Film Der Depression auf der Spur

"Grau ist keine Farbe" ist der vorerst letzte Film der "Movie Jam Studios". Die Schülergruppe thematisiert darin psychische Erkrankungen bei Jugendlichen und fordert auch Schule und Politik zum Handeln auf

Von Christina Hertel, Taufkirchen

Zwei Mädchen, um die 17 Jahre alt, laufen durch eine Reihenhaussiedlung mit Holzzäunen und Vorgärten, sie unterhalten sich, wie sich junge Leute wohl schon immer unterhalten haben, seit es Schule gibt: über Lehrer, die zu viel verlangen, den Gedanken, alles hinzuschmeißen, und Eltern, die das niemals zulassen würden. Alles scheint alltäglich und doch ist gar nichts normal. "Ich will einfach nur im Bett liegen", sagt Anna. Und: "In letzter Zeit sitze ich einfach nur rum, obwohl ich was machen müsste." Ein paar Minuten später, Emily, 19 Jahre alt, sitzt vor einem schwarzen Hintergrund erzählt, wie sie stundenlang über ihr Leben nachdachte und plötzlich feststellte: "Mist, ich kriege gar nichts mehr hin."

Die jungen Frauen haben nicht einfach bloß keine Lust auf Schule - sie sind an einer Depression erkrankt. Und sie sind beide Teil des neuen Films "Grau ist keine Farbe" von "Movie Jam Studios", einem Kollektiv bestehend aus sechs Taufkirchener Abiturienten. Annas Geschichte ist erfunden, gespielt wird sie von einer Schauspielerin. Doch Emily erzählt das, was sie tatsächlich erlebte: Leistungsdruck, Depression, Klinikaufenthalt. Sie spricht darüber, wie sie die Schule abbrach, eine Ausbildung zur Floristin begann und wie es ihr heute wieder besser geht.

Seit der sechsten Klasse drehen Movie Jam Studios gemeinsam Filme - immer eine Mischung aus Dokumentation und Spielfilm und immer so, dass man sich vorher als Erwachsener fragt: Schaffen die das? Haben die sich nicht etwas zu viel vorgenommen? Alexander Spöri, Colin Maidment, Luca Zug, Leon Golz, Paul Schweller und Vitus Rabe behandelten das Olympiaattentat 1972, setzten sich kritisch mit dem bayerischen Bildungssystem auseinander und beleuchteten den Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum vor drei Jahren. Hinterher stellte man als Zuschauer jedes Mal fest: Ja die schaffen das. Die Filme wurden immer in einem großen Münchner Kino gezeigt, wirkten professionell, niemals kindisch oder gar peinlich.

Auf das Thema Depression kamen die Filmemacher durch ihr eigenes Umfeld: "Wir kannten bestimmt fünf Leute mit einer Depression - von vielen hätten wir das niemals gedacht", sagt Luca Zug. Und Alexander Spöri meint: "An der Schule wurde das Thema totgeschwiegen. Es gibt einen Tag der Zahngesundheit, aber über Depression spricht niemand." Das möchten sie durch ihren Film ändern. Doch weil ihnen gleichzeitig bewusst ist, dass die Macht bewegter Bildern endlich ist, haben sie sich an die Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Köhler gewandt. Für die Jugendlichen hat sie eine Anfrage an die bayerische Regierung gestellt und wollte wissen, wie lange Kinder und Jugendliche derzeit auf einen Therapieplatz warten müssen.

Im Zentrum des Films stehen die Geschichten von drei Jugendlichen: Anna - überfordert vom Leistungsdruck und stundenlang unterwegs auf Foren im Internet, in denen sich Jugendliche über ihre Depressionen austauschen und Bilder von aufgeritzten Armen posten. Sabine, die keine Mutter mehr hat, dafür einen aggressiven Vater, der sie schlägt und beleidigt. Und Christian, den die vielen Möglichkeiten, die sich seiner Generation bieten, völlig lähmen, der immer mehr verzweifelt und schließlich seinen Suizid plant.

Inspiriert sind diese Geschichten von der Wirklichkeit. Das Kollektiv führte mit Betroffenen und Angehörigen Interviews - zunächst ohne Kamera und schließlich mit. Neben Emily teilen drei weitere an Depressionen erkrankte Jugendliche ihre Geschichte. Sie erzählen, wie sie in der Schule zusammenbrachen und das Gefühl hatten, dass es den Lehrern egal gewesen sei, wie sie die vielen Möglichkeiten - Abi, Ausland, Ausbildung, Freiwilliges Soziales Jahr - überforderten und wie sich zum Teil sogar Freunde abwandten. Manche ihrer Interviewpartner, sagt Alexander Spöri, hätten unerwiderte Liebe und Mobbing als Auslöser der Depression genannt. "Doch was wirklich immer fiel, war das Thema Schule."

Außerdem interviewten die Jugendlichen Psychologen und Psychiater, darunter Chefärzte, Professoren und Direktoren - von den Unikliniken bis zum Max-Planck-Institut. Insgesamt kommen so viele interessante Menschen zu Wort, dass man sich an der ein oder anderen Stelle mit dem einzelnen mehr Zeit gewünscht hätte. Doch man spürt, dass es die Jungs von Movie Jam Studios mit diesem Film noch einmal besonders gut machen und deshalb möglicherweise besonders viel hineinpacken wollten: Im Sommer machen sie Abitur und wie es dann mit ihnen weitergehe, sei noch nicht klar, sagt Spöri.

Und so entstand mit "Grau ist keine Farbe" der aufwendigste Film, den sie jemals gemacht haben: Sie arbeiteten fast eineinhalb Jahre daran, alleine die Recherche dauerte vier Monate, sie drehten unter Wasser in einem Münchner Schwimmbad und bei Minus-Graden im Erdinger Moos. "Wir überlegen schon, wie wir es doch schaffen, nach dem Abi irgendwie weiterzumachen", sagt Spöri, der dann vielleicht eine Ausbildung zum Mediengestalter beginnen möchte. "Denn einfach aufzuhören, wäre doch schade."

Die Premiere des Films "Grau ist keine Farbe" findet am Samstag, 6. April, im Mathäser Filmpalast in München statt. Restkarten gibt es unter www.moviejam.de.