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Garching:Die Isar bleibt der Abwasserkanal des Reaktors

Das Landratsamt erlaubt der TU, auch bis Ende 2039 schwach radioaktive Substanzen aus Garching einzuleiten

Von Gudrun Passarge, Garching

Die Technische Universität München (TU) darf als Betreiber des Forschungsreaktors München II und der Radiochemie München weiterhin schwach radioaktive und betriebliche Abwässer in die Isar leiten. Das Landratsamt hat die Genehmigung am 19. Dezember erteilt, wie die Behörde auf Anfrage der SZ mitteilte. Diese gilt für die nächsten 20 Jahre, zehn Jahre weniger, als die TU beantragt hatte, womit das Landratsamt Forderungen etwa der Stadt Garching nachkam. Die Genehmigung enthalte "umfangreiche Inhalts- und Nebenbestimmungen" und Auflagen, heißt es in einer Mitteilung des Landratsamts. Ismanings Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) zeigt sich "sehr überrascht" von dem Bescheid so kurz vor Weihnachten. Er kündigt an: "Wir werden es uns genau anschauen."

Die TU hat bereits seit 1999 eine Erlaubnis, Abwässer der Radiochemie und der Forschungsneutronenquelle in die Isar einzuleiten; diese läuft allerdings Ende 2019 aus. Beim neuen Antrag ging es um die Erlaubnis, pro Jahr 190 000 Kubikmeter Wasser in den Fluss zu leiten, etwa 370 Kubikmeter davon sind schwach radioaktiv mit einer Strahlung von maximal 4000 Becquerel pro Liter. Im Vergleich dazu: Ein Kilogramm Kunstdünger hat laut Wissenschaftlern des Reaktors 6300 Bequerel. Der Antrag wurde im Sommer in einem öffentlichen Erörterungsverfahren verhandelt, es gingen mehr als 1400 Einwendungen dagegen ein.

Besonders der Bund Naturschutz, die Grünen, die Landtags-SPD und das Umweltinstitut München sowie einige Kommunen äußerten Bedenken. Sie wiesen auf das Minimierungsgebot im Strahlenschutz hin und forderten, das Abwasser müsse wie Atommüll behandelt werden. Auch alternative Techniken wurden angemahnt, doch von den Betreibern als ineffizient und zu teuer bewertet. Kommunen wie Ismaning und Freising wiesen zudem auf den Freizeitwert der Isar hin und auf das Schutzgebiet Flora-Fauna-Habitat. Das Landratsamt hat alle Einwendungen abgearbeitet und teils auch Forderungen in die Genehmigung aufgenommen.

Die Auflagen stellten sicher, "dass die Einwirkungen auf die Isar so begrenzt werden, dass etwa eine schädliche Veränderung des benutzten Gewässers und eine Beeinträchtigung des Wohls der Allgemeinheit sowie Flora und Fauna ausgeschlossen sind", heißt es von der Behörde. So sei etwa die Regelung zur Fischbeprobung optimiert worden, die Abschlämmung von Kühlwasser nach dem Stand der Technik festgelegt und es seien zusätzliche Überwachungswerte aufgenommen worden. Zudem sei der Bescheid von 1999 an die geänderten fachlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst worden. Das bedeute, dass "sicherheitstechnische Anforderungen in Bezug auf die erforderliche Vorsorge gegen Schäden durch den Betrieb der Anlagen" aktualisiert wurden.

Dennoch ist der Grünen-Landtagsabgeordnete Markus Büchler enttäuscht: "Dass die TU unsere Isar nun weiterhin als Atomklo benutzen darf, obwohl alternativ eine Behandlung als Atommüll möglich wäre, ist ein Schlag ins Gesicht aller Bewohner im nördlichen Landkreis München, die den Fluss zum Baden oder Angeln nutzen möchten." Nach Ansicht Büchlers hätten radioaktive Abwässer, auch wenn sie nur schwach belastet sind, grundsätzlich nichts in der Isar verloren. "Nun muss die bayerische Staatsregierung veranlassen, dass die Technische Universität die Einleitung trotz der Genehmigung einstellt. Darauf werden wir Grüne weiterhin drängen", kündigt der Grünen-Politiker aus Oberschleißheim an.

Auch Ismanings Bürgermeister Greulich zeigt sich kämpferisch. Er bedauert, dass bei der Erörterung viele Fragen nicht ausreichend beantwortet worden seien, und weist darauf hin, dass der Reaktor Wasser auf Ismaninger Flur entnehme. "Diese Wasserthematik beeinträchtigt uns und wird uns bei anderen Planungen vorgehalten." Deswegen müsse Ismaning prüfen, "ob wir diesen Eingriff dulden müssen".

Die Unterlagen zum Bescheid werden im Januar in den Anrainer-Kommunen ausgelegt, der Zeitpunkt ist noch nicht bekannt. Gegen den Bescheid ist noch der Klageweg möglich.

© SZ vom 28.12.2019

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