Erzieher-Mangel in München Von der Schule in den Kindergarten

In Bayern sind mehr als 1000 Grundschullehrer arbeitslos: Ab dem kommenden Jahr will die Stadt München arbeitslose Lehrerinnen als Erzieherinnen verpflichten. Nicht alle sehen das positiv.

Von Tina Baier

Die Stadt München will im kommenden Jahr arbeitslose Grundschullehrerinnen als Erzieherinnen in Kindergärten, Horten und anderen Einrichtungen einsetzen. "Ich bin auf diese Idee gekommen, weil bei mir immer wieder Lehrerinnen nachgefragt haben, ob eine Anstellung bei der Stadt möglich ist", sagt Eleonore Hartl-Grötsch, die im Referat für Bildung und Sport für Kindertageseinrichtungen zuständig ist.

Arbeitslose Grundschullehrererinnen können sich jetzt beim Referat für Bildung und Sport für eine Weiterbildung zur Erzieherin bewerben.

(Foto: Stephan Rumpf)

In diesem Jahr wurden nur Grundschullehrer- und Lehrerinnen mit einem Notendurchschnitt bis zu 1,91 vom Staat übernommen. Mehr als 1000 stehen bayernweit auf der Straße. Erzieherinnen werden dagegen vor allem in München händeringend gesucht. Vom ersten Januar 2011 an können sich jetzt 50 arbeitslose Grundschullehrerinnen kostenlos zur Erzieherin weiterbilden lassen.

Wer an dem Modellprojekt teilnehmen möchte, muss sich beim Referat für Bildung und Sport bewerben. Die Praxisausbildung dauert ein halbes Jahr. Während dieser Zeit werden die Lehrerinnen als Kinderpflegerinnen eingestellt und bezahlt.

Nach Abschluss der Ausbildung, zu der neben dem praktischen Teil eine 30-tägige theoretische Fortbildung am Pädagogischen Institut gehört, werden sie als Erzieherinnen angestellt. "Wenn sie die Abschlussprüfung schaffen, stehen ihnen alle Aufstiegsmöglichkeiten offen, bis hin zur Leitung einer Einrichtung", sagt Hartl-Grötsch. Außerdem gebe es eine schriftliche Vereinbarung mit dem Kultusministerium, dass niemand von der Warteliste für Grundschullehrer gestrichen wird. Eine Rückkehr zum ursprünglich gewählten Beruf als Lehrer ist also möglich.

Das dürfte eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen des Projekts sein. Denn eine Erzieherin verdient am Anfang ihres Berufslebens mit 2266,88 Euro brutto plus 105,95 Euro Münchenzulage deutlich weniger als eine Grundschullehrerin (2789,68 Euro brutto). Trotzdem findet Waltraud Lucic, die Vorsitzende des Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverbands (MLLV), das Projekt nicht schlecht. "Auch die Schulen können davon profitieren, wenn dort später Lehrerinnen mit Kindergarten-Erfahrung arbeiten", sagt sie. Derzeit wüssten beide Seiten viel zu wenig voneinander.

Judith Schmid, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bayerischer Junglehrer in München, sieht das kritischer: "Jemand, der für die Grundschule nicht gut genug ist, gehört nicht in den Kindergarten", sagt sie. Je jünger die Kinder sind, umso besser müssten die Betreuer sein.

"Die ersten Bewerber, die sich bei uns gemeldet haben, waren Spitzenleute mit Notenschnitten von 2,4 und besser", sagt Klaus Weingärtner, der das Projekt im Referat für Bildung und Sport betreut. Doch auch die müssen nach Ansicht von Michael Ledig, Leiter der Münchner Fachakademie für Sozialpädagogik, noch dazulernen, bevor sie als Erzieher arbeiten können. Es fange damit an, dass Grundschullehrer alleine vor der Klasse stehen, während im Kindergarten fast immer im Team gearbeitet wird, sagt Ledig, der die Zusatzausbildung mitentwickelt hat. Unter anderem müsse man damit umgehen können, dass die Beziehung zu den Kindern, aber auch zu den Eltern sehr viel enger sei als in der Schule.