Arbeit der Helferkreise Organisiert wie Unternehmen

In Neubiberg versorgt Toni Maitz zwei junge Männer aus Syrien und dem Irak mit Fahrrädern.

(Foto: Claus Schunk)

Auch wenn dem Landkreis aktuell keine neuen Flüchtlinge zugewiesen werden, geht den Helferkreisen die Arbeit nicht aus. Nach der Erstversorgung kümmern sich die ehrenamtlich Aktiven nun verstärkt um die Integration der bereits Aufgenommenen.

Von Daniela Bode, Neubiberg/Kirchheim/Pullach

Seit Ostern kommen keine neuen Flüchtlinge mehr im Landkreis an. Geht damit den Helferkreisen die Arbeit aus? Werden die ehrenamtlich Aktiven nicht mehr gebraucht? Von wegen. Denn die Herausforderungen bei der Betreuung der bereits Angekommenen bleiben, außerdem sind manche Asylbewerber mittlerweile anerkannt und brauchen Hilfe bei der Arbeitsplatz- und Wohnungssuche.

Gleichzeitig hat sich seit Köln die Stimmung in der Bevölkerung geändert. Immer öfter werden Ängste laut. So ist es gut, dass die Hilfsbereitschaft ungebrochen ist. Im Helferkreis in Neubiberg, wohl dem größten im Landkreis München, engagieren sich mittlerweile 320 Personen, in Kirchheim bringen sich 250 Menschen ehrenamtlich ein und im Helferkreis Flüchtlinge & Integration in Pullach sind es etwa 150.

Anfängliche Euphorie ist Realismus gewichen

Auch wenn ihre Euphorie mittlerweile Realismus gewichen ist - entmutigen lassen sie sich nicht. "Ich denke, dass wir es schaffen", sagt Norbert Büker, der Sprecher des Neubiberger Helferkreises. Sabine Horak aus Pullach sieht das ähnlich: "Wir haben gute Voraussetzungen, dass wir das schaffen." Und auch Gerlinde Reichart aus Kirchheim geht davon aus, dass der örtliche Helferkreis die Herausforderungen meistern wird.

Ihre Zuversicht hat mehrere Gründe. Alle drei Helferkreise haben eine klare Struktur, sogar ein Organigramm, es gibt klare Aufgabenverteilungen. Im Helferkreis Neubiberg etwa gibt es rund um Norbert Büker ein Leitungsteam und eigene Teams für die verschiedenen Standorte, an denen Flüchtlinge leben. Dezentrale Unterkünfte gibt es etwa an der Kaiser-, der Wittelsbacher-, der Hohenbrunner- und der Walkürenstraße. Hier leben unter anderem eine Familien aus Bosnien und Afghanistan, Männer aus Mali, Frauen aus Nigeria. In einer Traglufthalle sind zudem rund 250 Schutzsuchende aus Syrien, Afghanistan, Nigeria und Senegal untergebracht, vor allem Männer. Für die Halle haben die Neubiberger Unterteams gebildet, die sich etwa um die Themen Arbeit und Zukunft, Kultur und Freizeit, Lernen, Leben und Fahrräder kümmern.

Schnell wurde ein Organigramm erstellt

Ähnlich sind auch die Helferkreise in Kirchheim und Pullach aufgestellt. "Wir haben eine sehr gute Organisation im Helferkreis, fast wie ein kleines Unternehmen", sagt Reichart. Horak erzählt davon, dass ihr Mann schon früh am Computer eine Art Organigramm für den Helferkreis erstellt habe. "Wenn die Struktur nicht da gewesen wäre, wären wir 2015 unendlich baden gegangen", sagt die Pullacherin. Der Landkreis hatte wegen der hohen Anzahl zugewiesener Flüchtlinge den Notfallplan aktiviert und auch die Turnhalle der Josef-Breher-Mittelschule in Pullach als Notunterkunft genutzt. Hier lebten einige Monate lang rund 100 Männer vor allem aus afrikanischen Ländern wie Eritrea.

In Neubiberg versorgt Toni Maitz zwei junge Männer aus Syrien und dem Irak mit Fahrrädern.

(Foto: Claus Schunk)

Nicht nur die gute Organisation kommt den Ehrenamtlichen zugute. Die Sprecher aller drei Helferkreise erzählen von einer sehr guten Zusammenarbeit mit den politischen Gemeinden. Zudem können sie alle mittlerweile auf Erfahrungen zurückgreifen. Die Helferkreise in Neubiberg und Pullach haben sich im Sommer 2014 gegründet, der in Kirchheim bereits im Oktober 2013. Büker erzählt davon, dass er sich schon Anfang 2014, noch bevor die ersten Flüchtlinge nach Neubiberg kamen, mit Bürgermeister Günter Heyland zusammengesetzt und Ideen entwickelt habe.

Die Helfer erhalten Briefe "unflätiger Art"

Das ist nun eine Weile her. Und die Stimmung in der Bevölkerung ist, anders als damals, nicht mehr nur positiv. Auch Norbert Büker hat schon unfreundliche Post erhalten. "Keine Drohbriefe, aber Briefe unflätiger Art, in denen ich gefragt werde, warum ich mich um so ein ,Gschwerl' kümmere", sagt er. Büker lässt sich davon aber nicht beirren. Er lese das gar nicht mehr. Offenbar halten sich solche anonymen Reaktionen auch im Rahmen. Büker wüsste jedenfalls nicht, dass Helfer ihr Ehrenamt niedergelegt hätten, weil sie wegen ihres Engagements aus der Bevölkerung angegangen wurden. Auch Sabine Horak aus Pullach weiß von keinen Problemen und Gerlinde Reichart hat nach eigenen Worten ebenfalls "wenig Gegenwind" erlebt.

In Neubiberg hat der Helferkreis etwaigen Ängsten und Vorbehalten von Anfang an entgegengewirkt. "Eine Lösung ist der persönliche Kontakt", sagt Büker. Asylbewerber hätten zudem mindestens genauso viel Angst vor den ihnen fremden Einheimischen. Überhaupt setzt der Neubiberger auf Aufklärung. "Information ist wichtig, Verallgemeinerung ist tödlich", sagt er.

Manch einer brauchte eine Pause

Dass Helfer zwar nicht aus Einschüchterung ihr Ehrenamt aufgeben, aber weil es ihnen zu viel wird, das gibt es indes schon. "Natürlich habe ich eine Reihe an Helfern, die aufgehört haben", räumt Büker ein. Er sei ja alles nicht einfach, viele machten eine Herzensangelegenheit aus ihrem Engagement. Manchen habe man sogar nahegelegt aufzuhören. "Es nutzt ja nichts, wenn die eigene Familie darunter leidet", sagt Büker. In Pullach hörten einige Helfer auf, nachdem die Turnhalle als Notunterkunft wieder aufgelöst wurde. Sie hatten sich laut Horak "so reingehängt", dass sie sagten: "Jetzt brauche ich erst einmal eine Pause." "Richtig aufgehört hat aber keiner", sagt sie. Auch Reichart berichtet von einer Fluktuation unter den Helfern: "Wenn jemand geht, hat das aber eher private Gründe, zum Beispiel weil jemand wieder angefangen hat zu arbeiten." Grundsätzlich verzeichnet sie sogar einen großen Zulauf an Helfern.

Die Helferkreise haben viele Monate Großes geleistet: Flüchtlinge willkommen geheißen, sie zu Behörden und zum Arzt begleitet, ihnen Deutschkurse vermittelt, sie teilweise auch in Arbeit gebracht. Jetzt geht es vor allem um Integration. Es kristallisiert sich immer mehr heraus, wer bleiben darf. Einige Flüchtlinge sind bereits anerkannt. "Das Ankommen haben wir im Griff. Jetzt kommen die Probleme des Lebens", sagt Büker dazu. Horak formuliert das ähnlich: "Jetzt geht es um die Integration und darum, dass sie sich auf eigene Füße stellen, damit sie sich in der neuen Gesellschaft zurechtfinden."

In Pullach unterrichtet Barbara Zollner junge Flüchtlinge in Deutsch.

(Foto: Claus Schunk)

Und da warten schon neue Herausforderungen. "Wir müssen schauen, dass es nicht zu Neideffekten kommt", sagt der Neubiberger. Denn wenn Asylbewerber anerkannt sind, müssen ihnen die Gemeinden Wohnraum zur Verfügung stellen. Sie konkurrieren dann mit anderen sozial schwachen Gruppen.

Diese bereits unterschwellig aufkommende Konkurrenz zwischen anerkannten Flüchtlingen und sozial bedürftigen Pullachern bei der Wohnungssuche sieht Sabine Horak ebenfalls als eine der größten Herausforderungen. Schon jetzt seien rund 100 Interessenten für eine günstige Gemeindewohnung gemeldet. Auf diese Warteliste kämen auch anerkannte Flüchtlinge.

Das Bildungsniveau der Flüchtlinge ist sehr unterschiedlich

Auch die Vielfalt der Migranten stellt die Helfer vor schwere Aufgaben. So ist das Bildungsniveau sehr unterschiedlich. Der Analphabet aus Senegal braucht eine ganz andere Förderung als ein Ingenieur aus Syrien. Gerlinde Reichart, die Sprecherin des Helferkreises in Kirchheim, nennt noch ein anderes Problem: "Die größte Herausforderung ist, den Menschen einen strukturierten Tagesablauf zu ermöglichen." So stammten etwa 25 der 130 Flüchtlinge in Kirchheim aus Senegal, das inzwischen als sicheres Herkunftsland gilt, weshalb diese Flüchtlinge keine Arbeit mehr aufnehmen dürften. "Da versuchen wir, eine Struktur zu bieten", sagt Reichart.

Auch Sabine Horak hat ihre Sorgenkinder: die afghanischen Flüchtlinge. "Weil sie aus einem angeblich sicheren Herkunftsland kommen, haben sie so gut wie keine Chance auf einen Platz in einem Deutschkurs." Deshalb hat es sich der Helferkreis zur Aufgabe gemacht, deren Deutschkenntnisse auf einen gewissen Stand zu bringen. "Solange sie hier sind, tun wir unser Bestmögliches", sagt Norbert Büker.