Süddeutsche Zeitung

Forschungsprojekt "Sounds like Munich":Abhotten im Dirndl

Wie prägt die Musik aus München die Stadt? Volkskunde-Studenten haben in Münchens verruchtestem Nachtclub, im Gangsta-Millieu und im Englischen Garten geforscht.

Wie prägt die Musik aus München die Stadt? Dieser Frage sind Studenten des Instituts für Volkskunde der LMU nachgegangen. In einem zweisemestrigen Forschungsprojekt unter der Leitung von Simone Egger und Johannes Moser haben sie untersucht, wie sich die Münchner Ausgehszene von der Berliner unterscheidet oder was den Nachtclub Pimpernel so besonders macht - aber auch welchen Einfluss der Klangteppich im Englischen Garten auf die Stadt haben. sueddeutsche.de stellt in einer zweiteiligen Serie die Ergebnisse vor. Ausgehend von dem Seminar findet auch die Gesprächsreihe "Sounds Like Munich" statt. Am Dienstag wird um 19 Uhr im Kleinen Konzertsaal im Gasteig über Klassik in München diskutiert. Mehr Informationen zu dem Projekt gibt es hier.

Kerstin Baur über: München für Berliner

Das Thema: München für Berliner - Stereotype im Bereich von Clubkultur und Musikszene

Was war das Ziel der Forschungsarbeit? "So not Berlin" ist nicht nur der Name einer Münchener Partyreihe, sondern auch Vorstellung vieler Münchnerinnen und Münchner. Aber woher kommt die Städtekonkurrenz, warum muss eine Stadt "cooler" als die andere sein? Diesen Fragen bin ich auf die Spur gegangen und habe dabei entdeckt wie viel Berlin eigentlich schon in München steckt: So gibt es etwa das Café Kosmos oder bis vor kurzem das X-Cess in München, die als Berlin-Style Kneipen angepriesen werden.

Was haben Sie herausgefunden? Konkurrenzverhalten zwischen Städten sind Kämpfe um ökonomische Ressourcen. Die stereotypen, oft übertriebenen Bilder, die von den Städten existieren, sind eine Waffe des Konkurrenzverhaltens. Das führt soweit, dass man sie sogar in der Club- und Musikkultur findet. Gilt München im Allgemeinen als reich, schnöselig und arrogant, dann müssen es Clubs, Kneipen und Musiklabel in der Wahrnehmung der Leute auch sein.

Was war überraschend? Ich bin auf so viele unterschiedliche Vorstellungen der Stadt gestoßen, die mich immer wieder staunen lassen, dass sie tatsächlich unter einen Hut mit Namen München passen.

Was bedeuten die Ergebnisse für München? Der Münchner sollte weniger daran glauben, wenn die Medien an einem Tag "Berlin hui, München pfui!" und am nächsten Tag das Gegenteil schreiben. Lieber den eigenen Augen trauen und alles ausprobieren, was die Stadt einem bietet!

Jenny Seiler und Marlene Eder über: Münchens verruchtester Nachtclub

Das Thema: "The Heart of Munich schlägt im Pimpernel"

Was war das Ziel der Forschungsarbeit? Wir wollten herausfinden, wie ein Club wie das Pimpernel seit nun mehr als 40 Jahren mit dem gleichen Konzept, dem gleichen Standort und minimalen Veränderungen im Bezug auf Inventar (Möbel, Fotos...) funktionieren kann. Für uns ist es besonders wichtig herauszufinden, wie Authentizität geschaffen wird und welche Rolle ein Club wie das Pimpernel als Szene-Lokal in einer Stadt wie München spielt.

Was haben Sie herausgefunden? Im Gegensatz zu anderen Clubs und Bars in München versucht das Pimpernel, stets authentisch zu wirken. Der verruchte Ruf eilt dem Pimpernel nach wie vor voraus, was sich jedoch positiv auf die Gästeanzahl am Abend auswirkt. "Abgefuckt" (Zitat eines Gastes) scheint "in" zu sein, und heruntergekommen wird zu "retro" und "stylisch". Die Musik spricht keine spezielle Zielgruppe an, was zeigt, dass der Besitzer Sven Künast auf ein bunt gemischtes Publikum wert legt. Das Pimpernel scheint ein "Münchner Original" aus den siebziger Jahren zu sein, welches durch seine Authentizität überzeugt.

Was war überraschend? Es gibt keine Auswahl an der Tür. Im Gegensatz zu den Anfängen in den siebziger Jahren ist das Publikum sehr gemischt, und besteht auch unter der Woche meist aus Studenten und Gastronomen, welche nach Ladenschluss noch auf ein Bier vorbeikommen. Dennoch ist der Ruf vom "Drogen-Stricher-Schwulen-Club" noch nicht ganz vergessen und es scheint teilweise noch recht fragwürdig, warum sich zwei Studentinnen mit diesem Thema beschäftigen.

Was bedeuten die Ergebnisse für München? Wie schon oben erwähnt, ist das Pimpernel für viele eine einzigartige Institution in München. Ein Original. Diese Monopolstellung (hinsichtlich lange Öffnungszeiten, Stammgäste, Ruf) ist unter anderem verantwortlich für den Erfolg des Clubs. Außerdem spielen die Geschichten im und um das Pimpernel eine erhebliche Rolle. Denn wer hat nicht davon gehört, von den legendären Partys von Freddie Mercury?

So klingt der E-Garten

Das Thema: Der Englische Garten - ein facettenreiches Erholungsgebiet (von Gabriella Ferraro und Irina Schander)

Was war das Ziel der Forschungsarbeit? Ziel war es, den Englischen Gartens in seiner Geräuschlandschaft zu erkunden und die dadurch entstehende Bedeutung für die Stadt München, deren Einwohner und ihren Besuchern herauszufinden.

Was haben Sie herausgefunden? Die Geräuschlandschaft im Südteil des Englischen Gartens ist eine Komposition von vielen unterschiedlichen Tönen und Klängen, die von Mensch und Natur sehr stark geprägt ist. Die Geräusche prägen den Englischen Garten, und dieser prägt wiederum die Geräusche. Das Geräuschsystem wird von allen Teilnehmern mit Erholungs- und Freizeitgedanken verknüpft.

Was war überraschend? Der Englische Garten ist die "grüne Lunge" der Stadt München. Er stellt einen größeren Erholungsfaktor für die Besucher dar, als anfangs erwartet. Außerdem wird er auch hauptsächlich von Münchnern bzw. Schwabingern besucht.

Was bedeuten die Ergebnisse für München? Der Englische Garten ist quasi das Naherholungsgebiet direkt in der Stadt und er hat für jeden was zu bieten; sowohl Ruhe und Abgeschiedenheit im Nordteil, als auch Trubel und Action im Südteil. Bezüglich der Lebensqualität in der Stadt ist dies ein entscheidender Faktor und wirkt sich somit positiv auf das Image der Stadt München aus.

Caroline Roth über: Abhotten im Dirndl

Das Thema: Das Phänomen Heimatabend - Die Geschichte eines Münchner Sommermärchens

Was war das Ziel der Forschungsarbeit? Wie lässt sich der Hype in München auf den Heimatabend im Lola und Ludwig erklären? Warum zieht es die jungen Münchner massenweise zu dieser Veranstaltung? Sucht der junge Münchner nach einer kulturellen Verortung, nach seiner Heimat? Und warum entsteht ein solches Heimatabendphänomen gerade in München? Entsteht auf dem Heimatabend eine neue Münchner Jugendszene bzw. ein neuer jugendlicher Kult?

Was haben Sie herausgefunden? Der Heimatabend im Lola und Ludwig ist ein Ort, in dem eine Gemeinschaft entsteht. Eine Gemeinschaft, die für Heimat und Trachten, sowie für "hemmungslosen Spaß, Münchner Glamour und Style, laute Beats und edlen Sound" steht. Der Heimatabend zieht jeden Dienstag massenweise Münchner in Dirndl und Lederhosen in seinen Club. Es wird bewusst mit nationalen und regionalen Klischees gespielt, was sich auch in den Werbeplakaten widerspiegelt: die typisch deutschen Gartenzwerge, die deutsche Kuckucksuhr, die Maß Bier, die Ziehharmoniker und der typische bayerische Filzhut. Aufgelegt wird beim Heimatabend zudem nur deutschsprachige Musik - vom deutschen Schlager bis hin zu neuen deutschen Bands; und wer in Tracht kommt, kommt günstiger rein. Diese einzelnen Versatzstücke - der Gartenzwerg, die Kuckucksuhr, die Trachten und die Anspielungen auf die Münchner Stadtgeschichte mit dem Clubnamen Lola und Ludwig bilden eine Bricolage - die Versatzstücke formieren sich zu einem kulturellen Gebilde, das Assoziationen mit Deutschland, Bayern und München - mit der Heimat auslöst.

Was war überraschend? Interessant ist, dass das Phänomen des Heimatabends im Kontext des "Sommermärchens" - also während der WM 2006 - entstanden ist. Der Heimatabend ist ein Phänomen, welches seine Kraft aus dem neuen deutschen Selbstbewusstsein und der endlich gefundenen und lange gesuchten deutschen Identität vor dem Hintergrund der Fußballweltmeisterschaft geschöpft und diese Dynamik fortgesetzt hat.

Was bedeuten die Ergebnisse für München? In vielen Touristenführern wirbt die Stadt München damit, dass die Stadt es schafft, die Balance zwischen Tradition und Moderne zu halten. Das Bild "Laptop und Lederhose" wurde typisch für die Stadt. Ähnlich ist es beim Heimatabend. Hermann Bausinger bezeichnet "Heimat" im Gegensatz zur "Globalisierung" als etwas Vergangenheitsorientiertes. Beim Heimatabend aber trifft die Vergangenheit gleichzeitig auf die Moderne und die Gegenwart; es ist das Phänomen der Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeit. Man packt gerne seine Tracht aus; wer nicht in Tracht kommt fühlt sich dort schnell als Außenseiter. In der Heimatabend-Hitliste tauchen genauso alte Schlager, wie auch Hits neuer deutschen Bands auf und bilden somit einen bestimmten Münchner "Heimatabend-Sound".

Roman Häbler über: G'mütlichkeit und Gangstarap

Das Thema: "München rockt die coole Scheiße" - Rap aus München

Was war das Ziel der Forschungsarbeit? Ziel meiner Forschung war es, der Frage nachzugehen, ob und inwiefern die Stadt München die Rapmusik, die in ihr produziert und konsumiert wird, beeinflusst und wie der Münchner Rap die Stadt prägt. Dabei ging es vor allem auch um Textpassagen, in denen sich die Akteure auf die Stadt beziehen.

Was haben Sie herausgefunden? Dass sich eine Subkultur wie HipHop in der Stadt München nur schwer entfalten kann, da gewisse Vorraussetzungen dafür nicht vorhanden sind und auch nicht vorhanden sein sollen. Dass aber auch die "G'mütlichkeit" der hier Ansässigen etwas damit zu tun hat. Dass München eine sehr lange Tradition von qualitativ hochwertigem Rap und Graffiti nachzuweisen hat und dass viele der Akteure davon beeinflusst wurden und darauf stolz sind.

Was war überraschend? Dass die gängigen Einteilungen in "Gangster"- vs. "Studenten"-Rap noch unsinniger sind, als ich vermutete, da sich alles beeinflusst, überschneidet und ambivalent ist. Dass sich die Wahrnehmung von Rap und HipHop in der Öffentlichkeit ändern kann, wenn man sich darauf einlässt, dass die Akteure und die Kultur sehr viel Potential haben und das medial inszenierte Bild zu einseitig ist. Die Emotionalität und die Fülle an gehaltvollen, intelligenten Antworten, die ich in den Interviews und während der teilnehmenden Beobachtung erfahren konnte. Dass sich David P von Main Concept auch 1993 schon über die überempfindlichen Nachbarn und die hohe Polizeipräsenz in Bayerns Hauptstadt in seinen Texten ausgelassen hat.

Was bedeuten die Ergebnisse für München? Man muss hinter die Kulissen blicken, um eine Jugendkultur zu verstehen. Trotz aller Liebe zur Ruhe und Ordnung muss München den Künstlern Freiräume bieten, da diese Kultur lebendig und facettenreich sein kann, mit ihren Inhalten Vieles zum Stadtgeschehen beitragen kann und Menschen natürlich einfach Raum brauchen, um sich zu entfalten und kreativ zu sein. Und: München rockt die coole Scheiße immer noch!

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.971914
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de/Lisa Sonnabend
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.