Die Felder sind abgeerntet. Hier und da hüpfen ein paar Krähen über den Boden. Feldlerchen bekommt man Mitte Oktober südlich von Salmdorf auf den Flächen neben dem Kieswerk nicht mehr zu Gesicht. Sie sind abgeflogen in Richtung Süden. Dafür haben die vier Brutpaare, die bis vor kurzem hier genistet haben, nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
Denn im Rathaus von Haar arbeitet man fieberhaft daran, die über Jahre hin geplante Freiflächen-Photovoltaikanlage zu retten. Die Stadt will auf 18 Hektar das bisher größte Solarfeld im Landkreis schaffen. Und jetzt muss man sehen, wie man Klimaschutz erreicht, ohne Artenschutz zu lassen.
Was sich in Haar gerade abspielt, ist so oder ähnlich in vielen Kommunen zu erleben. Mal ist es die Mopsfledermaus, die ein Windkraftprojekt zu verhindern droht, oder ein über Baumwipfeln gesichteter Rotmilan. Ein andermal steht wegen einer Haselmaus der Bau eines Tennisplatzes oder eines Radwegs infrage. Immer wieder stoßen Lokalpolitiker in ihrem Tatendrang an Grenzen, wenn im Bestand gefährdete oder seltene Tiere entdeckt werden. Die Tragik in Haar ist, dass die Vorarbeiten für die PV-Anlage weit gediehen sind. Die Stadtwerke in Haar und Nürnberg stehen als partnerschaftliche Betreiber bereit. In der Kommune erwarten viele Menschen, dass doch bald mal bei der Energiewende der große Wurf gelingt. Doch jetzt hat eine sogenannte Spezielle artenschutzrechtliche Prüfung (SAP) schwarz auf weiß ergeben, dass die Feldlerche auf der Fläche heimisch ist.

Gerade im Münchner Raum häufen sich solche Konflikte. Der Mensch breitet sich immer weiter aus. Der Flächenfraß fordert seinen Tribut. Heinz Sedlmeier, Geschäftsführer der Kreisgruppe München des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) sagt, die Feldlerche sei früher einmal der häufigste Vogel in Bayern gewesen. Die Menschen hätten den Bodenbrüter mit einem besonderen Hilfsmittel, dem Lerchenspiegel, auf dem freien Feld sogar gefangen und gegessen. Heute existieren seiner Einschätzung nach im Freistaat etwa 50 000 Brutpaare. „Vielleicht noch 30 Prozent von dem, was früher war.“ Der Trend sei in ganz Europa stark rückläufig und „überhaupt nicht gestoppt“. Der Schutz der Tiere sei wichtig und machbar, sagt Sedlmeier. Niemand müsse dafür ganze Flächen brach legen. Es reichten gezielte Maßnahmen, indem man etwa sogenannte Lerchenfenster auf Feldern einrichte, auf denen die Vögel sich niederlassen könnten. „Im Verhältnis zu anderen Vorgaben ein Klacks.“

Dabei ist es Sedlmeier bewusst, dass der Artenschutz Menschen immer wieder auf die Palme bringt. Manchmal müsse dieser als Blitzableiter für Frust wegen Verzögerungen bei Baustellen herhalten, beklagt der LBV-Vorsitzende. Er wundere sich, dass die Haselmaus bei den immer wieder verkündeten Verzögerungen auf der Baustelle zur zweiten Stammstrecke in München noch nie Thema gewesen sei. Vieles werde zu Unrecht dramatisiert. Die städtischen Güter schafften ohne großen Aufhebens, die Feldlerchen zu schützen. Beim neuen Stadtviertel Freiham im Münchner Westen habe man im großen Stil Maßnahmen ergriffen. Gebaut werde bekanntlich trotzdem.

Auch wenn jetzt die vier Brutpaare in Haar überraschend aufgetaucht zu sein scheinen: Unerfahren ist man im dortigen Rathaus diesbezüglich nicht, schließlich hat Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) in der Vergangenheit wiederholt auf Verzögerungen am Bohrplatz für das auch mit Haarer Beteiligung vorangetriebene Geothermie-Kraftwerk in Vaterstetten hingewiesen, die durch Feldlerchen entstanden seien. In Vaterstetten bestätigt Geschäftsleiter Tobias Aschwer, der auch das Umweltamt leitet, dass man einigen Aufwand betrieben habe. Er spricht von einem Jahr Arbeit, um Ersatzflächen zu sichern. Die Feldlerche sei anspruchsvoll, sagt er. Sie brauche Abstand zu höheren Objekten, etwa Masten. Von der problematischen Kulissenwirkung von Gebäuden oder Zäunen ist dann im Fachjargon die Rede.
In flächenarmen Kommunen weniger Artenschutz, dafür andernorts mehr? Die Frage sei: „Was will die Gesellschaft?“
In Vaterstetten fing man 2022 frühzeitig an, das Gelände für den Bohrplatz zu untersuchen und fand dann in Kooperation mit einem Landwirt eine Lösung. Bürgermeister Leonhard Spitzauer (CSU) berichtet von einem Grundstückstausch zum Vorteil aller. Eine Verzögerung habe es wegen der Feldlerchen nicht gegeben. Doch grundsätzlich, findet er, sei es in dicht besiedelten Räumen mit einem fragwürdig großen Aufwand verbunden, dem Artenschutz gerecht zu werden. Drei Jahre nach der Artenschutz-Untersuchung wurde der Humus von der Fläche abgeräumt, mittlerweile liefen archäologische Untersuchungen und nächstes Jahr könnte der Bohrplatz eingerichtet werden. Lange Verfahren, teure Verfahren. „Das ist doch das Symbol“, sagt Spitzauer. Bürokratie blockiere uns. Und er fragt, ob es nicht sinnvoll wäre, in flächenarmen Kommunen Abstriche beim Artenschutz, und andernorts in Bayern dafür mehr zu machen. Man brauche Prioritäten. Die Frage stelle sich: „Was will die Gesellschaft?“

Auch der Haarer Stadtrat Martin Metzger (Unabhängige Bürger) wurde grundsätzlich, als die Probleme mit den vier Brutpaaren in Salmdorf bekannt wurden. Die Stadt schaffe ja nicht nur ein Vorzeigeprojekt für die Energiewende, sagte er, sondern setze dieses auch ökologisch hochwertig um. Man wende das Biodiversitätskonzept der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf an, sagte Metzger. Rinder sollten zwischen den Solarmodulen grasen. Da könne er vor sich kaum rechtfertigen, wenn die finanziell angeschlagene Stadt Hunderttausende Euro aufwende, um knappe landwirtschaftliche Flächen anzupachten, die dann für Vögel brachliegen müssten, von denen keiner wisse, ob sie im Frühjahr auch dort ihr Nest bauten. „Ich will hier nichts ins Lächerliche ziehen“, sagte Metzger, „ich will zum Nachdenken anregen.“

Einfache Antworten scheint es nicht zu geben. Ausgerechnet ökologisch vorbildlich bewirtschaftete Flächen in Nachbarschaft zu der geplanten Freiflächen-Photovoltaikanlage kommen als Ausweichflächen für die Feldlerchen nicht infrage, erläutert Bürgermeister Andreas Bukowski. Der Bezirk Oberbayern ersetze dort Pestizide durch mechanische Unkrautvernichtung. Auf derart bearbeiteten Flächen hätten Bodenbrüter keine Chance. Bukowski spricht von rechnerisch 40 sogenannten Feldlerchenfenstern, die man im Umkreis von zwei Kilometern brauche. Dennoch glaubt er an einen Erfolg. „Bis Jahresende möchte ich schon eine mögliche Lösung präsentieren.“
Den „Paragraf 45, Absatz 7“ des Bundesnaturschutzgesetzes, in dem festgeschrieben ist, was die Stadt zu tun hat, benennt Haars Bürgermeister aus dem Stegreif. Auch er stellt, wie sein Vaterstettener Kollege, die Vorschrift und vor allem die rigide Art und Weise, wie sie angeblich neuerdings ausgelegt wird, infrage. Er erkenne bei den Behörden den Willen, Dinge voranzubringen, sagt Bukowski. Aber zugleich höre er, dass die Entscheider keinerlei Spielräume mehr hätten, Verordnungen auszulegen, um Kompromisse zu finden. „Man müsste mal an die Verordnungen ran.“

