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Jimmy Schulz:Ein Vorkämpfer für Freiheit im Netz

Jimmy Schulz ist im Alter von 51 Jahren gestorben

(Foto: Claus Schunk)

Im Bundestag leitete Jimmy Schulz den Ausschuss Digitale Agenda. Es war sein politisches Lebensthema. Nun ist der FDP-Politiker aus der Nähe von München mit 51 Jahren gestorben.

Seinen letzten großen politischen Kampf hat Jimmy Schulz gewonnen: Mit der FDP gelang dem Liberalen bei der Bundestagswahl 2017 der Wiedereinzug ins Parlament. Zwei Jahre später hat Schulz nun den letzten Kampf seines Lebens verloren. Am Montag ist der Bundestagsabgeordnete aus Hohenbrunn mit nur 51 Jahren seinem Krebsleiden erlegen, wie Parteichef Christian Lindner mitteilte. Schulz hinterlässt seine Frau Petra und drei Kinder.

Mit Jimmy Schulz verlieren die Liberalen im Landkreis München ihr prominentestes Gesicht und die Bundespartei einen arrivierten und detailversessenen Netzpolitiker, der mit der Wahl zum Vorsitzenden des Ausschusses Digitale Agenda im Deutschen Bundestag im Januar den Höhepunkt seiner politischen Karriere erreichte. Der Experte für Digitales hatte endlich jene Ebene erreicht, auf der sich das Digitale auch gestalten lässt. Vehement kämpfte er für die digitale Selbstbestimmung und gegen die Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchungen und das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Parteichef Lindner würdigte Schulz am Montag als "Netzpolitiker der ersten Stunde" und schrieb, dieser sei ein "großer Freiheitskämpfer" gewesen. "Wir trauern mit seiner Familie und werden ihn nicht vergessen."

Jimmy Schulz war auch immer Kommunalpolitiker, weil er sich seiner Heimat verbunden fühlte. Schulz kam zwar am 22. Oktober 1968 in Freiburg im Breisgau zur Welt, doch der frühe Umzug in seiner Kindheit nach Ottobrunn machte aus ihm bald einen Oberbayern, der allerdings nie so recht Bairisch reden wollte. Sein Vater Wilfried lehrte an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg Volkswirtschaft, der Sohn besuchte die Grundschule in Ottobrunn, anschließend das dortige Gymnasium, an dem er auch die Allgemeinde Hochschulreife erlangte. Englisch und Geschichte waren seine Leistungskurse. Passend in die Zeit, den Achtzigerjahren, schrieb er seine Facharbeit zum Thema "Wege zur Deutschen Wiedervereinigung".

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Sein eigener Weg führte ihn anschließend ein Jahr lang in die USA zu einem Gaststudium an der University of Texas in Austin in den Fächern "Government" und "Marketing", ehe die Bundeswehr seinen Dienst verlangte und Schulz den Wehrdienst bei den Gebirgsjägern absolvierte. Danach folgte der Einstieg in die Politik - zuerst in die abstrakte. Von 1991 bis 2000 studierte Schulz Politikwissenschaften an der Hochschule für Politik in München. Und als habe alles einen Grund, trägt seine Diplomarbeit den Titel "Kryptographie im Internet - eine politische und politikwissenschaftliche Herausforderung in der Informationsgesellschaft".

Das Internet, die digitale Welt - Schulz hat die Digitalisierung der Gesellschaft nie abgeschreckt, er hat sie vielmehr aktiv mitgestaltet. Als Mitarbeiter bei mehreren IT-Firmen schon während des Studiums, später dann mit seinem eigenen Unternehmen, der Cyber Solutions GmbH, die sich bis heute als Dienstleister und Softwareschmiede versteht. Schulz war bis zuletzt einer der Gesellschafter. Er habe mit der Firma, die auch den Börsengang gepackt hat, so hat er es einmal gesagt, viel Geld verdient - und auch viel Geld verloren. In den vergangenen Jahren eher verdient, denn Schulz hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er der Politik den Rücken kehren und in seinem Beruf arbeiten könne. Zwischenzeitlich war er dazu sogar gezwungen, nachdem die FDP 2013 für eine Wahlperiode aus dem Bundestag geflogen war.

Bevor die FDP seine politische Heimat wurde - was sie bis zuletzt auch blieb - legte Schulz ein kurzes Gastspiel am rechten Rand ein: Bei der Kommunalwahl 1990 hatte er auf der Liste der Republikaner für den Ottobrunner Gemeinderat und den Kreistag kandidiert. Erfolglos. "Unter dem falschen Eindruck, dass diese Partei die Wiedervereinigung ernsthaft voran treiben wollte", sei er damals den Republikanern beigetreten, sagte Schulz Jahre später in einem SZ-Interview. Es war ein kurzes Kapitel - und eines, das sie ihm in seiner neuen politischen Heimat auch nicht nachtragen wollten.

Im Jahr 2000 trat Jimmy Schulz der FDP bei. Und auch privat veränderte er sich und zog in den Hohenbrunner Ortsteil Riemerling. Was folgte, war eine politische Laufbahn von der Pike auf: von der Kommunalpolitik, dort wo aufstrebenden Talenten das Handwerkszeug beigebracht wird, bis in den Deutschen Bundestag: 2002 Gemeinderat in Hohenbrunn, 2006 Bürgermeisterkandidat in seiner Heimatgemeinde, 2008 erstmals der Sprung in den Kreistag, dazwischen - 2003 - die Kandidatur für den Bayerischen Landtag und 2009 endlich Berlin. Vier Jahre saß Jimmy Schulz im Bundestag, ehe er 2013 durch den Absturz der FDP sein Mandat wieder verlor. "Demut" habe er in den Jahren danach gelernt, sagte er. Auch seine Partei habe diese wieder lernen müssen. 2017 goutierte der Wähler diese Selbstreflexion des Liberalen und schickte Schulz zurück in die Hauptstadt und ins Parlament.

Seine Bodenhaftung hat Jimmy Schulz nie verloren. Seine Bühne blieb auch immer der Kreistag, der Landkreis - bis ihn seine Krankheit mehr und mehr daran hinderte, öffentliche Termine wahrzunehmen. Der letzte war Mitte Oktober, als er Ehrenvorsitzender der oberbayerischen FPD wurde. In Erinnerung bleiben wird ein fleißiger Mandatsträger, der lange vor allen anderen im Sitzungssaal des Landratsamtes am Mariahilfplatz die Akten in seinem Laptop studierte, und ein humorvoller Liberaler, der auch über sich selbst lachen konnte.

Jimmy Schulz wird Ehrenvorsitzender der FDP Oberbayern

Im Oktober hat die oberbayerische FDP Jimmy Schulz (2. von links) zu ihrem Ehrenvorsitzenden ernannt. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt.

Landrat Christoph Göbel (CSU) sagte am Montag, mit Schulz gehe "ein wahrer liberaler Geist, ein rundum innovativer Politiker und ein guter Mensch, der stets dorthin geschaut hat, wo Bedarf an Hilfe und Handlung war". Schulz, aus Göbels Sicht "der Digitalpolitiker Deutschlands", sei "immer am Boden geblieben" und für die Menschen vor Ort dagewesen. Anton Hofreiter, der aus Sauerlach stammende Fraktionschef der Grünen im Bundestag, sagt über Schulz, dieser habe als Vorsitzender der Ausschusses Digitale Agenda die wichtigen Themen Digitalisierung und Vernetzung vorangetrieben. "Viel zu jung ist er von uns gegangen, das ist tragisch", so Hofreiter. Sein CSU-Kollege Florian Hahn aus Putzbrunn ergänzt: "Der Landkreis und ich persönlich werden ihn sehr vermissen. Er war ein liberaler Überzeugungstäter, ein toller Kollege und ein großartiger Kämpfer bis zum Schluss."

Tief bestürzt und in Trauer äußerte sich FDP-Kreischef Michael Ritz. "20 Jahre haben wir Seite an Seite für die FDP gearbeitet und uns dabei immer gut verstanden", so der Grünwalder. "Er war eine weise, würdige Person und wir haben bis zuletzt auf seine Ratschläge gehört und er war immer für uns da." Die FDP trauere und werde sich immer an Jimmy Schulz erinnern.

Am Ende war Jimmy Schulz mit sich im Reinen. In einem seiner letzten Interviews im Juni sagte er dem Spiegel: "Ich lebe unheimlich gerne, ich liebe das Leben, aber ich habe keine Angst vor dem Tod. Das ist für mich in Ordnung, dass ich sterbe."

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