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Fotorealistisches Malen:Der Schnappschuss als Lehrer

In Kursen der Künstlerin Micki Wolf Sedlmair lernen Anfänger an nur einem Tag die Grundlagen des fotorealistischen Malens mit Ölfarben.

(Foto: Claus Schunk)

Die Aschheimer Künstlerin Micki Wolf Sedlmair vermittelt Anfängern an nur einem Tag die Grundlagen des fotorealistischen Malens mit Ölfarben. Anschließend sollen ihre Schüler in der Lage sein, ihr Gemälde selbst zu Hause fertigzustellen.

Von Anna-Maria Salmen, Aschheim

Auf der Staffelei stehen zwei Bilder, die ein stark vergrößertes Auge zeigen: Lichtreflexe spiegeln sich in der Pupille, unzählige Schattierungen von Blau und Grün sind zu erkennen. Eines der beiden Werke ist noch nicht vollständig, weiße Flecken lassen die Fläche erahnen, die sich unter der Farbe versteckt. Eine Frau überträgt mit Pinsel und Ölfarbe das Motiv der Fotovorlage auf ihre Leinwand. Täuschend echt sieht ihr Werk aus, für Außenstehende das Ergebnis jahrelanger Übung.

Die Malerin jedoch hatte eigenen Angaben zufolge nur wenig künstlerische Erfahrung, bevor sie einen Workshop bei der Aschheimer Künstlerin Micki Wolf Sedlmair belegte. An nur einem Tag in ihrem Haus, so verspricht die 56-Jährige, lernen die Schüler die Grundlagen des fotorealistischen Malens mit Ölfarben. Anschließend sollen sie in der Lage sein, ihr Ölgemälde selbst zu Hause fertigzustellen.

Malen ist für Micki Wolf Sedlmair eine Erinnerung an ihre Kindheit. Mit ihrer Familie ist sie früher oft umgezogen, war lange im Ausland. In einem Hotelzimmer in Detroit erlebte sie eigener Aussage nach mit neun Jahren einen Wohlfühlmoment, an den sie sich bis heute erinnert: "Draußen war es ganz verschneit. Ich saß in einem riesigen Ohrensessel, hatte ein Malbuch vor mir und habe alles um mich herum vergessen." Bei einem Zeichner in einem mexikanischen Einkaufszentrum lernte Micki Wolf Sedlmair das Malen von Porträts, kurz vor dem Schulabschluss schaffte sie die Aufnahme in die Künstlergruppe auf dem Markt von San Angel in Mexiko-Stadt.

Trainerin für Permanent-Make-up

Nach ihrem Studium der Theaterwissenschaft in Texas und München arbeitete Sedlmair lange als Flugbegleiterin, ihre Leidenschaft ließ sie jedoch nie ganz los. "Irgendwann wollte ich einfach wieder malen", erzählt die 56-Jährige. Am Institut de Peinture Decorative de Paris belegte sie einen Kurs zum Thema Trompe l'œil sowie Holz- und Marmorimitationen an der Wand. Diese großflächige Malerei war jedoch zu aufwendig, als die ersten beiden Kinder kamen - Micki Wolf Sedlmair fokussierte sich deshalb in dieser Zeit auf kleinere Auftragsporträts, arbeitete als Trainerin in einer Firma für Permanent-Make-up.

Im vergangenen Jahr wurde sie auf einen Maler aufmerksam, der Workshops für Hyperrealismus anbietet. Ein Konzept, das sie sofort begeisterte: Im Oktober 2019 flog sie nach Katar, um den Kurs zu belegen. Ihre Erfahrungen wollte die Künstlerin mit anderen teilen - so entstand die Idee, einen eigenen Kurs anzubieten, der auch für Anfänger geeignet sein sollte. "Ich wollte jedem dieses schöne Gefühl ermöglichen, mit Ölfarben zu malen", sagt Micki Wolf Sedlmair. Möglichst einfach sollte es sein, damit auch Menschen, die noch nie zuvor einen Pinsel in der Hand hatten, ihr Bild ohne Probleme auf die Leinwand bekommen. Gerade der Fotorealismus bietet sich laut Wolf Sedlmair gut für diesen Zweck an. Denn die Vorarbeit, die das Malen beispielsweise in der Natur erschwert, ist bereits erledigt, wenn man ein Foto als Vorlage benutzt. Komposition, Farben, Licht und Schatten - all das ist auf dem Bild schon stimmig und muss lediglich abgemalt werden. "Das Foto ist der Lehrer", sagt die Künstlerin. "Während des Malens sind alle Infos, die man braucht, auf der Vorlage."

Mit gerade einmal fünf Farben malen die Schüler bei Micki Wolf Sedlmair: Weiß, Blau, Braun, Rot und Gelb. "Mehr Farben machen es nur komplizierter", erläutert die Künstlerin. Dank ihrer Technik, die Farben auf der Palette vorzumischen, entwickeln sich zahlreiche Schattierungen - nahezu jede Farbe kann aus den wenigen Tuben entstehen. Wichtig ist nach Aussage der Künstlerin besonders eines: Die Liebe zum Detail und Geduld. "Das ist nichts, was man mal schnell nebenbei macht."

Digitale Anleitungen für die Schüler

Schritt für Schritt soll auf der weißen Leinwand das Kunstwerk entstehen. Mit hellen Stiften zeichnen die Schüler mithilfe von digitalen Anleitungen zu Hause selbständig die Konturen vor. Im Anschluss erläutert Micki Wolf Sedlmair den Umgang mit den Ölfarben, bevor die ersten Pinselstriche Farbe auf die Leinwand bringen. Auch für das selbständige Vollenden des Bildes hat die Aschheimer Künstlerin digitale Hilfestellungen aufgeschrieben. Im März bietet sie zudem an der Volkshochschule einen zweitägigen Kurs an, auch einen rein virtuellen Workshop hat sie konzipiert.

Die Angst, das eigene Gemälde könne nicht so perfekt und realitätsnah werden wie das Original, ist der Künstlerin zufolge unbegründet. "Die Latte muss nicht so hoch sein, dass es einschüchtert. Wie viele Details man auf der Leinwand machen will, ist jedem selbst überlassen." Das eigene Bild könne also durchaus auch abstrakter ausfallen - "Hauptsache, man findet es selbst schön."

Können also auch Anfänger schon nach nur einem Tag galeriereif werden? Diesen Eindruck wolle sie nicht vermitteln, betont Wolf Sedlmair. "Was ich zeige, ersetzt natürlich kein jahrelanges Studium. Wenn man draußen in der Natur etwas abmalt, braucht das viel Übung - da muss man erst einen Blick entwickeln für die Farben und die Komposition." Ihr Kurs soll den Respekt verkleinern, den viele vor Ölfarben haben. Man würde zwar gerne einmal ein richtiges Gemälde machen, diese Aussage hört die Aschheimerin oft - aber das sei doch viel zu schwer, besonders, wenn man noch keine Erfahrung im Malen hat. "Das ist es eben nicht", will Micki Wolf Sedlmair zeigen. "Man muss sich einfach trauen."

© SZ vom 07.01.2021/belo
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