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Folgen der Pandemie:Verlust der Unmittelbarkeit

Normal mit Feuereifer bei der Sache, aber im Moment stark eingebremst: Mitglieder der Volksbühne Neubiberg.

(Foto: Claus Schunk)

Laientheater wie die Volksbühne Neubiberg/Ottobrunn gehen professionell mit dem Shutdown um

Das Bühnenerlebnis, Kunst zum Anfassen, die Möglichkeit, Kultur live zu genießen - auf all das müssen wir derzeit verzichten. Als Alternative können sich Menschen auf der Suche nach halbwegs unmittelbarer Kulturerbauung Theateraufführungen im Fernsehen anschauen, Konzerten im Radio lauschen oder im Internet. Jenseits des Publikums ist der augenblickliche Shutdown für die Verantwortlichen und Protagonisten vor allem kleinerer Veranstaltungen eine prekäre Zäsur. Was bedeutet etwa eine Absage für eine beliebte Laienbühne wie die Volksbühne Neubiberg/Ottobrunn?

Schon vor der amtlichen Absage hatte die Volksbühne ihre letzte Vorstellung der Saison, das Lustspiel "Macho in Nöten", gestrichen, drei Tage vor der Premiere am 13. März: "Wir könnten es nicht vertreten, wenn auch nur ein Besucher oder ein Mitglied durch eine unserer Veranstaltungen Schaden nimmt", erklärte Theaterleiter Ralf Hiltwein in der Pressemeldung. Dann machte er sich an die Arbeit: "Nachdem der Beschluss gefasst war, mussten wir schnell alle darüber informieren, also alle Vorverkaufsstellen, unsere Abonnenten und unseren Spielort, das Leiberheim in Waldperlach", berichtet er. "Der Wirt ist aus allen Wolken gefallen, denn ihm entgehen Einnahmen an sieben Abenden, an denen er immer Extrapersonal einstellt." Inzwischen hat das Leiberheim natürlich ganz geschlossen. Hiltwein begleitete die Situation von Beginn an professionell. "Wir haben im Onlineticketsystem eine kostenpflichtige Absage eingerichtet. Unsere Abonnenten haben wir angerufen und sie per Post über die neue Saison unterrichtet." Im Briefumschlag war auch eine Abfrage der Kontonummern, wegen der Zurücküberweisung der Ticketkosten. Weil auch die Seniorenvorstellung entfiel, kontaktierte die Volksbühne die Gemeinden Neubiberg und Ottobrunn. "Das sind alles kleine Vorgänge, die aber doch viel Zeit benötigt haben." Weitere Aufgaben standen an.

"Wir mussten den Theaterverlag kontaktieren, damit keine Tantiemen anfallen, die dem Autor des Stücks, Walter G. Pfaus, für sein Werk bei einer Aufführung zustehen. Die Plakate, das Banner am Leiberheim und die Programmzettel waren auch schon alle gedruckt und .... können in den Müll", so Hiltwein. Finanziell schlage die Absage mit etwa 12 000 Euro zu Buche. Der Bühne entgehen die Ticketeinnahmen, Requisiten waren ausgeliehen, dazu kommen Bankkosten und weiteres. Doch Hiltwein geht es um mehr: "Die Inszenierung war fix und fertig, die Bühne technisch komplett aufgebaut, alle Requisiten besorgt. Der Bühnenaufbau musste abgebaut und eingelagert werden. Alle Mitwirkenden waren mit Feuereifer dabei, wir hatten riesigen Spaß bei den Proben. Daher hoffen die Regisseurin Gabriele Keller und ich, dass wir den Macho in der neuen Saison mit genau der gleichen Crew aufführen können." Der Blick geht voraus: "Die neue Saison organisieren wir schon jetzt, damit wir, sobald ein Spielbetrieb wieder erlaubt ist, ohne Zeitverlust in die Proben, die Werbung und die Umsetzung gehen können. Wir hoffen, dass es weitergeht. Ob das im April sein wird - ich bin gespannt."

Auch die Neubiberger Kulturamtsleiterin Andrea Braun hatte viel zu tun, als das generelle Veranstaltungsverbot kam. "Als Erstes habe ich mit allen Künstlern und Agenturen gesprochen, was oftmals eine halbe Stunde Telefonat benötigte. Ich fand das hart, weil sie auf die Auftrittshonorare angewiesen sind und immer wieder sagten: Wovon sollen wir denn leben? Ich konnte ihnen nur anbieten, einen neuen Auftrittstermin zu finden, was schwierig war, weil die neue Saison bereits durchgeplant ist", so Braun. Sie will versuchen, einzelne Veranstaltungen als Live-Stream zu bringen, was nicht bei allen Künstlern Zustimmung findet, aber für Lesungen machbar scheint. "Es mussten auch die Freiwilligen informiert werden, die bei den Veranstaltungen helfen, sowie unser Techniker, der Klavierstimmer, der Bauhof, der vorbereitende Bauaufgaben übernimmt und plakatiert, die Pfarrgemeinden und die Kinderuniversität. Auch eine Pressemitteilung musste versandt und natürlich die Korrekturen auf der Homepage eingepflegt werden", sagt Braun und plant die nächsten Veranstaltungen, um gleich dabei zu sein, wenn es - hoffentlich bald - wieder losgeht.

© SZ vom 26.03.2020
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