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Fröttmaninger Heide:Explosives Erbe im Naturschutzgebiet

"Im Prinzip ist das ein Minenfeld", sagt Gebietsbetreuer Tobias Maier. Er steht vor den Resten von Militärbaracken.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • In der Fröttmaninger Heide wird wohl noch bis zum Herbst nach Überresten von Munition und Sprengkörpern gesucht und ein Konzept erstellt, nach welchen Kriterien geräumt wird. Die Räumung selbst wird noch mehrere Jahre dauern.
  • Die Kosten werden die Kommunen übernehmen. Ob sich auch der Bund daran beteiligen muss, wird im Gericht entschieden.
  • Anwohner und Naturschützer interessiert das weniger. Sie stritten darüber, welche Gebiete zu betreten seien und fanden einen Kompromiss.

Die Grundschulkinder recken eifrig ihre Arme hoch, gedämpft dringen ihre Rufe durch die Glastüre hinein ins Heidehaus. Sie springen an diesem sonnigen Vormittag aufgeregt um eine Decke beim Hintereingang des Informations- und Bildungszentrums herum. Die Umweltbildungs-Referentin hat sichtlich ihre Freude an der Wissbegierde der Kinder. Hinter ihnen erstrahlt eine blühende Blumenwiese in der Sonne, das idyllische Bild stört nur ein enormer Geröllhaufen in gut einem Kilometer Entfernung. Es sind die Überreste von alten Militärbaracken, inmitten eines jahrzehntelang militärisch genutzten Gebiets. "Im Prinzip ist das hier wie ein Minenfeld", sagt Tobias Maier.

Der 52-jährige Biologe sitzt an einem Tisch im Heidehaus. Er ist Gebietsbetreuer; und als solcher ist er, wie alle seine gut 50 Kollegen in Bayern, als Ansprechpartner für die Umsetzung der Naturschutzverordnung bestellt. Nahezu täglich ist Maier in der Heidelandschaft unterwegs, ein profunder Experte für dieses Areal und damit auch ein Kenner der problematischen Pole, die in und um das Heidehaus sehr deutlich sichtbar sind: In einer Vitrine an der Wand liegt eine verrostete Panzergranate aus dem Zweiten Weltkrieg, Kaliber 8,8 Zentimeter, gefunden von einem Schäfer in einem Kiesbett, knapp unter dem Boden vergraben.

In der Fröttmaninger Heide findet sich außer Flora und Fauna auch viel Munition.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Kinder sind begeisterte Zuhörer, Erklärungen zugeneigt, was hier erlaubt und was man tunlichst lassen soll - anders als so mancher Erwachsene, wie Maier berichtet. Mountainbiker oder auch Motocross-Fahrer zum Beispiel, die durch die Heide bügeln. Hunde, die ohne Leine herumtollen, sich in Tümpeln wälzen. "Ich erkläre den Hundehaltern dann, dass diese Tümpel Amphibien als Laichgewässer dienen, der Laich verschlammt, verpilzt und stirbt, die Kaulquappen ersticken", erzählt Maier. Manche sehen das ein, viele nicht. "Die sind nicht erfreut, dass ihr Verhalten reglementiert wird", formuliert es der Biologe.

Vorsichtige Worte für einen lange andauernden, teils hitzigen Streit. Was soll erlaubt und was verboten sein zwischen den Hügeln und Wiesen? Die Natur mehr vor dem Menschen schützen oder den Menschen mehr Naherholung erlauben? Das 334 Hektar große Areal der Südlichen Fröttmaninger Heide im Grenzgebiet zwischen nördlichem Stadtrand, Garching und Oberschleißheim gilt als einzigartiges Biotop mit seltenen Tier- und Pflanzenarten, es ist Teil des Natura-2000-Gebiets im Münchner Norden, zu dem auch die Panzerwiese und das Mallertshofener Holz zählen. Die Heide ist in vier Zonen mit verschiedenen Vorschriften eingeteilt: Die "Schutzzonen" sind ganzjährige Tabuzonen, die "Zone für das Heideerleben" und die "Umweltbildungszone" nur während der Vogelbrutzeiten; durchgängig offen für Spaziergänger und Gassigeher sind nur die "Zonen für das freie Betreten"; nur hier sollen Herrchen und Hund auch abseits der Wege herumstreifen dürfen, wobei die kurze Leine Pflicht ist.

Ein Schild warnt vor dem Betreten der Heide.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das mag so mancher Anwohner noch immer nur schwer akzeptieren. Schließlich war das Gebiet Jahrzehnte lang ein Truppenübungsplatz, ein kaum pfleglich behandelter Landstrich, wo sich Spaziergänger wie selbstverständlich bewegten. Indes weiß man erst seit 2017 über das ganze Ausmaß des explosiven Erbes Bescheid, welches die lange Militärgeschichte hinterlassen hat: Munitions- und Sprengstoffreste, verteilt auf das gesamte Gebiet, dokumentiert durch Luftbilder, magnetische Sondierungen, testweise Räumungen. "Ein Stupser mit dem Wanderstock oder ein falscher Tritt kann theoretisch tödlich sein", sagt Gebietsbetreuer Maier.

Er steht jetzt auf einem Kiesweg unweit des Heidehauses, Umweltbildungszone. Maier deutet auf eine rote, am Boden aufgesprühte Markierung. Diesseits der Linie ist es sicher, was jenseits davon blühen könnte, zeigt ein Schild: "Lebensgefahr durch Kampfmittel!", steht darauf in roten Großbuchstaben. Dutzende Schilder und Markierungen sind entlang des 20 Kilometer langen Wegenetzes verteilt - immerhin dieses ist seit einigen Monaten komplett von Munitionsresten befreit und gefahrlos begehbar.

Ökokonto in der Fröttmaninger Heide

Der Heideflächenverein Münchner Norden ist eine Föderation von Stadt und Landkreis München, dem Kreis Freising sowie fünf nördlichen Nachbarkommunen: Garching, Unter- und Oberschleißheim, Eching und Neufahrn. Sie fanden sich Ende der Achtzigerjahre zusammen, um die Heideflächen als Naturraum zu sichern - und haben dafür im Jahr 2007 das 334 Hektar große Segment südlich der Autobahn A 99 ("Südliche Fröttmaninger Heide") für 1,9 Millionen Euro vom Bund gekauft. Das Ziel: Einerseits wollen die Städte und Gemeinden diesen wertvollen Naturraum erhalten, ihn hegen und pflegen sowie vor Bebauung schützen.

Andererseits benutzen sie das Areal aber auch als planungsrechtlich wertvolles Reservoir: Die Akteure haben sich per Vertrag gegenseitig Ausgleichsflächen-Kontingente zugesichert. Das sind jene gesetzlich vorgeschriebenen Flächen, die Bauträger gemäß Umweltvorgaben als Kompensation ökologisch aufwerten müssen, weil sie an anderer Stelle ein Gebiet versiegeln. Ein verfügbares Ökokonto also, das insgesamt 62,63 Hektar der Südlichen Fröttmaninger Heide umfasst. Größter Nutznießer ist die Stadt München, sie hält gut 30 Prozent dieser Fläche (18,96 Hektar), gefolgt von Unterschleißheim (13,48 Hektar).

Das ist praktisch für die Kommunen: Sie müssen nicht womöglich wertvolles Bauland auf ihrem Gebiet freihalten sondern pumpen Geld für die Landschaftspflege in die Heide, die ohnehin quasi brach liegt. Es zeigt sich nun, dass die Landeshauptstadt dabei ist, ihr Ökokonto um gut 16 Hektar zu überziehen, spätestens wenn das neue Wohnquartier Bayernkaserne anfällt. Doch die Nachbarn wollen aushelfen: Die Kommunen kamen überein, dass der Aufteilungsschlüssel zugunsten Münchens aktualisiert werden darf. Im Prinzip treten dabei jene, die wenig oder gar keinen solchen Bedarf haben, Flächen ab. Im Gegenzug muss München mehr für die so genannte Erhaltungspflege zahlen, sprich: nicht nur ein Gebiet zum Biotop entwickeln, sondern auch Sorge tragen, dass es danach auch ein solches bleibt. Konkret fallen 75 570 Euro für zehn Hektar pro Jahr an. smüh

Derzeit sind die Kampfmittelräumer dabei, die "Umweltbildungszone" östlich des U-Bahnhofs Fröttmaning von Munitionsresten zu befreien; 30 Hektar sind schon geschafft, wie es heißt - bis Jahresende soll der größte Teil dieses Heidesegments am Rande der Wohnbebauung gefahrlos zugänglich sein. Allein, es wird wohl noch viele Jahre dauern, bis dies für das gesamte Naturschutzgebiet gilt. Denn die Experten grasen die Heide buchstäblich mit der Hand nach den Überresten ab.

Der Grund: Es gilt, behutsam mit dem Boden, den darauf lebenden Tieren und Pflanzen umzugehen. Deshalb wird zunächst ein Wagen mit Sonden über ein Geländesegment geschoben, wodurch eine GPS-gestützte, geomagnetische Karte entsteht. Das Gerät erfasst ferromagnetische "Störkörper", also Objekte aus Eisen und Stahl. Das können potenziell explosive Relikte sein - oder ungefährliche Schrottteile. Um das herauszufinden, müssen sich die Fachleute von jedem Gebilde per Handsonde ein genaues Bild machen, "den Boden per Hand lesen", wie es Gebietsbetreuer Maier ausdrückt. Dabei ist das so genannte Räumkonzept - also welche Areale wie stark belastet sind und welche Bereiche primär beackert werden - noch nicht abgeschlossen; es soll im Herbst fertig sein, sagt die Geschäftsführerin des Heideflächenvereins, Christine Joas.

All dies wird eine Stange Geld kosten, wohl einen einstelligen Millionenbetrag, wie Joas vermutet. Klar ist dabei, dass die Kosten am Steuerzahler hängen bleiben, wobei unklar bleibt, ob nur die Bevölkerung in den Mitgliedskommunen des Heideflächenvereins dafür aufkommt oder auch der Bundeshaushalt etwas beisteuert. Seit zwei Jahren streitet sich der Heideflächenverein darüber mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die interkommunale Organisation hatte dem Bund das Gebiet 2007 abgekauft, ficht nun aber das damalige Gutachten zur Kampfmittelbelastung an - und fordert Schadenersatz. Ein Vergleich ist bisher gescheitert, nun geht das Verfahren vor das Oberlandesgericht. "Das kann sich noch Jahre hinziehen", vermutet Joas, betont aber: "Wir wollen möglichst schnell vor allem die siedlungsnahen Bereiche entmunitionieren."

Gebietsbetreuer Tobias Maier informiert laufend bei kostenlosen Infoveranstaltungen über anstehende Maßnahmen in der Heide; die nächste findet am Sonntag, 11. August, von 15 bis 16.30 Uhr am Heidehaus, Admiralbogen 77, statt.

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