Süddeutsche Zeitung

Energiewende:Sonnenstrom für Sauerlach

Eine neue Bürgerenergie-Genossenschaft will die CO₂-Bilanz der ländlich geprägten Gemeinde verbessern

Bis 2030 sollen die jährlichen Pro-Kopf-Emissionen im Landkreis um 54 Prozent reduziert werden - von 13 Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO₂) im Jahr 2010 auf sechs Tonnen. Diesem hehren Ziel der Klima- und Energieinitiative 29++ ist man in Sauerlach noch nicht näher gekommen. Wie aus dem Bericht zum Energie-Monitoring hervorgeht, den die Gemeinde 2018 veröffentlicht hat, haben dort die CO₂-Emissionen je Einwohner seit 2010 sogar zugenommen. Und der Anteil der erneuerbaren Energien am Verbrauch in Sauerlach stagniert bei gut 20 Prozent. Das sind die Fakten, die Anton Pfefferseder ins Feld führt, wenn er erklärt, wieso seine Mitstreiter und er die Genossenschaft Bürger-Energie-Sauerlach (BES) gegründet haben.

"Es passiert einfach deutlich zu wenig", moniert Pfefferseder mit Blick auf die CO₂-Bilanz der Gemeinde. "Deshalb haben wir uns überlegt, was wir tun können, um etwas zu bewegen." In einem Arbeitskreis der örtlichen Agenda 21 sei die Idee entstanden, eine Bürgerenergiegenossenschaft zu gründen, um die Energiewende auf lokaler Ebene voranzubringen. Überdies biete man damit den Sauerlachern die Möglichkeit, sich aktiv an der Erschließung von regenerativen Energie zu beteiligen und selbst einen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel zu leisten, so Pfefferseder. Langfristiges Ziel der Genossenschaft sei es, den Strombedarf in der Gemeinde komplett auf erneuerbare Energien umzustellen.

Bayernweit gibt es rund 260 Bürgerenergiegenossenschaften, darunter die Bürger-Energie-Unterhaching (BEU), die die Sauerlacher bei ihrer Gründung beraten hat und ihr laut Pfefferseder "ein Stück weit auch als Vorbild dient". Wie die BEU will auch die BES zunächst auf Fotovoltaikprojekte setzen. Konkret suche man Dächer und Freiflächen in Sauerlach zwischen 150 und 600 Quadratmetern, die die Genossenschaft anmieten kann, um dort Solaranlagen zu errichten. Finanziert werden sollen diese zum einen durch Kredite, zum anderen mit dem Eigenkapital der BES, deren Mitglieder Geschäftsanteile zum Preis von je 500 Euro erwerben können. "Jedes Mitglied ist also Miteigentümer aller Anlagen", sagt Pfefferseder, der den basisdemokratischen Ansatz der BES unterstreicht. So verfügt jedes Mitglied bei der jährlichen Generalversammlung über eine Stimme - unabhängig davon, wie viele Anteile er oder sie besitzt.

Für die Mitglieder kann der Erwerb von Genossenschaftsanteilen auch eine Form der Kapitalanlage sein. Anhand der Erfahrungen anderer Bürgerenergiegenossenschaften rechne er mit jährlich rund zwei bis drei Prozent Rendite, sagt Pfefferseder, der aber betont: "Es ist nicht unser Hauptziel, eine Kapitalanlage für Bürger anzubieten. Sondern uns geht es in erster Linie um den Klimaschutz." Dies sei auch die Motivation für ihn und seine Mitstreiter, sich im Vorstand und im Aufsichtsrat der BES zu engagieren, die ausschließlich auf ehrenamtliche Mitarbeiter setzt. Noch heuer, so hofft Pfefferseder, soll die erste Fotovoltaikanlage der Genossenschaft in Betrieb gehen. "Wir haben bereits mögliche Flächen im Auge", sagt der BES-Vorsitzende, "und auch schon erste Gespräche geführt."

Vorbild Unterhaching

Im Landkreis München sind vor allem zwei größere Bürgerenergiegenossenschaften aktiv. Zum einen die in München ansässige Bürgerenergiegenossenschaft BENG, die rund 250 Mitglieder zählt und seit 2011 sieben Projekte realisiert hat - darunter den Solarpark in Aschheim und die Fotovoltaikanlage auf dem Dach der Grund- und Mittelschule in Heimstetten. Zum anderen gibt es die Bürger-Energie Unterhaching (BEU), die sich unlängst mit der Bürgersolarpark-Genossenschaft aus Höhenkirchen zusammengeschlossen hat und seither 477 Mitglieder hat. Die Bürger-Energie Unterhaching wurde 2012 gegründet und hat bislang rund ein Dutzend Fotovoltaikprojekte gestemmt - nicht nur in Unterhaching, etwa im Freibad und auf dem Kubiz, sondern auch in Taufkirchen, Neubiberg und Ottobrunn.

Was man in Unterhaching in all den Jahren gelernt habe, sei vor allem eines, sagt Vorstandsmitglied Wilfried Taetow: "Damit eine Bürgerenergiegenossenschaft dauerhaft funktioniert, braucht man engagierte Ehrenamtliche mit Fachkenntnis - und zwar weniger im technischen Bereich, sondern vor allem auf kaufmännischer Seite." Schließlich dürfe man nicht vergessen, dass eine Genossenschaft ein Unternehmen sei, und die Mitglieder "früher oder später Rendite sehen wollen". Von daher sei unternehmerisches Denken unabdingbar, betont Taetow, doch genau das sei bei derlei Projekten oftmals unterbelichtet. "Ich habe schon einige Genossenschaften erlebt, die als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet sind."

Nicht unterschätzen dürfe man als Bürgerenergiegenossenschaft auch den großen Zeitaufwand vor allem für die Verwaltungsarbeit, der ehrenamtlich gestemmt werden müsse. "Wir reden da von etwa zehn Mannstunden pro Tag", sagt Taetow. Bei der Bürger-Energie Unterhaching sei man nach acht Jahren inzwischen so weit, dass man sich erstmals ein kleines Büro anmieten und eine 450-Euro-Kraft anstellen könne, berichtet das Vorstandsmitglied. Und doch bleibe ein Großteil der Arbeit weiter an den Ehrenamtlichen hängen. "Man muss sich so eine Genossenschaft wie ein Start-up vorstellen", sagt Wilfried Taetow. "Die ersten paar Jahre arbeitet man erst mal umsonst." stä

Zu Beginn werde sich die Genossenschaft auf Fotovoltaikanlagen konzentrieren, da diese einen geringen Flächenbedarf hätten, vergleichsweise günstig zu realisieren seien, und es in Sauerlach großes Potenzial gebe. "Um den gesamten Strombedarf der Gemeinde mit Fotovoltaikanlagen zu decken, bräuchte man eine Fläche von 80 Hektar", rechnet Pfefferseder vor. "Das sind gerade mal vier Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Sauerlach." Mittelfristig könne er sich freilich auch vorstellen, dass die BES in anderen Sparten aktiv werde. "Zum Beispiel beim Thema Windenergie oder auch bei Ladestationen für Elektroautos", sagt Pfefferseder. Zunächst aber gehe es für die Genossenschaft nun darum, weitere Mitglieder zu gewinnen - und eine erste Anlage zu realisieren.

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SZ vom 10.09.2019
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