Ausstellung:Das Papier wert

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Der Stoff, aus dem die Helden sind, ist in dem Fall die silbrige Innenseite von Getränkeverpackungen: Inkyu Parks "Spartacus". (Foto: Florian Peljak)

Das Kallmann-Museum zeigt im Ismaninger Schlosspavillon Paper-Art von Inkyu Park und Martin Spengler - Skulpturen aus Wellpappe und Getränkeverpackungen, die irritieren und faszinieren zugleich.

Von Udo Watter, Ismaning

Im Dienst der Kunst zum Säufer zu werden, ist kein ungewöhnliches Schicksal. Inkyu Park berauscht sich freilich nicht mit Alkohol, um der Inspiration auf die Sprünge zu helfen: Der südkoreanische Künstler trinkt regelmäßig Getränkeverpackungen leer, um sie als Stoff für seine Paper Art zu nutzen. Aus rund 22 000 Teilen besteht etwa seine Laokoon-Gruppe, die derzeit prominent in der Ausstellung "Aus Papier - Objekte und Installationen von Inkyu Park und Martin Spengler" im Mittelsaal des Ismaninger Schlosspavillons zu sehen ist.

Als Grundmaterial dienen dabei Tetrapaks, im künstlerischen Prozess kommen die bedruckten Außenseiten diverser Saft- und Milch-Verpackungen ebenso zum Einsatz wie die silbrigen Innenseiten. Die Apfel-, Mango- oder Ananas-Säfte müssen freilich vorher konsumiert werden genauso wie die Alpenmilch, und das obliegt eben teilweise Inkyu Park, wie Kurator Rasmus Kleine, der Leiter des Ismaninger Kallmann-Museums, erklärt. "Er hat dabei wohl auch zugenommen."

Die zwischenzeitliche Gewichtssteigerung hat sich gelohnt. Die Laokoon-Gruppe ist eine Papierskulptur, die in ihrer großformatigen Raumwirkung optisch in den Bann zieht wie auch mit erstaunlichen handwerklichen Details. Die formale Umsetzung der Skulptur, die wie viele seiner Arbeiten von Meisterwerken der klassischen Skulptur inspiriert sind, ist beeindruckend. Ausgehend von 3D-Scans erstellt Park, der in München an der Akademie der bildenden Künste studiert hat, geometrische Schnittmuster, um die Werke im nächsten Schritt in akribischer, fast perfektionistischer Handarbeit aus Tausenden von Einzelteilen nachzubauen. Zudem löst die Arbeit, die teils bunt, teils silbrig ist, allerlei interessante Assoziationen aus.

"Mythen, die gleichsam die klassischen Mythen abgelöst haben"

So erscheint sie, obwohl sofort erkennbar, dennoch verfremdet. Das Abfallmaterial kann als kritischer Kommentar zu den Mythen der Konsumgesellschaft aufgefasst werden. "Mythen, die gleichsam die klassischen Mythen abgelöst haben", konstatiert Kleine. Parks Arbeiten - im Schlosspavillon sind noch seine Versionen von Rodins Denker, der Venus von Milo oder eine Spartacus-Skulptur zu sehen, die in ihrer silbernen Anmutung fast edel-klassische Einfalt ausstrahlt - hinterfrage aber auch den überlieferten, heroisierten Kanon der Kunstgeschichte. In der Kombination aus Form und Stoff entfaltet sich zudem eine humorvolle Note. Und: "Es stellt sich die Frage nach dem Original", wie Kleine sagt. Selbst viele antike Skulpturen, die wir als original empfinden, sind ja eigentlich römische Replikate griechischer Vorbilder. Aus einer gewissen Perspektive betrachtet sei Parks "Laokoon-Gruppe" also genau so ein Original wie der berühmte Marmor-Vorgänger im Vatikanischen Museum.

Kommentar zu den klassischen Mythen und den Mythen der Konsumgesellschaft: die "Laokoon-Gruppe" von Inkyu Park. (Foto: Florian Peljak)

Was auf jeden Fall ins Auge sticht: In dem ursprünglich barocken, später klassizistisch umgestalteten Schlosspavillon machen sich Inkyu Parks Objekte - mit einer liegenden Freiheitsstatue ist auch eine Ikone der Moderne zu bestaunen - visuell hervorragend, zumal in der Kombination mit den Reliefs und Skulpturen Martin Spenglers aus Wellpappe.

Vergleichbar sind beide Künstler darin, dass beide in weiterem Sinn Papier benutzen - einen sonst eher als banales Alltagsmaterial angesehenen Wertstoff. Zudem orientiert sich Spengler ebenfalls an realen Monumenten - Architekturen wie dem Kölner Dom, aber auch Hochhäusern oder markanten Parkhäusern, die eine bestimmte urbane Welt prägen. Und ähnlich wie Park ist der 1974 in Köln geborene Spengler ein Künstler, der im kreativ-handwerklichen Prozess sehr akribisch und detailverliebt vorgeht. Ausgehend von Fotografien gestaltet er seine Gebäude und Gebäudedetails aus Wellpappe, die er schichtweise aufeinander klebt. Es entstehen massive Körper, aus denen er dann präzise die architektonischen Formen und Strukturen heraus schnitzt, die er wiederum mit weißer und schwarzer Farbe akzentuiert.

Vertikale Dynamik: Im Vordergrund Martin Spenglers "Parkhaus", dahinter "Collini-Center". (Foto: Florian Peljak)

In Ismaning sind unter anderem die vertikalen, relativ groß dimensionierten, aber extrem kleinteiligen Arbeiten "Kathedrale", "Parkhaus" und Collini-Center" zu sehen, wobei letzteres ein Hochhaus im Stil des Brutalismus ist, das realiter in Mannheim steht. Neben der schon in ihrem Detailreichtum faszinierenden, skulpturalen Version des Gebäudes im Mittelsaal ist auch ein zweiteiliges Werk in einem der rechteckigen Seitenflügel zu sehen, das noch den Zusatztitel "Sollbruchstelle" trägt. Dem Betrachter zeigen sich zwei reliefartige Versionen des Collini-Centers, die mit einer unrealistisch-faszinierenden Perspektivenvielfalt, Plastizität und atemberaubenden Detailfinesse aufwarten. In der einen Variante irritieren zudem noch besondere surreale Elemente, die den Mittelteil des Gebäudes aufzuweichen im Begriff sind - was sich aber nicht wirklich auf die Stabilität des Hauses auszuwirken scheint. Spiegelbildliche Doppelungen gehören ebenso zum gestalterischen Stil Spenglers, das zwischen Konstruktion und Zerstörungsansatz, Ordnung und Chaos changiert.

Die irritierenden Perspektiven und eine Einladung an die Augen, sich in den Gebäuden zu verlieren, tun ein Übriges. "Es ist ein absurdes Einbrechen in die Ordnung", erklärt Kleine. Ein weiterer Hingucker ist das große Wellpappen-Relief-Bild "Die Welle" von Spengler, die quasi im Moment des Zusammenbrechens festgehalten ist und in der sich große Dynamiken und Kräfte entfalten: stabil und empfindlich.

Ein Teil von Spenglers "Collini-Center (Sollbruchstelle)". (Foto: Florian Peljak)

Überhaupt zeigt sich in den Arbeiten Parks und Spenglers das hohe ästhetische Potenzial von Papier, das als Wertstoff in unterschiedlichen Qualitäten fast grenzenlose Möglichkeiten für die plastisch-räumliche Gestaltung bietet: Paper Art de luxe.

Die Ausstellung im Schlosspavillon dauert bis 2. Juni. In der Neuen Galerie Dachau, das eine Kooperation mit dem Kallmann-Museum pflegt, sind von 26. April an im zweiten Teil der Ausstellung Werke von Verena Friedrich, Carolina Camilla Kreusch, Lioba Leibl, Nadja Schöllhammer, Reinhard Wöllmer und Zhuang Hong Yi zu sehen. Zudem veranstaltet das Kallmam-Museum am Freitag, 19. April, ein Konzert in der Ismaninger Seidl-Mühle mit dem renommierten deutschen Jazz-Pianisten Rainer Böhm und dem britischen Star-Trompeter Percy Pursglove, Beginn ist um 20 Uhr.

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