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Fünf Jahre Flüchtlingsarbeit im Landkreis:Bleiberecht

Vor fünf Jahren kamen Tausende Geflüchtete im Landkreis an. Viele von ihnen haben sich erfolgreich eine Existenz aufgebaut - so wie Abdu Swayeck aus Syrien. Andere leben nach wie vor in Flüchtlingsunterkünften. Der Versuch einer Bilanz.

Von Christina Hertel

Der zweijährige Junge, den irgendwer in Abdu Swayecks Arme drückte, als das Schlauchboot ablegte, und der sich an ihm festhielt, als es in den Wellen unterging, geht heute in die Grundschule. Seine Lippen seien damals so blau gewesen, sein Gesicht so kalt und blass, dass er dachte, das Kind sei tot, als sie beide den Strand erreichten, sagt Abdu Swayeck. Er ist 31 Jahre alt, stammt aus Syrien und stieg vor fünf Jahren mit 35 Menschen in ein Boot, in dem eigentlich bloß für halb so viele Platz war, als Bomben auf Aleppo fielen. Am Strand habe der Junge plötzlich geatmet und sich in den nächsten Wochen auf der Reise von Griechenland nach München noch oft an ihm festgehalten - bis beide im August 2015 am Hauptbahnhof ankamen.

Der Junge lebt heute mit seinen Eltern in Nürnberg, Abdu Swayeck in Ottobrunn. Manchmal besuchen sie sich. "Mir geht es gut", sagt Swayeck, dessen Geschichte klingt, als sei er die lebendige Antwort für all jene, die Angela Merkels "Wir schaffen das" in Frage stellen. Er erzählt sie im Putzbrunner Pfarrheim, weil er dort mittlerweile Mitglied im Asylhelferkreis ist und selbst eine syrische Familie unterstützt. Swayeck trägt bei dem Treffen eine grüne Trachtenweste, weil er im Brauereigasthof in Aying arbeitet, wo er nach dem Interview Schicht hat. Bald beendet er seine Ausbildung zum Hotelfachmann, die er dort begonnen hat.

Swayeck hat nach seiner Flucht nicht nur einen Job im Landkreis gefunden, sondern auch eine Wohnung, und in seiner Freizeit spielt er gerne mit Freunden Tennis. Ist er von den Tausenden Menschen, die 2015 nach Deutschland kamen, eine glückliche Ausnahme? Oder ist das der Regelfall? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht.

Im September 2015 kamen mehr als tausend Geflüchtete innerhalb weniger Tage im Landkreis München an. "Manchmal bekamen wir nachts um zwei einen Anruf, dass in einer halben Stunde drei Busse voll mit 150 Menschen ankommen", erinnert sich Gerhard Bieber, Pressesprecher der Johanniter, die damals halfen, die Notunterkünfte in Keferloh und in Aschheim aufzubauen. Auch das Technische Hilfswerk, Feuerwehren, Rathausmitarbeiter und Ehrenamtliche stellten Feldbetten und Duschcontainer auf, verteilten Essen und Trinken. Gleichzeitig richteten sie zwölf Turnhallen und acht Traglufthallen her. Alleine in der Notunterkunft in Aschheim kamen nach Schätzungen der Gemeinde 15 000 Menschen im Laufe von zehn Wochen unter. Die meisten sollten sich in dem umfunktionierten Bürogebäude nur einen Tag erholen, bevor sie in die nächste Unterkunft verlegt wurden. "Obwohl es so viele Menschen waren, war es immer unheimlich still", sagt Biber. "Alle waren am Ende ihrer Kräfte."

Heuer kamen 30 Flüchtlinge an

Abdu Swayeck kam damals nicht mit einem der vielen Busse nach Aschheim. Er blieb am Münchner Hauptbahnhof. In Syrien hatte er an der Uni Deutsch gelernt, ein Polizist bekam das mit und bat ihn, für die Ankommenden zu übersetzen. Später zog er in eine Unterkunft in Geltendorf, fand jedoch schon nach ein paar Monaten ein eigenes WG-Zimmer in Ottobrunn - weil er in einer Bar gesessen und sich mit Leuten unterhalten hatte. Für andere war die Suche deutlich schwieriger - viele suchen immer noch. Knapp 3000 Menschen leben nach wie vor im Landkreis München in einer Asylunterkunft. Die Kapazitäten seien nahezu ausgelastet, obwohl kaum mehr neue Geflüchtete in den Landkreis verlegt werden, heißt es aus dem Landratsamt. Heuer kamen gerade mal 30 neue Flüchtlinge an. Doch sie alle schaffen es selten aus den Unterkünften wieder heraus. In Aschheim fanden acht eine Wohnung, in Kirchheim leben 19 Geflüchtete in eigenen Wohnungen, doch fast fünfmal so viele in einer Gemeinschaftsunterkunft.

Pullach, Burg Schwaneck, Unterkunft für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge

Knapp 3000 Geflüchtete leben nach Auskunft des Landratsamtes immer noch in Asylbewerberheimen. Diese damals minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge fanden 2015 in der Burg Schwaneck in Pullach eine Unterkunft.

(Foto: Angelika Bardehle)

Eine von ihnen ist Esohe Uhunmwagho aus Nigeria. Mit ihren beiden Söhnen, elf und vier Jahre alt, lebt sie in zwei Zimmern. Hinter ihrer Couch steht ein Hochbett aus Metall. Esohe Uhunmwagho kam wie Abdu Swayeck 2015 in München an. Auch sie sei glücklich hier, sagt sie. Selbst wenn die vergangenen fünf Jahre für sie ganz anders verliefen. Sie fand zwar einen Job als Security-Mitarbeiterin vor einem Einkaufszentrum, doch sie habe ihn wieder kündigen müssen, weil niemand auf ihre Kinder aufpassen konnte. Deutsch lernte sie erst in einem Kurs in Kirchheim. Die Gemeinde stellte damals eigens eine Lehrerin für Flüchtlinge an. Esohe Uhunmwagho und die anderen knapp 120 Geflüchteten in Kirchheim können mit ihr auch Stunden am Abend oder am Nachmittag ausmachen. Vor kurzem begann Uhunmwagho, ihren Schulabschluss nachzuholen. Danach möchte sie eine Ausbildung zur Kinderpflegerin beginnen.

"Die Aufgaben haben sich verändert", sagt Gerlinde Reichart vom Kirchheimer Asylhelferkreis. Es gehe nicht mehr darum, woher die Menschen etwas zu essen bekommen, sondern ob sie eine Arbeit, eine Wohnung und Freunde in ihrer neuen Heimat finden. Denn tatsächlich ist absehbar, dass die meisten Menschen noch lange bleiben werden: Von den 3430 Geflüchteten, die derzeit im Landkreis leben, haben 2293 einen Aufenthaltstitel, bei 619 läuft das Verfahren. 518 sind nur geduldet, ihre Abschiebung wurde ausgesetzt. In 70 Prozent der Fälle ist laut Landratsamt der Grund, dass keine Ausweise existieren. Auch Esohe Uhunmwagho hat keine Papiere - und deshalb keinen positiven Asylbescheid. Ihre Heimat Nigeria verließ sie bereits vor 20 Jahren, sie lebte in Dänemark und in Italien. Wo soll eine Behörde sie hinschicken? Esohe Uhunmwagho weiß selbst keine Antwort auf diese Frage.

Abdu Swayeck hingegen braucht Deutschland nie mehr zu verlassen - außer er möchte. Er hat seit Kurzem einen deutschen Reisepass und nächstes Jahr bekomme er eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis. "Die ersten zwei Jahre in Deutschland hatte ich immer Angst, dass ich vielleicht doch zurück muss", sagt er. Dass er die schon lange nicht mehr haben muss, erleichtert für ihn vieles. "Ein Afghane, der mit mir die Ausbildung macht, muss alle sechs Monate seine Duldung verlängern. Er ist immer nervös und jetzt hat er die Abschlussprüfung nicht bestanden." Wie es für seinen Kollegen weitergeht, weiß Swayeck nicht. Er selbst sei sich jedoch sicher, dass er nach der Ausbildung einen festen Arbeitsvertrag erhält.

Macht eine Ausbildung als Hotelfachmann in Aying: Abdu Swayeck.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Wie viele geflüchtete Menschen es wie Swayeck geschafft haben, ist schwer zu sagen. Laut Landratsamt sind 1352 Menschen mit einem Bleiberecht erwerbstätig, das heißt, sie haben einen Job oder machen eine Ausbildung. 1192 bekommen Sozialleistungen. Doch in diese Statistik fließen auch Kinder und Partner ein, die wegen der Kinderbetreuung nicht arbeiten können. Die Aschheimer Integrationsbeauftragte Eleanor Hagen schätzt, dass in ihrer Gemeinde 40 von 120 Asylbewerbern einen Job oder einen Ausbildungsplatz haben. In Kirchheim sind die meisten Geflüchteten beschäftigt: 41 Prozent haben eine Arbeit oder Ausbildungsplatz und 21 Prozent machen laut der Integrationsbeauftragten Carina Steger Deutschkurse und Weiterbildungen.

5000 Helfer im Einsatz

"Vor fünf Jahren kamen hier Menschen an, die teilweise vollkommen orientierungslos waren, unsere Sprache nicht beherrschten, keine Ahnung von den Zusammenhängen und Strukturen in Deutschland hatten. Heute wohnen hier Menschen, die ihr Leben hier meistens schon gut alleine meistern", schildert sie. Gelungen ist das auch, weil viele Ehrenamtliche halfen. Im Herbst 2015, schätzt das Landratsamt, waren im ganzen Landkreis 5000 Helfer im Einsatz, jetzt seien es noch bis zu tausend, die beim Deutschlernen und beim Schreiben von Bewerbungen helfen.

"Am Anfang hatten manche Angst, die Flüchtlinge könnten uns überrollen", sagt Diakon Karl Stocker, der den Asylhelferkreis in Ottobrunn und Putzbrunn leitet. "Doch das ist nicht passiert. Die Leute haben irgendwann gemerkt, dass Flüchtlinge auch keine anderen Menschen sind." Wie schmerzlich Vorurteile sein können, hat auch Abdu Swayeck erfahren. Sein erstes WG-Zimmer fand er zur Untermiete, bis der Vermieter zu seinem Bekannten sagte: "Spinnst du, der macht doch nur Probleme, am Ende zündet er eine Bombe." Dass Swayeck Deutsch verstand, wusste er nicht. "Ich habe dann gesagt: Hey, ich bin doch nicht dumm. Wenn ich eine Bombe werfe, dann doch nicht auf mein eigenes Haus." Er durfte dann bleiben.

© SZ vom 12.09.2020/belo

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