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Historie:Vom Prestigeobjekt zum Politikum

Forschungsreaktor in Garching bei München wird stillgelegt, 20. Jahrestag am 28. Juli Reaktorgelände an der Technischen

Der neue Forschungsreaktor

(Foto: imago)

Am Dienstag jährt sich die Abschaltung des ersten Garchinger Forschungsreaktors zum 20. Mal. Während das Atomei am Ort zunächst gefeiert wurde, mehrte sich nach der Katastrophe von Tschernobyl die Kritik.

Von Carina Seeburg, Garching

Als im Januar 1957 am Garchinger Atom-Ei Richtfest gefeiert wurde, regte sich kaum Widerstand gegen den Bau eines Forschungsreaktors vor den Toren Münchens. "Öffentliche Aufregung gab es damals nicht, die Zeit der Ostermarschierer und Kernkraftstürmer war noch nicht gekommen", erinnerte sich der Physiker Heinz Maier-Leibnitz im Jahr 1983 an die Anfänge des Reaktors. Maier-Leibnitz seinerseits war ein großer Befürworter der friedlichen Nutzung von Atomenergie. Der Forschungsreaktor München (FRM) mit der charakteristischen 30 Meter hohen Kuppel, die wie ein Ei aussieht, ging auf seine Initiative zurück und war die erste kerntechnische Anlange in Deutschland.

Nach einer sehr kurzen Genehmigungs- und Bauphase wurde im Herbst 1957 die erste atomare Kettenreaktion als Sternstunde der deutschen Wissenschaft gefeiert. Schnell avancierte der Forschungsreaktor zu einem Fortschrittssymbol, einem leuchtenden Bild vom Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg, das auch für Plakatwerbung im Wahlkampf genutzt wurde. Heute ist das einstige Prestigeobjekt nicht viel mehr als eine strahlende Hülle, denn vor genau 20 Jahren, am 28. Juli 2000 wurde die Kernforschung im Atomei beendet. Was bleibt, ist die denkmalgeschützte Kuppel. Für die einen ein Denkmal, für andere ein Mahnmal, das an die großen Entwicklungen erinnert, die auf das Richtfest folgten.

In weniger als einem Jahr wurde der Forschungsraktor München (FRM), auch bekannt als Garchinger Atomei, 1957 am Ortsrand der Gemeinde erbaut.

(Foto: FRM Pressestelle)

"Im Reaktor Garching haben bahnbrechende Forschungen in der Physik, Chemie und Biologie ihren Ausgang genommen", betonte Wolfgang Herrmann, ehemaliger Präsident der Technischen Universität München (TUM) anlässlich des 40. Jubiläums der Anlage, die Garching zu einem Standort für Spitzenforschung und das einstige Bauerndorf zu einer Universitätsstadt machte. Denn es dauerte nicht lange, bis sich Fakultäten um das Atomei ansiedelten. Im Lauf der Jahre wurde der Reaktor so zur Keimzelle eines der größten naturwissenschaftlichen Forschungszentren Europas.

Forschungsreaktor in Garching bei München wird stillgelegt, 20. Jahrestag am 28. Juli Jul. 12, 1958 - Visiting the Munic

Das Foto zeigt Direktor Heinz Maier-Leibnitz (rechts) mit William Sterling Cole von der internationalen Atomenergiekommission 1959.

(Foto: imago)

Garching, das durch die Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Krieg seine Einwohnerzahl bereits verdoppelt hatte und 1956 rund 2800 Einwohner zählte, wuchs durch den Zuzug von wissenschaftlichem Personal ungewöhnlich schnell weiter. Ein Bauer nach dem anderen verkaufte seinen Acker. Josef Leinthaler war einer von ihnen. Ein Foto zeigt ihn 1957 mit eingespannten Pferden beim Pflügen seines Ackers - direkt neben der Baustelle des Reaktors. Das Nebeneinander hochmoderner Technik und traditioneller Landwirtschaft blieb nur für kurze Zeit bestehen, 1960 tauschte auch Leinthaler seine Pferde gegen einen Traktor. Mit der raschen Ausdehnung des Campus hat er zu Beginn noch nicht gerechnet. "Damals hieß es, mehr kommt da nicht mehr hin", erzählte er 2019 im Gespräch mit dem Heinz-Maier-Leibnitz Zentrum (MLZ).

Skepsis gegenüber der Anlage bildete sich in der Gemeinde anfangs kaum ab. Stattdessen überwog Freude über die Standortentscheidung und die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Aufschwung. Garchings damaliger Bürgermeister Josef Amon (CSU) hatte den Standort höchstpersönlich beworben und der einstige Ortspfarrer Josef Hogger sah in der Atomenergie gar "ein Geschenk Gottes". 1967 wurde das Atomei schließlich stolz ins Garchinger Gemeindewappen integriert.

Knapp 20 Jahre später veränderte der Reaktorunfall von Tschernobyl nachhaltig die Sichtweise der Bevölkerung auf die zivile Nutzung von Atomenergie. Bereits in den Siebzigerjahren hatte die Atomdebatte Deutschland erreicht. Jetzt formierte sich auch in Garching Widerstand. "Mir wurde damals schlagartig klar, dass wir auf einer Zeitbombe sitzen", sagte die Atomgegnerin und Aktivistin Gina Gillig im Oktober 2007 im Gespräch mit der SZ. Als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe initiierte Gillig die Bürgerbewegungen "Mütter gegen Atomkraft" und "Bürger gegen Atomreaktor Garching". Das einstige Prestigeobjekt war zum Politikum geworden und machte im Lauf der Jahre nicht nur durch wissenschaftliche Erfolge, sondern auch durch Störfälle, Gerichtsverfahren und Bürgerproteste von sich reden.

Als Ende der Achtzigerjahre Pläne bekannt wurden, wonach der alte Reaktor durch ein moderneres Modell ersetzt werden sollte, war der Aufschrei unter den Atomgegnern groß und hatte zur Folge, dass sich die Planungs- und Genehmigungsphase des Forschungsreaktors München II (FRM II) anders als bei seinem Vorgänger über zwei Jahrzehnte hinzog. Von der Errichtungsgenehmigung bis zur Fertigstellung fochten die Gegner jede einzelne Genehmigung an. Letztlich erfolglos. Auch ein Bürgerentscheid, mit dem eine knappe Mehrheit von 50,5 Prozent der Garchinger ihre Stadtverwaltung aufforderte, gegen den Reaktor einzutreten, hatte keine Wirkung: 2004 ging der FRM II als Nachfolger des Garchinger Atomeis in Betrieb.

Kundgebung der "Bürger gegen Atomreaktor Garching" gegen den Forschungsreaktor München II (FRM II).

(Foto: Robert Haas)

Hauptkritikpunkt bis heute ist die Verwendung von hochangereichertem Uran, das als waffenfähig gilt. Wie sein Vorgänger ist der FRM II ein Schwimmbadreaktor, allerdings mit einer thermischen Leistung von 20 statt 4 Megawatt. Befürworter des FRM II halten dem entgegen, dass die Leistung der Anlage damit aber noch nicht mit einem Atomkraftwerk zu vergleichen sei und die Wissenschaft in Bereichen von der Energiespeicherung über Materialforschung bis zur Strahlentherapie von Krebs nachhaltig von der Grundlagenforschung mit dem Neutronenstrahl profitiere.

Zu seiner Rolle in der Wissenschaft komme aber für den FRM II genauso wie für das Atomei auch eine historische Bedeutung, äußerte Anton Kastenmüller, technischer Direktor der Anlage im März 2014 im Gespräch mit der SZ: Denn der Nachfolger des ersten Meilers sei vermutlich zugleich die "letzte in Deutschland gebaute Reaktoranlage".

© SZ vom 27.07.2020/hilb

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