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Geschichte:Als die Kindheit plötzlich vorbei war

Haar Filmprojekt Außendreh Dachau

Jean Böhme (links) am Ort seiner Kindheit: Kaum war das Konzentrationslager Dachau befreit, wurden in den Baracken Familien einquartiert.

(Foto: Michael von Ferrari/oh)

Michael von Ferrari hat mit Zeitzeugen aus Haar und München über das Kriegsende gesprochen. Aus den Interviews ist ein sehr persönlicher Film geworden.

Das alles haben sie ausgehalten. Das haben sie Jahrzehnte mit sich herumgetragen, ohne am Leben zu verzweifeln: Sie erlebten, wie Bomben auf den Bunker fielen, in dem Menschen wimmernd den Tod vor Augen hatten. Sie erlebten Verzweiflung, tiefe Traurigkeit, schreiendes Unrecht und sahen Menschen qualvoll sterben - zu einer Zeit, als sie selbst noch Kinder waren.

Die Filmemacher Michael von Ferrari und Kirsten Althof haben neun alte Menschen aus Haar und München von ihrer Kindheit im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach erzählen lassen und daraus einen Film gemacht. "Die Kindheit war mit zehn Jahren vorbei, einfach vorbei", sagt Anneliese Köppl, eine der Zeitzeuginnen in dem Film.

Es ist nur ein Satz von vielen, die hängen bleiben beim Betrachten des 70-minütigen Streifens, dessen Dramatik daraus erwächst, dass Menschen in einfachen Worten von unaussprechlichen Dingen berichten. In den Gesichtern und vor allem in den Augen der Erzähler wird der Schrecken offenbar. Der Betrachter merkt, dass die Interviewten noch einmal Dinge durchmachen, die kein Kind je erleben sollte.

So wie Fritz Strauß. Er wird eingeführt, unspektakulär, mit dem Satz: "Ich war leider sehr oft allein." Und dann, langsam, entsteht ein Bild von dem, was dieser Mann als Kind im Krieg und in den Jahren danach durchmachte: Der Film zoomt zurück in die Kindheit in Untergiesing im Kriegschaos mit Bombenangriffen. Heftig waren der 12., 13. und 14. Juli 1944.

Strauß wurde verschüttet, ein Freund, der ihn noch gewarnt hatte, war unter den 38 Toten, die bei einem Bombentreffer in der Ichoschule starben. Er selbst rettete Menschen und barg Tote. Als in der Kühbachstraße in Untergiesing eine Bombe in ein Gasthaus einschlug, traf es eine Hochzeitsgesellschaft. 50 Menschen hatten Schutz gesucht, es barst eine Wasserleitung, der Keller lief voll. Keiner entkam. "Da mussten wir die Leute rausholen, ertrunken - mit 15, 16 Jahren - das waren meine Erlebnisse", erinnert sich der Rentner.

Die Lebensberichte sind in dem Film mit dem Titel "Neun - Erinnerungen an bewegte Zeiten" klug komponiert. Die Erzähler wechseln durch, so kommen neun Erzählstränge Stück für Stück voran und es entsteht langsam ein Bild von den Menschen, die sich im Lauf des Films mehr und mehr öffnen. Der Film gewinnt dabei an Profil durch die umsichtige, zurückhaltende Gesprächsführung.

Ferrari und Althof nahmen sich dabei viel Zeit, ließen Vertrauen wachsen - und so ließen die Gesprächspartner die beiden bei ihrem ersten gemeinsamen Projekt dieser Art tief in ihr Innerstes blicken. Weder Ferrari, 61, noch Althof, 55, kommen vom Film. Ferrari leitete viele Jahre das Umweltreferat im Haarer Rathaus, er wohnt in Trudering, ist dort für die Grünen lokalpolitisch engagiert und ist als leidenschaftlicher Fotograf ein Mensch, der genau hinschaut und hinhört. Beeindruckt von langen Gesprächen mit Menschen aus der Generation seiner Eltern entstand der Wunsch, deren Schicksale festzuhalten. Die Journalistin Althof hatte die Idee, einen Film zu machen.

1945 im Kino

75 Jahre nach Kriegsende ist die Zeit um 1945 Thema vieler Rückschauen. Die letzten Zeitzeugen, die den staatlichen und moralischen Zusammenbruch Deutschlands bewusst erlebten, sind Mitte 80 und älter und können noch befragt werden. Michael von Ferrari und Kirsten Althof haben das gemacht, wie der mit ihnen befreundete Filmemacher Michael Karl mit "Die letzten Zeitzeugen". Ihr Film "Neun - Erinnerungen an bewegte Zeiten" wurde bereits in Trudering und Haar gezeigt, an diesem Mittwoch, 29. Januar, 19.30 Uhr nun auch im Kino Breitwand in Gauting. Weitere Termine sind: Mittwoch, 18. März, 18.30 Uhr, Volkshochschule Planegg; Sonntag, 22. März, 11 Uhr, VHS Vaterstetten; Sonntag, 26. April, 11 Uhr, VHS Ottobrunn; Donnerstag, 7. Mai, 19.30 Uhr, VHS Germering, Donnerstag, 14. Mai, 13 Uhr, Mittelschule Vaterstetten. Weitere Vorführtermine sind in der Vorbereitung. belo

Kindheit, Krieg, Befreiung, Hunger - so heißen die Kapitel. Dabei reiht sich nicht Schrecken an Schrecken. "Ich hatte eine sehr gute Kindheit, ich bin gut aufgewachsen. Wir waren die reinste Räuberbande", fängt Anneliese Köppl an zu erzählen. Aber das war eben nur die eine Seite der Medaille - die ohne Krieg. Alleine der schreckliche Hunger, den sie später leiden musste, gehört zu der anderen: "Ich habe noch den Appetit von damals", sagt sie heute.

Seinen Anfang nimmt der Film, bei dem die Kamera meist auf die Erzähler gerichtet ist, an einem der Schreckensorte der NS-Zeit. Die einzige, selbst gedrehte Außenszene zeigt Jean Böhme zwischen den Baracken der heutigen KZ-Gedenkstätte in Dachau. Der heute in Haar lebende Böhme verbrachte dort nach 1945 einige Kindheitsjahre.

Kaum war das Lager befreit, wurden dort Vertriebene und auch die junge Familie Böhme untergebracht. Böhmes Vater hatte als Kriegsgefangener in Besançon seine Frau kennengelernt und später nach Dachau geholt, wo er im früheren KZ ein Dach über dem Kopf gefunden hatte. Böhme erzählt vom Unfassbaren. "Wir Kinder haben uns auch wohl gefühlt und waren zu Hause." Wo eben noch Menschen massakriert und ermordet worden waren, existierte ein Stadtteil - mit Wirtshäusern, Geschäften und Bordell.

Der Ungeist der Nationalsozialisten, der nicht nur dort über den Krieg hinaus wirkte, wird wie das Schrecken des Krieges auf bedrückende Weise erfahrbar. Rudolf Reichelt, der aus Prag kam, erzählt, wie er als Kind zunächst kein Deutsch sprach und als Bub von Gleichaltrigen als "Tschechen-Hund" beschimpft wurde.

Er erzählt, wie er das letzte Mal seine Mutter sah, als sie Uniformierte mitnahmen, nachdem sie einen NS-Parteigänger furios mit Besen in der Hand aus der Wohnung geworfen hatte, weil der ihren Sohn zur Hitlerjugend mitnehmen wollte. "Ich habe bis zu ihrem Tod nichts mehr von ihr gehört", sagt der heute in Haar Lebende, "trotzdem ich sie überall gesucht habe, im In- und Ausland."

Tiefe seelische Wunden lassen sich erahnen. Doris Götz erzählt, wie ein Kind alleine die Kriegswirren überlebt. Erwin Taschner bekam Kriegshandlungen zu sehen mit Schwerverletzten und Toten. Rudolf Fritsch beobachtete, wie die Nationalsozialisten Menschen drangsalierten und die US-Armee in München einmarschierte. Der Film lässt die abenteuerliche, wilde Zeit nach dem Krieg vor dem geistigen Auge wach werden, als Kinder in Panzer kletterten und über scharfe Munition stolperten. Am Ende haben der frühere Umweltreferent der Gemeinde Haar, Michael von Ferrari, und die Journalistin Kirsten Althof aber nicht nur ein Stück Zeitgeschichte bewahrt. Sie formulieren mit ihren Erzählern eine Botschaft für heute.

Eindrücklich ist, wie Erika Müller erzählt, als sie in Schwabing Soldaten in den Krieg ziehen sah. "Die Soldaten haben gejubelt, wir Zuschauer haben gejubelt", sagt sie und wirkt wegen der Verblendung vieler Menschen damals rückblickend den Tränen nahe. Alie Dessecker erinnert daran, wie ruppig Bauern mit den Vertriebenen umgingen. "Das war zu viel des Guten", sagt sie.

Und Jean Böhme richtet auf dem Gelände des früheren KZ-Dachau, wo er kurze Zeit ein Zuhause fand, fast einen Appell an alle: sich der Gefahr durch die Renaissance rechter Parolen deutlich zu werden. Die Vergangenheit wirkt nach bis heute und wird in dem Film, den Ferrari und Althof gemeinsam mit Ute Kuhlmann, dem Verein Hand in Hand und der Bürgerstiftung Haar realisierten, zur Mahnung, sich für Frieden und Verständigung einzusetzen.

© SZ vom 28.01.2020
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