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Energiewende:Fliehkräfte im Wind-Bündnis

Brunnthal verlässt die Arbeitsgemeinschaft Hofoldinger Forst. Die Gemeinden Aying, Otterfing und Sauerlach sowie die Kreise München und Miesbach wollen den Bau der geplanten Rotoren trotzdem weiterverfolgen

Von Angela Boschert und Julian Baumeister, Brunnthal

Nachdem der Brunnthaler Gemeinderat am Mittwochabend den Ausstieg aus der Arbeitsgemeinschaft (Arge) Windenergie Hofoldinger Forst beschlossen hat, werden die übrigen drei Gemeinden Aying, Otterfing und Sauerlach sowie die beiden Landkreise München und Miesbach entscheiden, ob und wie sie das Projekt ohne Brunnthal fortführen wollen. Hierzu soll in den nächsten Tagen eine virtuelle Sitzung der Arge einberufen werden.

"Ich bin weiterhin zuversichtlich, dass das Windenergieprojekt im Hofoldinger Forst eine einmalige Chance ist für wohnortnahe, ökologische Energiegewinnung", sagte Miesbachs Landrat Olaf von Löwis (CSU), der derzeit Ratspräsident der Arge ist, am Donnerstag. "Mit dem Projekt würde die Region einen riesigen Schritt in Richtung Energiewende machen, daher hoffe ich sehr, dass sich die übrigen Beteiligten für eine Fortführung entscheiden."

Nach fast drei Stunden intensiver Debatte war am späten Mittwochabend die Entscheidung in weniger als einer Minute gefallen: Elf Gemeinderäte stimmten für den Austritt Brunnthals aus der Arbeitsgemeinschaft, nur acht für einen Verbleib im Zweckverbund, der ein offenes und verträgliches Vorgehen bei der Planung von vier geplanten Windrädern im Hofoldinger Forst hätte sichern sollen. Mit dem Austritt Brunnthals kann zumindest vorerst kein Windrad im Süden des Gemeindegebiets errichtet werden.

Dazu hatten etwa 30 Bürger mit Plakaten, Pfeifen und Protestrufen vor der Sitzung aufgerufen. Sie demonstrierten vor dem Landgasthof Brunnthal, in dem der Gemeinderat coronabedingt tagte, und machten zwei Stunden lang immer wieder auf sich aufmerksam. Drinnen im Saal fanden außer dem 19-köpfigen Gremium noch etwa 15 Zuhörer Platz. Sie lauschten der verknappten, aber dennoch ausführlichen Erklärung vom Inhaber des Ingenieurbüros für regenerative Energien, Robert Sing aus Landsberg am Lech.

Nahezu leere A8 bei München, 2020

Vorerst bleibt die Autobahn die einzige Schneise durch den Hofoldinger Forst. Für Windräder müssten weitere, wenn auch kleinere geschlagen werden.

(Foto: Claus Schunk)

Die vielen kritischen Rückfragen zur Aussagekraft der Ergebnisse einer einjährigen Windmessung, der artenschutzrechtlichen Prüfungen und der Wirtschaftlichkeitsberechnung beantwortete Sing immer sachlich. Er versicherte mehrfach, die ermittelten Ergebnisse müssten erneut geprüft und nochmals von einem unabhängigen Büro durchgerechnet werden, aber die "sehr konservative Berechnung auf Basis der aktuellen Situation und langjähriger Erfahrung" zeige, dass der Betrieb von Windrädern im Hofoldinger Forst wirtschaftlich erfolgen könne und ihm keine natur- und artenschutzfachlichen Belange entgegenstünden.

Gemeinderatsmitglieder äußerten dennoch tief verwurzelte Erhaltungswünsche für das ehemals höfische Jagdgebiet Hofoldinger Forst. Die 5000 Quadratmeter Bresche, die für eine Windkraftanlage geschlagen werden muss, würde weiter aufreißen. Das schade dem Forst. Man habe in den Siebzigerjahren dort den Flughafen verhindert, seit 1978 gehöre der Wald zu Hofolding und sei ein Naturschutzgebiet, seit 20 Jahren werde der Wald umgebaut, damit er den Klimaschwankungen besser widerstehen könne. Ihm jetzt durch eine Windkraftanlage zu schaden, sei ein Verrat an den genannten Bemühungen, sagte Brunnthals Dritter Bürgermeister Robert Huber (PWB). Er sei gegen den Standort und für den Erhalt des Forstes.

Da nützte auch der Vortrag von Helmut Vorleitner nichts, der rein wissenschaftlich Windenergie als die ertragreichste alternative Energie herausstellte und betonte, es bleibe bei vier Windrädern im Hofoldinger Forst, wenn Brunnthal in der Arge bleibe. Dass Bürgermeister Stefan Kern (CSU) warnte, bei einem Ausscheren könne Brunnthal keinen Einfluss auf mögliche drei weitere Standorte für Windräder nehmen, bewegte die Windkraftgegner nicht zum Einlenken. Vielmehr bezeichnete Matthias Amtmann (UBW) Kerns Ausführungen erregt als "Angstszenario".

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Draußen, vor dem Sitzungssaal in Brunnthal, demonstrieren am Mittwochabend Windkraftgegner.

(Foto: Angela Boschert)

"Ich bin schon ernüchtert, aber nach einer Fraktionsvorbesprechung war mir klar, dass es nicht mehr zu gewinnen ist", sagte Bürgermeister Kern am Donnerstag. Er habe auf eine knappe Mehrheit für den Verbleib in der Arge gehofft, was vermutlich einen Bürgerentscheid nach sich gezogen und zur Polarisierung in der Bürgerschaft geführt hätte. Daher sei es gut, dass "die Sache jetzt abgehakt ist". Er habe allerdings den Eindruck, dass sich manche Gremiumsmitglieder von den Windkraftgegnern unter Druck gesetzt fühlten.

Sauerlachs Bürgermeisterin Barbara Bogner (UBV) ist von der Entscheidung Brunnthals nach eigenen Worten nicht überrascht. Es sei nie ganz sicher gewesen, wie lange Brunnthal noch dabei bleibt. Ihr Amtskollege Kern habe die Arge-Kollegen in den vergangenen Tagen schon darüber informiert, dass es knapp werden könne und er unsicher sei, ob die Entscheidung positiv ausfalle. "Es ist jetzt eine neue Situation, aber ich erwarte nicht, dass sich grundsätzlich etwas am Ablauf des Projekts ändert", so Bogner. Der Standortsicherungsvertrag müsse angepasst werden, das könne "halt 14 Tage dauern". Ayings Bürgermeister Peter Wagner (CSU) bedauert den Austritt Brunnthals. Die Entscheidung könne er nicht nachvollziehen. Mit einem Austritt Ayings rechnet Wagner nach eigenen Worten nicht. Der Ayinger Gemeinderat befasst sich in seiner Sitzung am kommenden Dienstag mit dem Thema Windpark im Hofoldinger Forst.

Otterfing und Sauerlach haben bereits mehrheitlich für die Fortführung des Projekts Windkraft gestimmt. Ein Ausstieg der 5800-Einwohner-Gemeinde Brunnthal, zu der der größte Teil des Hofoldinger Forstes gehört, zieht nach sich, dass der Standortsicherungsvertrag einvernehmlich zwischen den verbleibenden Mitgliedern angepasst werden müsse, hatte das Landwirtschafts- und Forstministerium bereits am Montag vorsorglich mitgeteilt. "Die ausscheidende Gemeinde könnte dann zwar die Errichtung von Windenergieanlagen im eigenen Gemeindegebiet verhindern, würde aber auch auf die durch Mitgliedschaft in der Arge gegebenen Lenkungsmöglichkeiten im verbleibenden Vertragsgebiet verzichten", heißt es aus dem Hause von Michaela Kaniber (CSU).

Brunnthals Bürgermeister Stefan Kern warnt unterdessen vor den Folgen für seine Gemeinde durch den Austritt aus der Arge: Der alte Gemeinderat habe sich auf ein Windrad einlassen wollen, jetzt könne man nicht einmal eines akzeptieren. Dass Brunnthal mit seinem Austritt die Einflussmöglichkeiten auf Standortwahl und Bau verliere, hatte Kern in der Vergangenheit wiederholt gesagt. Aktuell dürfe zwar kein Windrad südlich der Gemeinde gebaut werden, aber die Rechtslage könne sich jederzeit ändern.

© SZ vom 05.03.2021
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