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Erdwärme:Pullach sieht in Geothermie Geldquelle

Energieversorger und Gemeindekämmerer treten Spekulationen um Kooperation mit Münchner Stadtwerken entgegen

Von Michael Morosow, Pullach

Wenn die Geologen recht behalten und unter den Fluren der Gemeinde Baierbrunn tatsächlich kochend heißes Wasser in schier unerschöpflichem Ausmaß gefördert werden kann, dann wird dort bis zum Jahr 2026 die größte Geothermie-Anlage Deutschlands entstehen. Auch der Preis ist heiß: Gerechnet wird mit Investitionen in Höhe von bis zu 150 Millionen Euro, die zu gleichen Teilen die beiden Kooperationspartner Stadtwerke München (SWM) und die Pullacher Geothermiegesellschaft IEP stemmen müssen. Auf der anderen Seite der Isar plant die Erdwärme Grünwald einen ähnlichen Kraftakt. Auch sie besitzt einen großen Claim und auch sie macht gemeinsame Sache mit den Münchnern, die bis zum Jahr 2040 den gesamten Wärmebedarf der Großstadt regenerativ decken wollen.

Während aber die Grünwalder noch ein großes Geheimnis aus ihrem Vorhaben machen und laut ihrem Geschäftsführer Andreas Lederle derzeit noch in Gesprächen mit den Münchner Stadtwerken über die weitere Entwicklung des Vorhabens sind, hat IEP-Geschäftsführer Helmut Mangold am Dienstag im Gemeinderat erstmals öffentlich Details zum Projekt und den wirtschaftlichen Daten vorgetragen. Allerdings nicht ganz freiwillig: Er ist von Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) und dem Gemeinderat darum gebeten worden. "Es ist dem Wahlkampf geschuldet, dass ich hier stehe", sagte Mangold frei heraus. Viel lieber wäre es ihm gewesen, wenn er das im Oktober in nicht öffentlicher Sitzung beschlossene Joint Venture mit den SWM zu einem späteren Zeitpunkt hätte präsentieren können.

Mangolds Vortrag zum Zwischenstand des Joint Ventures der IEP mit dem Münchner Energieversorger, der zu einem Hohelied auf die Geothermie geriet, erfüllte offenbar den Zweck, das aufgeheizte Klima zum Thema im Gemeinderat zu entspannen sowie Gerüchte und im Ort kursierende falsche Zahlen richtigzustellen. Aus selbem Grund war auch Kämmerer André Schneider zugegen; er stellte erstmals öffentlich die Finanzierung des Projektes vor. Die Quintessenz beider Vorträge: Das Pullacher Geothermieprojekt birgt für die Gemeinde geringe finanzielle Risiken und große Chancen.

Mangold trat insbesondere im Gemeinderat und im Isar-Anzeiger geäußerten Befürchtungen entgegen, die Gemeinde investiere horrend viel Geld vor allem dafür, den Münchner Wärmebedarf zu decken, aber nicht zur Daseinsvorsorge der Pullacher Bevölkerung. Nicht nur deren Wärmebedarf steige vor allem durch bauliche Nachverdichtung, auch die beiden größten Industrien im Ort würden davon profitieren. Kältehersteller Linde etwa könne man bis dato aufgrund zu knapp bemessener Leitungsrohre nur die Hälfte seines Wärmebedarfs liefern, und Peroxidhersteller United Initiators, der mit Abstand größte Energieverbraucher im Ort, würde für seinen Bedarf an Wärme und Kälte gar das Fünf- bis Zehnfache von Linde abnehmen, erklärte Mangold. Dass die SWM die in Baierbrunn generierte Wärme kaufe, sei zudem ein Sicherheitsgarant. "Wer hat schon ein Investitionsprojekt, bei dem der Absatz von vorneherein garantiert ist?", so Mangold. Durch diese Einnahmen könne die IEP außerdem die Darlehen und Einzahlungen der Gemeinde schneller zurückzahlen.

Ins gleiche Horn blies Kämmerer Schneider, der das maximale Risiko für die Gemeinde auf jene 17,5 Millionen Euro bezifferte, die die Gemeinde der IEP in den nächsten drei Jahren überweisen werde. Das Gros der Investitionen, 80 Prozent der Gesamtkosten des Projekts, wird sich die IEP auf dem freien Kapitalmarkt besorgen. Die gemeindliche Investition hat für Schneider den Charme, dass sich dadurch das Guthaben der Gemeinde reduziere, für die sie Strafzinsen bei den Banken zahlen müsste. "Jetzt zahlt uns die IEP sogar Zinsen dafür", sagte der Kämmerer, der auch Behauptungen entgegentrat, dass Investitionen in die Geothermie den geplanten Schulbau in Pullach gefährden würden. "IEP und Schulen? Beides ist möglich", sagte er.

© SZ vom 05.03.2020
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