Von der EWG zur EU Einer wird gewinnen

Für viele der gefühlte Mittelpunkt Europas: das Autobahnkreuz München-Süd bei Brunnthal, an dem sich die Wege von Millionen schneiden und trennen. Illustration: Alper Özer

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Der Landkreis München profitiert besonders von Europa: Die Hälfte der produzierten Waren geht in den Binnenmarkt, jeder achte Arbeitnehmer kommt aus einem Mitgliedsstaat, EU-Fördermittel fließen in Forschung und Gründerzentren. Aber es gibt auch Defizite - und Ängste.

Von Martin Mühlfenzl

Der Klassiker der europäischen Verständigung ist der Schüleraustausch. Seit Jahren zieht es etwa die Schüler des Ottobrunner Gymnasiums in die Partnergemeinde Mandelieu-la-Napoule an der Côte d'Azur. Wenn die Jugendlichen dort mal keine Lust auf französische Haute Cuisine haben und sie lieber in einen anderen Klassiker beißen, den eigentlich alle Jugendlichen schätzen, kann es gut sein, dass sie ein Stück Heimat schmecken. Denn in der Filiale eines großen Fast-Food-Konzerns in der Avenue de Fréjus gibt es auf den Burgern Senf und Ketchup von Develey aus Unterhaching - und eine eigens für Frankreich konzipierte Trüffelsauce. Made im Hachinger Tal.

Senf für den Kontinent aus dem "Wirtschaftsraum Nummer eins", wie Münchens Landrat Christoph Göbel (CSU) den Landkreis bezeichnet. Diesen Motor der bayerischen Wirtschaft, in dem etwa 237 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze auf die annähernd 350 000 Einwohner kommen.

Dieses Wirtschaftswunderland, in dem der nach Umsatz weltweit größte Versicherer Allianz aus Unterföhring einen jährlichen operativen Gewinn von mehr als elf Milliarden Euro erwirtschaftet. Dieses High-Tech-Paradies mit Weltfirmen wie Airbus und Infineon sowie drei Universitätsstandorten - Garching, Martinsried und Neubiberg - an denen die modernsten und leistungsfähigsten Satelliten entwickelt werden und Forscher an Methoden tüfteln, wie aus Algen Treibstoff gewonnen und der Krebs besiegt werden kann.

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Ist all das - der Wohlstand dieser Region, die Arbeitsplätze, die Spitzenforschung und auch gewinnbringende Internationalität - in Gefahr, wenn bei den Wahlen zum Europäischen Parlament vom 23. bis zum 26. Mai die extremen, nationalistisch denkenden und agierenden Kräfte deutlich an Macht hinzugewinnen? "Es ist zumindest nicht davon auszugehen, dass die rechten Kräfte etwa in Frankreich, so sie denn zulegen oder gewinnen, sich darum bemühen, dass all dies weiter hier stattfinden wird", sagt Landrat Göbel.

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Christoph Leicher ist derzeit geschäftlich in Rumänien. Der Unternehmer aus Kirchheim und Vorsitzende des Regionalausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK) für den Landkreis ist schon qua Amt ein überzeugter Europäer. Unter dem Dach der IHK für den Landkreis sind etwa 43 000 Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Handel und Dienstleistungen vereint.

Leicher sagt, er könne sich keinen Unternehmer vorstellen, "der sich ernsthaft wieder eine nationale Abschottung der einzelnen Märkte in Europa wünscht oder auf den Euro verzichten möchte". Die starke wirtschaftliche Position des Landkreises sei ohne Außenhandel nicht denkbar, weiß Leicher. "Ich sage es ganz deutlich: Als Unternehmer kann ich mir ein Bayern ohne den europäischen Binnenmarkt nicht vorstellen. Die Freizügigkeit von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital ist aus meiner Sicht die wichtigste Errungenschaft für die Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten." Auch kleinere Unternehmen erreichten dadurch einen Markt mit mehr als 500 Millionen Menschen.

39 000 EU-Bürger

leben im Landkreis München. Insgesamt haben etwa 70 000 Menschen einen ausländischen Pass. Die größte Gruppe stellen die Kroaten mit 5905 Bürgern, gefolgt von den Österreichern (5010). Selten anzutreffen sind hingegen die Zyprer (12) und Malteser (10) im Landkreis. Der letzen Erhebung zufolge (Dezember 2017) lebten im Landkreis alles in allem 346 433 Menschen; mittlerweile dürfte die tatsächliche Zahl die Marke von 350 000 Einwohnern längst überschritten haben. Seit 2018 gab es 1382 Einbürgerungen - die meisten davon waren Briten (171). Einige EU-Bürger kommen in dieser Ausgabe zu Wort.

Davon profitiert der Landkreis München im Herzen Europas ganz besonders. Für das Jahr 2018 weist die IHK für die Bereiche produzierendes und verarbeitendes Gewerbe, Bau, Handel und Dienstleistungen eine Bruttowertschöpfung von etwa 33 Milliarden Euro aus. Seit dem Jahr 2011 ist dieser Wert um nahezu ein Drittel gestiegen. Der Landkreis München ist Exportmeister in Oberbayern, 68 Prozent der Waren werden für das Auslandsgeschäft produziert, etwa die Hälfte der Waren geht in die Länder des Binnenmarktes.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs in den 29 Städten und Gemeinden steigt immer weiter an, zwölf Prozent der Arbeitnehmer kommen mittlerweile aus anderen EU-Ländern. "Zwischen 2017 und 2018 ist diese Zahl am Arbeitsmarkt um fast acht Prozent gewachsen", sagt IHK-Chef Leicher. "Und das ist gut so. Denn angesichts des nahezu leer gefegten Arbeitsmarktes können die Betriebe in der Region auf diese Personengruppe nicht verzichten." Ohne die europäische Integration, sagt Leicher, "wäre heute weder unser Wohlstand so groß, noch hätte unsere Wirtschaft eine so starke Rolle".

Die Angst vor der Globalisierung aber hat trotz aller wirtschaftlichen Erfolge keinen Bogen um den Landkreis gemacht. Die Sorge mancher Bürger, den Halt zu verlieren und das gewohnte Umfeld nicht mehr wiederzuerkennen, treibt auch in Unterschleißheim, Ottobrunn oder Grünwald Arbeitnehmer um.

Transformaation in rasanter Geschwindigkeit

Und tatsächlich hat sich die Transformation des bevölkerungsreichsten Landkreises im Freistaat von einem Agrarland zu einem hochmodernen, teils sehr urbanen, internationalen Standort in unglaublich rasanter Geschwindigkeit vollzogen. Diese Ängste und Sorgen müssten ernst genommen werden, findet der Landrat. "Das sind ja nicht immer Rechte, die Angst vor der Globalisierung haben."

Die Politik müsse deutlich machen, dass Heimat nur dann "konservierbar" sei, wenn Europa weiterentwickelt werde, Deutschland darin eine gestaltende und auch starke Rolle einnehme - und der Landkreis München bleibt, was er ist. "Ein herausragender Wirtschafts- und Forschungsstandort, in dem sich die Menschen auch wohl fühlen", so Göbel. "Dafür müssen wir die Weichen stellen, deshalb ist diese Wahl auch so wichtig."

Europa im Kleinen im für europäische Verhältnisse ohnehin sehr kleinen Landkreis München lässt sich etwa im "Nukleus" Martinsried erleben. Diesem Zellkern der Forschung, in dem junge Entwickler und Wissenschaftler aus unzähligen Nationen auch im Gründerzentrum des Landkreises die Zukunft mitgestalten. Gefördert von der Europäischen Union.

Es sei ja nicht so, dass die EU den so wohlhabenden Landkreis München schröpfe wie eine Melkkuh, sagt Landrat Göbel. "Gerade wir profitieren ja auch finanziell und ziehen Fachkräfte aus dem ganzen Kontinent an."

In einem Bereich aber fehlt es dem Landkreis noch ein ganzes Stück zur Weltspitze. Bei der Digitalisierung. Die, sagt IHK-Mann Christoph Leicher, interessiere sich nicht für Ländergrenzen. Deshalb könne es beim Ausbau und auch der Regulierung nur eine europäische Lösung geben. Ein digitaler Binnenmarkt müsse realisiert werden wie auch eine "E-Privacy-Ordnung", deren Normen die Forschung und Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle ermöglichen. "Aber neue Barrieren für Online-Geschäfte dürfen nicht aufgebaut werden", warnt der Unternehmer. Für Leicher ist Europa die Lösung. Egal ob in Kirchheim oder Bukarest.