Stadtklima:Der frischen Luft den Weg verbaut

Stadtklima: Blick vom Hochhaus: Unterschleißheim ist sehr städtisch geprägt und hat entsprechende Probleme.

Blick vom Hochhaus: Unterschleißheim ist sehr städtisch geprägt und hat entsprechende Probleme.

(Foto: Robert Haas)

Eine Untersuchung zeigt, dass die Frischluftzufuhr in den Gewerbegebieten sowie im Zentrum von Unterschleißheim gestört ist. Bei künftigen Projekten soll jetzt mehr auf das Stadtklima geachtet werden.

Von Bernhard Lohr, Unterschleißheim

Nach einem heißen Sommertag steht in Gewerbegebieten mit Werkhallen und Büros die Luft über dem Pflaster. Am Hollerner See oder im Valentinspark weht dagegen ein kühles Lüftchen. Die Stadt Unterschleißheim hat nach einem Modell des Deutschen Wetterdienstes (DWD) das Stadtklima betrachtet. Die Ergebnisse bestätigen weitgehend, was man intuitiv annehmen würde. Sie zeigen aber auch: Der Mensch hat ein Stückweit die Lebensqualität in seiner Kommune selbst in der Hand. Es geht darum, wie er baut und wo.

Dass man in Zeiten eines fortschreitenden Klimawandels tunlichst nicht mehr einfach drauflos bauen sollte, ist im Landkreis München spätestens allen klar, seit die Diskussion über die Frischluftschneise im Südosten hochgekocht ist. Neubiberg erwägt nach wie vor, dort in Nachbarschaft zum Chip-Konzern Infineon ein Gewerbegebiet zu platzieren. Von den Nachbarn in Unterhaching, aber vor allem aus München kommt lauter Protest, weil befürchtet wird, dass kühlende Luftmassen die Bewohner in den dicht besiedelten Gebieten nicht mehr so leicht erreichen. Der komplizierte, durch aufsteigende warme und absteigende kalte Luftmassen in Gang gehaltene Mechanismus des "Alpinen Pumpens" droht mit seiner segensreichen Wirkung gestört zu werden. Auch im Osten und Norden der Landeshauptstadt ist das ein Thema. Bis zu 100 Kilometer nördlich des Alpenkamms macht dieser vom Gebirge mit angestoßene nächtliche Strömungseffekt das Leben angenehmer.

Vor einiger Zeit bereits haben die acht Kommunen der Nordallianz im Landkreis München und Freising beschlossen, Wetterdaten zu sammeln und auch das Mikroklima genauer zu betrachten. So werden seit September 2019 an unterschiedlichen Orten Temperatur, Luftdruck und Feuchtigkeit gemessen. In Unterschleißheim hat man acht Standorte verteilt über das Stadtgebiet gewählt und nun an vier Stichtagen im März, Juni, September und Dezember 2020 festgestellt, dass nachts um 4 Uhr im Gewerbegebiet und im Zentrum die Temperatur tatsächlich etwas höher ist als in der Peripherie. An der Bezirksstraße wurden im Juni 2020 15,4 Grad gemessen, am Münchner Ring am südlichen Stadtrand 14,2 Grad. Häuser und Straßen heizen sich auf. Dichte und hohe Bebauung verhindert den Luftaustausch.

Allerdings bewertete dies Bastian Albrecht, Sachgebietsleiter im Bauamt der Stadt, der die Untersuchung nach dem "Kaltluftabflussmodell KLAM_21" des DWD angestellt hat, jüngst nicht als dramatisch. Im kompakten Siedlungsraum seien die Unterschiede nicht so groß, sagte er bei der Präsentation seiner Ergebnisse im Umweltausschuss des Stadtrats. Zugleich zeigt die Berechnung des Klimamodells aber den erwarteten Zusammenhang. Von Albrecht präsentierte Karten leuchten im Bereich um die Siemensstraße und die Carl-von-Linde-Straße in tiefem Rot; das heißt, dass dort Kaltluft nachts kaum ankommt. Auf einer anderen Karte zeigt dunkles Blau, dass eine Kaltluftströmung fehlt. Die Kaltluftzufuhr sei in Teilen der Stadt gestört, sodass "in den Gewerbegebieten das Gleichgewicht nicht mehr hergestellt werden kann", sagte Albrecht.

Stadtklima: Tino Schlagintweit von den Grünen fordert, Gewerbegebiete künftig zu "durchgrünen".

Tino Schlagintweit von den Grünen fordert, Gewerbegebiete künftig zu "durchgrünen".

(Foto: Stefan Rumpf)

Insgesamt dürfen sich die Unterschleißheimer seiner Darstellung nach glücklich schätzen, den Berglwald im Süden zu haben und die Amperauen im Westen. Schon Karten aus den 1990er-Jahren belegen den Wert von grünen Oasen wie dem Valentinspark und von der Frischluftschneise zwischen Oberschleißheim und Unterschleißheim. Die "Zielkarte Luft und Klima" im Regionalplan aus dem Jahr 2004 weist die Panzerwiese bei Neuherberg als Kaltluft-Entstehungsgebiet aus. Auch bei Mittenheim und Riedmoos sind solche Flächen. Bastian Albrecht erläuterte, wie über dem Berglwald, der Oberschleißheim im Osten umfasst, aus der vorherrschenden Richtung Südwest kommender Wind aufsteigt, sich abkühlt und dann in das "teils kompakte, teils lockere Siedlungsgebiet Unterschleißheims und Lohhofs ab einer Höhe von circa 15 bis 20 Metern einströmt".

Den Anlass für die Untersuchung bot der geplante Bau der Montessorischule südlich des Münchner Rings, der die Frischluftschneise im Verbund mit weiteren angrenzenden Bauvorhaben beeinträchtigen könnte. Eine solche Gefahr sieht das Bauamt nach seiner Modell-Berechnung im konkreten Fall nicht. Allerdings stellt die vorgenommene Rechnung und Simulation, die laut Albrecht auf einem einfachen, sicher auch lückenhaften Modell basiere, den Einstieg in eine neue Bewertung von Klimaschutzfaktoren in Unterschleißheim dar. Es soll in Unterschleißheim weitere solche Berechnungen geben, um in Zukunft Bauvorhaben auf ihre Relevanz fürs Stadtklima hin abzuklopfen. Die gesamten, gewonnenen Wetterdaten sollen nach Wunsch des Umweltausschusses des Stadtrats noch ausgewertet und für weitere Untersuchungen herangezogen werden.

Birte Bode (SPD) bemängelte, dass solche Klimamodelle beim großen Bauvorhaben am Gewerbepark Koryfeum vor Jahren nicht vorgelegen seien. Dieses Projekt wirke sich gewiss negativ auf das Stadtklima aus. Tino Schlagintweit (Grüne) forderte, den Blick weg von einzelnen Bauvorhaben zu richten. Es gehe um eine Gesamtschau. Das Modell zeige, dass man aufpassen müsse, im Bereich Lohhof keine Verschlechterung zuzulassen. Gewerbegebiete müssten "durchgrünt" werden. Rebecca Riedelbauch (Grüne) warnte, mit der Bebauung Oberschleißheims in Mittenheim drohe ein wichtiges Gebiet für die Kaltluftbildung zu verschwinden.

© SZ vom 03.08.2021/hilb
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