Wer kennt es nicht? Man lebt nicht direkt in München, die S-Bahnen sind voll oder fahren gar nicht und die Spritpreise werden immer teuerer. Dafür gibt es nun in und um München eine scheinbar gute Alternative, um zur Arbeit, zur Schule oder einfach nur in die Stadt zu kommen: Seit Anfang Mai gibt es in München und Region überall die sogenannten MyRadls, die man ausleihen kann. Die SZ-Praktikantinnen Emma und Toni haben den Versuch gewagt. Einmal mit dem Radl zur Arbeit zu fahren. Die Herausforderungen: Radl finden, den Weg nicht verlieren und sich durch den Münchner Morgenverkehr schlängeln.
Die My-Radl-Fahrräder lassen sich neben München in 36 Städten und Gemeinden um die Stadt herum finden, wie Fürstenfeldbruck, Oberschleißheim oder Feldkirchen. Es gibt knapp 1000 Standorte, mit insgesamt 6700 Fahrrädern, ein Drittel davon sind Pedelecs, auch E-Bikes genannt. Ab 2027 sollen, laut einer Pressemitteilung, noch 15 weitere Gebiete mit 280 Fahrrädern und 53 Standorten dazu kommen.
Wir haben einen Selbstversuch gewagt und getestet, ob My Radl wirklich eine gute Alternative zum öffentlichen Nahverkehr ist, wenn dieser mal wieder Faxen macht. Unser Startpunkt: der Bahnhof in Deisenhofen in Oberhaching. Unser Ziel: der Turm der Süddeutschen Zeitung in Berg am Laim. Kurz bevor wir allerdings am Standort der Räder ankommen, sehen wir in der MV-Go App, dass nur noch eins der beiden Räder verfügbar ist. Unser ursprünglicher Plan geht nicht auf, wir müssen eine neue Fahrrad-Station finden. Eine S-Bahn-Station weiter und 14 Minuten Fußweg entfernt stehen wir vor einer der wenigen weiteren Stationen in Oberhaching. Hier stehen 10 Fahrräder und ein E-Bike zur Verfügung. Ob es E-Bikes oder normale Fahrräder sieht man aber erst vor Ort. In der App wird das nicht angezeigt. Auch der Akkustand der elektronischen Fahrräder ist nicht ersichtlich, daher ist ein kleines Glücksspiel, ob der Akku für die Fahrt ausreicht oder das Rad überhaupt fährt.
Bevor es losgehen kann, ist allerdings eine Sache wichtig, an die man denken sollte: Ohne App, wie die MV-Go, funktioniert da gar nichts. Um 8:45 Uhr suchen wir unsere Fahrräder aus. Dann heißt es QR-Code scannen, auf „Fahrt starten“ klicken und los geht’s.
Dadurch, dass wir noch nie mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren sind, geschweige denn aus dem Stegreif wüssten, wohin wir fahren müssen, kommt uns die Handyhalterung am Lenker ganz gelegen. Emma öffnet Google Maps und gibt das Ziel ein. Doch bevor wir wirklich losstarten können, müssen wir noch unsere Taschen am Fahrrad befestigen. Dafür gibt es am Lenker elastische Bänder, mit denen man Tasche oder Rucksack einspannen kann. Bei Emmas Schultertasche funktioniert das gut, Tonis Rucksack hingegen will einfach nicht in den Gepäck-Korb hineinpassen. Na gut, dann halt auf dem Rücken.

Beim Aufsteigen merken wir direkt: Vor uns saß da jemand drauf, der definitiv ein gutes Stück größer war, also müssen wir erst noch den Sattel richtig einstellen. So, jetzt kann es aber wirklich losgehen. Zum Glück sind die Fahrradwege in München gut ausgebaut. Im ländlicheren Raum spürt man allerdings jedes Schlagloch, weil die Räder kaum gefedert sind. Das E-Bike ist zudem recht schwer mit der vorne festgeschnallten Tasche. Einmal müssen wir auf die Landstraße ausweichen, da der Fahrradweg einfach aufhört. Allerdings verfahren wir uns nicht ein einziges Mal. Das angenehme, was die S-Bahn oder die Regio nicht leisten können: auf dem Rad wird man von dem Fahrtwind abgekühlt.
Wir radeln gemütlich vor uns hin, aber niemand scheint uns Bescheid gegeben zu haben, dass ab München alle anderen wohl ein inoffizielles Fahrradrennen abhalten. Ständig werden wir überholt, rote Ampeln scheinen ihre Bedeutung verloren zu haben. Einige Radfahrer sausen ohne zu bremsen über den Haltestreifen. Wir bemühen uns, am Rand des Fahrradweges zu bleiben, um den Rasern Platz zum Überholen zu machen. Wir werden von Müttern mit Kindersitz auf dem Rad, Anzugträgern, Menschen in Flipflops und Jugendlichen, die wahrscheinlich zu spät zur Schule kommen, überholt.
Frühsport im Grünen statt Gedränge auf der Rolltreppe
Die Strecke ist unserer Meinung nach eine schöne Abwechslung zum stressigen Münchner Morgenverkehr. Anfangs fahren wir viel an den Schienen entlang. Die meiste Zeit fährt man im Schatten unter Bäumen, an Sportplätzen, Parks oder Wohngegenden vorbei. Der Weg zur Arbeit wird so um einiges spannender. Keine stickigen S-Bahn-Schächte, Rolltreppen und Menschen, die einem in der Bahn in den Nacken atmen. Wer in der Früh schon ein wenig Bewegung will, bevor er den ganzen Tag vor seinem Computer sitzt, für den sind die Leihräder eine schöne Abwechslung zur S- oder U-Bahn. Allerdings sollte allen bei der aktuellen Hitzewelle bewusst sein, dass Sport bei über 30 Grad nicht ganz ohne ist. Bei diesen Temperaturen kann man sich aber auch, genau wie wir, für ein E-Bike von My Radl entscheiden.
Um 09.15 Uhr erreichen wir das SZ-Hochhaus. Gerade noch rechtzeitig für unsere morgendliche Themenkonferenz. Direkt am Turm der Süddeutschen Zeitung gibt es keine Parkstation für die Fahrräder, deshalb müssen wir die letzten 800 Meter laufen. Wichtig: Das Fahrrad muss an einer hierfür vorgesehenen Rückgabefläche abgegeben werden, sonst werden Gebühren in Höhe von 20 Euro abgebucht. An der Rückgabefläche einfach den Hebel des Schlosses herunterdrücken und „Fahrt beenden“. Für uns hat die Radlfahrt am Ende jeweils zwei Euro gekostet. Bei der Hitze auf jeden Fall eine gute Alternative zu der heißen, stickigen und überfüllten S-Bahn. Und bei ein paar Grad weniger auf jeden Fall eine Empfehlung für alle.

