ „Wenn es ein Problem gibt, versucht man, gemeinsam eine Lösung zu finden“, bestätigt Matti. „Es ist nicht eins gegen eins, sondern zwei gegen das Problem. Selbst wenn man sich schlägt, kommt man danach wieder zusammen.“

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Im vergangenen Herbst hatte das Profil selbst eine Härteprobe zu bestehen. Eine Außenwand wurde mutwillig beschädigt, Vandalismus. Das Team war getroffen. Für zwei Wochen blieb das Haus daraufhin komplett geschlossen, alle Angebote wurden abgesagt. Auch die Stammgäste mussten draußen bleiben. Irgendwann beschloss Aileen Köppl: „Wir brauchen jetzt wieder positive Vibes.“ Sie organisierten eine Weihnachtsfeier, mit Tombola und Mitmachaktionen. Viele Gäste kamen, es wurde ein tolles Fest. Und für Köppl ein versöhnlicher Abschluss des Jahres. „Jetzt schauen wir gemeinsam nach vorne. Wir wollen da sein für die Jugendlichen, bei Problemen, aber auch bei schönen Dingen.“ Matti zieht sogar etwas Positives aus dem Vorfall: „Wir alle haben gemerkt, wie viel uns das Haus wert ist. Das war uns auch eine Lektion: dass man noch besser auf das achtet, was man schätzt.“

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