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Forschung in Garching:Zielgenau gegen Krebszellen

In den Körper eingeschleuste Radionuklide helfen Ärzten bei der Diagnostik von Tumoren. Die Garchinger Firma ITM arbeitet aber auch an Therapien.

(Foto: ITM)

Die Garchinger Firma ITM hat eine Therapie entwickelt, bei der Tumoren mit Radionukleiden markiert und bekämpft werden. Das Medikament liefert sie an Kliniken in der ganzen Welt

Von Gudrun Passarge, Garching

Die Zukunft der Medizin hat längst begonnen und die Garchinger Firma ITM befindet sich mitten drin. Für ihre Radionuklidtherapie ist ITM - das Kürzel steht für Isotopen Technologien München AG - 2019 mit dem German Medical Award in der Kategorie "Medical Innovation Product" ausgezeichnet worden. Dabei hört sich das Prinzip so einfach wie bestechend an: Es werden Moleküle in die Blutbahn gespritzt, an denen sich eine Art Käfig befindet. Die Moleküle docken an Tumoren im Körper an, die Radionuklide im Käfig markieren die befallenen Zellen, weshalb Bildgebungsverfahren eine exakte Lokalisierung von Tumoren im Körper erlauben. Diagnose und Therapie mit dem Ziel einer Präzisionsonkologie, daran arbeiten die etwa 200 Mitarbeiter von ITM in Garching.

Theranostik, eine Zusammensetzung aus Therapie und Diagnostik, lautet das Zauberwort. Dasselbe Molekül kann verwendet werden, um die Diagnose voranzutreiben, aber auch um ein Radionuklid zu transportieren, das in der Therapie eingesetzt wird. Das Molekül setzt nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip am Tumor an. Transportiert es Gallium-68, dann dient es der Diagnose, um die befallenen Stellen im Körper sichtbar zu machen. Die Mediziner nutzen dafür beispielsweise den sogenannten Positronen-Emissions-Tomographen, um entsprechende Aufnahmen zu bekommen. "Das Wunderschöne daran ist, wenn ich als Arzt das sehe, dann weiß ich schon, dass dieses Molekül auch eine Bindung mit einem therapeutischen Radionuklid eingehen kann", sagt Steffen Schuster, Vorstandsvorsitzender von ITM. Genutzt wird diese Methode bei neuroendokrinen Tumoren, etwa bei Pankreas-, Darm- oder Lungenkrebs. Als Therapeutikum wird Lutetium-177 eingesetzt, das gezielt bösartige Zellen zerstören soll. "Die Nebenwirkungen dabei sind viel angenehmer als bei anderen Therapien", sagt Schuster, die Leute würden beispielsweise nicht ihre Haare verlieren. Und er nennt noch einen Vorteil: "Die hochpräzise Lokalisierung der Radioaktivität stellt sicher, dass gesundes Gewebe, das den Zieltumor umgibt, minimal betroffen ist."

ITM sei in der Lage, Lutetium-177 in hochreiner, trägerfreier Form in großen Mengen herzustellen*. Dafür nutzt das Unternehmen unter anderem den Forschungsreaktor in Garching. Für die Kliniken bringe das große Vorteile mit sich, denn sie können das Therapeutikum nach 6,7 Tagen ganz normal an die Umwelt abgeben und müssten es nicht gesondert entsorgen. ITM arbeite mit Kliniken auf der ganzen Welt zusammen, sagt Schuster. Die Radionuklide würden in Heilversuchen an vielen Universitätskliniken eingesetzt, in Australien und Südamerika genauso wie in den Unikliniken in München. "Die Ergebnisse sind wirklich fantastisch." Schuster geht noch weiter und sagt: "Das ist ein Meilenstein in der Medizin." ITM liefert den Kliniken die komplette Ausrüstung, um das Medikament, das gespritzt wird, herzustellen. Dabei ist wegen der Halbwertzeit Eile geboten. "In 48 Stunden sind wir überall auf der Welt, nach Australien dauert es 72 Stunden." Doch das Liefern der Radionuklide ist keine Einbahnstraße. ITM arbeitet mit den Wissenschaftlern in den unterschiedlichen Ländern eng zusammen, "dadurch entstehen neue Projekte".

Das hätten auch die großen Pharmafirmen verstanden. So bestehe beispielsweise eine Zusammenarbeit mit der Firma Novartis, die Lutetium für ein Prostatamedikament von ITM bekomme, und auch mit Merck arbeitet das Unternehmen zusammen. Die Nachfrage nach den Radionukliden ist groß. Deswegen hat ITM zusätzlich zu seiner Garchinger Niederlassung im Galileo-Komplex noch eine Halle mit 4500 Quadratmetern in Neufahrn gemietet, wo demnächst eine Fertigungsstätte eröffnet werden soll. "Unser Ziel ist es, für viele Tausend Patienten Lutetium herzustellen", sagt Schuster. Er sieht es als großes Plus an, dass die gesamte Lieferkette für die Medikamente in der Hand von ITM lägen. "Das unterscheidet uns von anderen Firmen."

Schuster schätzt den neuen Standort am Garchinger Wissenschaftscampus. Die Nähe zum Forschungsreaktor, die Zusammenarbeit mit der Technischen Universität, die Nähe zum Flughafen, "das ist ein sehr wirtschaftsfreundlicher Standort." 230 Mitarbeiter sollen einmal in der "neuen Mitte" des Campus, wie Galileo auch genannt wird, zusammengezogen werden. Vorläufig steht erst eine Etage zur Verfügung, in der zweiten wird noch gebaut. Die Firma ist schnell gewachsen, allein 2019 wurden 90 Mitarbeiter eingestellt. Die Anfänge von ITM reichen bis 2004 zurück. Die Firma ist in Privatbesitz, sie verfolgt laut Steffen Schuster einen starken Wachstumskurs. Überlegt werde auch, ob ein Standort in einem anderen Land aufgebaut wird.

Gewürdigt wurde das Engagement in der Präzisionsonkologie auch von der EU. Die Europäische Investitionsbank vergab jüngst 40 Millionen Euro an ITM innerhalb eines Investitionsplans für Europa. Die Vizepräsidentin der Investitionsbank, Ambroise Fayolle, sagte, man wolle die Entwicklung und Markteinführung von Produkten unterstützen und beschleunigen, "von denen erwartet wird, dass sie das Leben von Tausenden von Patienten verbessern". Und natürlich soll das Geld auch dazu beitragen, "Europas führende Position in der radiopharmazeutischen Forschung und Entwicklung zu stärken". In Garching wurde die Förderung gerne angenommen. Schuster sprach von der Unterstützung "unserer leidenschaftlichen Mission, das Ergebnis und die Lebensqualität von Krebspatienten durch die Entwicklung innovativer, erstklassiger Radiopharmazeutika zu verbessern." Der Ansatz der Garchinger, so der Vorstandsvorsitzende, gelte als "vielversprechende Behandlung für eine große Anzahl schwer zu behandelnder Krebsarten".

*Anm. d. Red.: An dieser Stelle wurde die ursprüngliche Formulierung präzisiert.

© SZ vom 09.06.2020

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