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Umstrittene Kunst:Der Ente droht das Ende

Hat nach vielen Jahren mal wieder seine umstrittene Badeente besucht: Aktionskünstler Wolfgang Flatz.

(Foto: Claus Schunk)

Anwohner wollen, dass das einst quietschgelbe Werk des Künstler Wolfgang Flatz vor dem Unterhachinger Fasanen-Einkaufs-Zentrum im Zuge einer Umgestaltung verschwindet. Andere loben es als "visuelles Augenmerk".

Von Iris Hilberth, Unterhaching

Spätestens seit Loriots Sketch "Herren im Bad" aus dem Jahr 1978 weiß man um das Konfliktpotenzial von Badeenten. Der Ausruf "Die Ente bleibt draußen!" von Herrn Müller-Lüdenscheidt ist ein genauso bekanntes Zitat wie die Erwiderung darauf. Dr. Klöbner: "Ich bade immer mit dieser Ente." Die Gemeinde Unterhaching hat ein ähnlich geartetes Problem, und das auch schon ziemlich lange. Gerade keimt der Entenkonflikt wieder auf.

Seit Ende der Neunziger der österreichische Aktionskünstler Wolfgang Flatz den Ortsteil Fasanenpark mit einer riesigen gelben Badeente beglückte, gibt es dort Widerstand gegen das Kunstwerk. Mal mehr, mal weniger. Zumindest ist es dem 2,80 Meter langen, 2,50 Meter hohen und 2,30 Meter breiten Schwimmtier aus Polyesterlaminat auf dem Platz des Fasanen-Einkaufs-Zentrums (FEZ) deutlich anzusehen, dass es noch immer Leute geben muss, die es nicht mögen. Es blättert nicht nur der einst quietschgelbe Lack ab, die Ente wurde auch vollgeschmiert und beschädigt. "Das ist Verwahrlosung", stellte Wolfgang Flatz fest. Der Künstler ist entsetzt.

Nach vielen Jahren war er am vergangenen Freitag wieder zu seinem Werk aus dem Jahr 1997 zurückgekehrt, zu dem auch die riesigen bunten Bausteine am Eingang des FEZ gehören. Das Ensemble, einst von der Münchner Rückversicherung errichtet, soll laut Flatz 870 000 Mark gekostet haben. Die beiden Grünen-Gemeinderäte Emil Salzeder und Claudia Töpfer hatten den Künstler nun 24 Jahre später hergebeten. Denn die Ente, und vor allem die Zukunft des Tiers, ist im Fasanenpark wieder mal Thema. Seit das FEZ vor gut einem Jahr den Besitzer gewechselt hat und von der Münchner Rück an die Union Investment überging, hoffen Bewohner und Ladenbetreiber in diesem Quartier auf Sanierung und Umgestaltung. Bei einer Befragung von 200 Anwohnern wurde auch klar: Die Hälfte sagt, die Ente soll weg.

Von den anderen sind auch nicht alle bedingungslos für das Kunstwerk. Nur 28 Prozent der Befragten finden, es habe Tradition, sei zum Wahrzeichen geworden. Es erfreue Kinder, sei lustig und einzigartig. Oder wie es eine Bürgerin und Kunsthistorikerin, die die Ente der Pop-Art zurechnet, auf den Punkt brachte: "Die Ente bildet zusammen mit dem Tor ein visuelles Augenmerk und macht es zu einem markanten Ort. Sollte sie entfernt werden, bleibt ein gesichtsloser Platz zurück, wie es schon einige in Unterhaching und im Landkreis München gibt."

"So geht das nicht. Kunst ist kein Wegwerfgegenstand."

Andere, etwa 18 Prozent, könnten sich ein Weiterleben mit der Ente vorstellen, wenn man sie restauriere, umsiedele oder umgestalte. Die Entengegner finden sie schlichtweg hässlich. Sie sei überflüssig, nicht zeitgemäß und lächerlich. Zudem reine Platzverschwendung. Blumen, Brunnen und Sitzecken wären ihnen lieber. Manche finden die Ente sogar gefährlich. Es könnte ein Kind raufklettern und runterfallen, so die Argumentation. Flatz schüttelt den Kopf: "So geht das nicht", sagt er, "Kunst ist kein Wegwerfgegenstand."

Dabei hatte der Künstler damals eigentlich an alle gedacht: an die Kinder, die ihre Freude daran haben sollten, und an die Leute, die Brunnen lieben. Ursprünglich umsprudelte Wasser den gelben Vogel. Heute ist die Quelle versiegt, das rote Entenbassin dient vielen nur noch als Mülleimer. "Man konnte die Ente auch drehen, ganz einfach mit einem Finger", berichtete der Künstler den beiden erstaunten Gemeinderäten. Jetzt lässt sich die Ente noch nicht mal mit großer Kraftanstrengung bewegen, das Ding ist festgerostet. In der nahen Apotheke muss man das ausbaden: Von dort blicken die Mitarbeiter immer nur auf das Hinterteil des Tieres.

Nun kann man die Ablehnung nicht nur auf den aktuellen Zustand der Skulptur zurückführen. Schon als die Münchner Rückversicherung sich damals nach einem Wettbewerb unter acht Künstlern für die Flatzsche Idee entschied, war manch einer im Gemeinderat der Ansicht: "Das ist eine Provokation der Bürger des Fasanenparks." Flatz war bekannt als Bürgerschreck, als Exzentriker, der schon mal ein totes Pferd häuten oder sich als lebendiger Klöppel bis zur Bewusstlosigkeit gegen zwei Stahlplatten schlagen ließ.

Für den eher biederen Fasanenpark aber gerierte sich der gebürtige Österreicher geradezu brav. Nachdem er festgestellt hatte, dass in dem Ortsteil überwiegend Familien leben, war ihm die Idee mit der Skulpturengruppe "Die Ente und das Tor" gekommen. Ein Mädchen Namens Aline hatte ihm einst diese beiden Spielzeuge geschenkt. "Es sind die ersten Gegenstände, mit denen ein Mensch außerhalb des Mutterleibs in Berührung kommt", erläutert der Künstler auch 24 Jahre später seine Intention.

Jetzt müsse es darum gehen, den ganzen Platz wieder zu aktivieren, findet Flatz. Auch das Tor, zu dem ihn einst der Eingang zu einer Chinatown inspiriert habe, funktioniere nicht mehr als solches, weil direkt dahinter ein Beet mit Bäumen und Sträuchern errichtet wurde. Die Ente jedenfalls müsse "massiv renoviert" werden.

© SZ vom 22.02.2021/wkr
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