Essbare Insekten Grillen mal anders

"Sie knurpsen beim Zerbeißen": Ernährungsberaterin Annette Nagel hat ihre Scheu vor Insekten überwunden und fordert auch andere dazu auf.

(Foto: Claus Schunk)

Ernährungsberaterin Annette Nagel bietet beim Neubiberger Nachtbiomarkt Heuschrecken und andere Krabbeltiere zum Probieren an.

Von Angela Boschert, Neubiberg

Unsere Nahrungsmittelproduktion verschwendet Ressourcen und trägt zum Klimawandel bei. Außerdem vergiften die häufig eingesetzten Antibiotika den Boden und erzeugen Resistenzen bei Mensch und Tier. Angesichts der Millionen an hungernden Menschen werden wir unseren Speiseplan ändern müssen. Eine in Asien und Afrika schon weit verbreitete Alternative sind essbare Insekten. Die Münchner Ernährungswissenschaftlerin Annette Nagel bietet sie beim Neubiberger Nachtbiomarkt am Donnerstag zum Kosten an.

"Ich hoffe, dass die Menschen anfangen, über ihren hohen Eiweißbedarf nachzudenken. Den könnten wir mit Insekten hervorragend decken und bräuchten dafür deutlich weniger Ressourcen", sagt Nagel. Sie selbst stieß in einer Ausstellung im Biologiezentrum Linz auf die Vielfalt an essbaren Insekten und auf die Firma "Zirpinsects", die Insekten vertreibt und in Wien seit einigen Jahren spezielle Kochkurse anbietet. In Österreich werden bereits Insekten zum Essen gezüchtet. Seit 1. Januar dieses Jahres dürfen die Krabbeltiere in der gesamten Europäischen Union gezüchtet und vertrieben werden. In Deutschland gibt es aktuell drei Online-Anbieter.

Wanderheuschrecken, Mehlwürmer, Buffalo-Würmer, Heimchen

Das war für Nagel der Anlass, dieses Jahr Wanderheuschrecken, Mehlwürmer, Buffalo-Würmer und die Grillenart Heimchen beim Nachtbiomarkt Neubiberg zum Probieren anzubieten. Die promovierte Ernährungswissenschaftlerin, die in Ottobrunn schon mit dem Wildkräuter-Bistro Bareso in der Putzbrunnerstraße 13 Aufmerksamkeit erregt hat, will die Besucher neugierig machen auf den ungewohnten Geschmack und die Bedeutung von Insekten als wertvolle Nahrungsquelle. "Insekten schmecken eigentlich nicht nach viel, sie knurpsen beim Zerbeißen und schmecken etwas nach Nüssen", sagt Nagel. Ekel und Vorbehalte müsse man verdrängen, schließlich müssen "wir jetzt das überlegen, was andere schon lange kapiert haben". Unsere Fleischproduktion ist zu teuer und benötigt zwölf Mal so viel Futter, Wasser und Platz wie die Produktion von Insekten.

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Auch deswegen war Nagel nach der Entdeckung in Linz überzeugt: Insekten müssten zukünftig Teil unserer Ernährung werden. Bei der Produktion gehen nur zehn Prozent des Gewichts verloren, bei Fleisch ist es rund die Hälfte. Insekten enthalten zwischen 45 und 69 Prozent wertvolles Eiweiß, außerdem Kohlenhydrate, Fett, B-Vitamine und viele Mikronährstoffe. Sie sind fast so nahrhaft wie Schokolade, aber gesünder. Doch keine Angst: Insekten verzehrt man grammweise. Frisch aus der Packung als Snack, als Topping zu Müsli und Salat oder als Zutat beim Backen. Heuschrecken entfalten ihren Walnussgeschmack besonders, wenn man sie karamellisiert. Heimchen röstet die Münchner Firma "Wicked Cricket" und bietet sie mit Salz, Pfeffer oder Kräutern gewürzt an.

Die Möglichkeiten sind vielfältig, obgleich die Vorstellung, krabbelnde Sechsbeiner zu essen, Überwindung kostet. Doch "Insekten umgeben uns alle", sagt Nagel, "in Afrika pflückt man sie von den Bäumen ab, um sie zu essen." Für den hiesigen Verzehr werden sie nach strengen Hygiene-Richtlinien gezüchtet, schockgefroren, gekocht und getrocknet, bevor sie verkauft werden. Erwachsene und Kinder können also bedenkenlos probieren, wie eine Heuschrecke schmeckt. Nagel empfiehlt: "Den Kopf überspringen", der sei am unangenehmsten.

Der siebte Neubiberger Nachtbiomarkt findet am Donnerstag, 12. Juli, von 18 bis 22 Uhr auf dem Marktplatz im Umweltgarten an der Hauptstraße 10 in Neubiberg statt.