Süddeutsche Zeitung

Meine Woche:Input für die Trainingsarbeit

Ex-1860-Torwart Michael Hofmann schaut bei der Fußball-EM ganz genau hin.

Von Stefan Galler, Brunnthal

Es ist nicht so, dass Michael Hofmann seine Frau oder seine beiden Töchter aus dem Wohnzimmer werfen würde. Aber wenn in seinem Haus im Brunnthaler Ortsteil Faistenhaar die Spiele der Fußball-EM laufen, dann will sich der frühere Torwart des TSV 1860 München voll auf den Sport konzentrieren, die Partien mit Blick auf Taktik und Spielsystem betrachten. Schließlich hat der 48-Jährige nach seiner Karriere mittlerweile die Seiten gewechselt: Der Ex-Profi, der 82 Mal für die Löwen in der Bundesliga auflief und insgesamt 92 Zweitligaspiele für Sechzig und Jahn Regensburg bestritt, ist nun Torwarttrainer, seit vier Jahren macht er die Keeper beim Drittligisten Türkgücü München fit. Im Frühjahr verlängerte er seinen Vertrag um ein weiteres Jahr.

Am Samstag erlebte er den Zusammenbruch des Dänen Christian Eriksen live und war ebenso geschockt und später erleichtert wie viele andere. "Ich werde schon möglichst viel von der Europameisterschaft aufsaugen, aber alles komplett durchschauen, geht leider nicht", sagt Hofmann. Die Arbeit im Trainerstab eines Profivereins sei schließlich ein Full-Time-Job, gerade in der Saisonvorbereitung. "Aber die Abendspiele gehen immer, und es gibt nichts Besseres, als den Arbeitstag mit Live-Fußball ausklingen zu lassen."

Wenigstens ruht seine andere berufliche Tätigkeit in den nächsten Wochen: Hofmann ist auch als Experte bei den Live-Spielen des Sport-Streamingdienstes DAZN zu hören, in den Studios auf dem Agrob-Gelände in Ismaning analysiert der gebürtige Oberfranke unter anderem Spiele aus Italien und Spanien, die dortigen Ligen sind derzeit in der Sommerpause.

Augenmerk liegt auf den Torhütern

Er betrachte Spiele mittlerweile ganz anders als früher, sagt Hofmann: "Ich sammle Informationen, nehme Anschauungsunterricht und hole mir Input für meine Trainingsarbeit." Und deshalb wird der A-Lizenz-Inhaber auch bei der Europameisterschaft sein Augenmerk vor allem auf die Torhüter und die Abwehrreihen legen. Zu den besten zählt er neben den Routiniers Manuel Neuer und Hugo Lloris (Frankreich) auch den Belgier Courtois und den Italiener Donnarumma. Seine persönlichen Favoriten sind der WM-Dritte Belgien, Weltmeister Frankreich und Italien.

Und wie wird das deutsche Team abschneiden, das am Dienstag gleich gegen die Franzosen ins Turnier einsteigt? "Nach vorne ist unsere Mannschaft gut, aber defensiv ist sie nicht titelreif, denke ich", sagt Hofmann. "Ich hoffe, dass ich mich täusche, alleine schon, weil ein Titelgewinn eine tolle Stimmung im Land hervorrufen würde." Auch innerhalb des Vereins würde ein gutes Abschneiden der DFB-Elf Vorteile bringen, schließlich arbeitet Hofmann bei Türkgücü mit zahlreichen türkischen Spielern und Betreuern zusammen, der neue Chefcoach Petr Ruman ist Tscheche. "Da wird selbstverständlich viel gefrotzelt, aber das gehört dazu."

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SZ vom 14.06.2021/sab
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