Einmal rund um München Im Dreiländereck

In unserer Serie "Hart an der Grenze" erkunden SZ-Autoren den Verlauf der Münchner Stadtgrenze. In Folge 13 zwischen Gröbenzell, Puchheim und München. Dort zeigt sich, welche Konsequenzen so manche Stadtplanung hat.

Von Franziska Gerlach

Niemandsland, zumindest so weit der Blick ins helle Morgenlicht es zulässt. Grashalme dösen in der Sonne, gemächlich plätschert der Gröbenbach, in den Wipfeln der Birken spielt der Wind. Schwer vorstellbar, dass jenseits dieser bezaubernden Ödnis eine Stadt liegt mit geschäftigen Einkaufsstraßen, mit Szenekneipen und einem regen Kulturbetrieb. Wer da den Glauben an die Existenz Münchens nicht verlieren will, der braucht schon eine Menge Fantasie. Oder aber Johann Böhmer.

Der Jurist aus Gröbenzell ist in vielerlei Hinsicht ein versierter Begleiter an der Stadtgrenze, die sich geschmeidig wie eine Kreuzotter - und über weite Strecken entlang des Gröbenbachs - zwischen Gröbenzell, Puchheim und die Landeshauptstadt München schlängelt. Böhmer ist Mitglied des historischen Vereins "Die Gröbenhüter", Sohn des früheren Kieswerkbetreibers und Landwirts Hans Böhmer und war bis vor Kurzem für die Freien Wähler im Gröbenzeller Gemeinderat aktiv. Kurzum: Er kennt sich hier aus.

Mitte des 19. Jahrhunderts bauten Torfstecher hier Brennstoff ab

"Das war früher ein einziges Schilfmeer", sagt Böhmer und deutet ins Grün. Früher, das war im Fall der alten Landkarte, die er gerade aus der Tasche zieht, das Jahr 1518. Als dort wirklich noch nichts war außer Moor. Kein Puchheim, kein Gröbenzell, und ergo auch keine Grenze zu München. Es gab noch keine Torfstecher, denn die fingen erst Mitte des 19. Jahrhunderts an, den organischen Grundstoff als Brennmaterial für die Brauereien und die bayerische Staatsbahn zu heben. Ganz zu schweigen von der weißen Marienkapelle, die eine gewisse Anna Harbeck 1983 für die Gottesmutter und den Rest der Frauen erbauen ließ: Nur ein paar Meter von der Stelle entfernt, wo der Gröbenbach den Wasserlauf "Kleine Mauken" aufnimmt. Der Name Harbeck ist wichtig für Puchheim: Anna Harbeck, so Böhmer, war nämlich die Frau des Gutsbesitzers Alois Harbeck, der dort in den Dreißigerjahren außerdem den Betrieb der Müllverwertungsanlage übernommen hat.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat München seinen Hausmüll in Puchheim abgeliefert, zwei Güterzüge voll seien da jeden Tag auf einem Nebengleis der im Jahr 1870 errichteten Bahnlinie angekommen. Ein Ehepaar aus Puchheim schlendert den schmalen Kiesweg entlang, ihr Hund darf im Gröbenbach tollen - ein Bad im Grenzfluss, wenn man so will, auch wenn das natürlich ein einigermaßen großes Wort ist für den Gröbenbach, der sich hier noch als kleines Rinnsal ausnimmt. Aber mal ganz ehrlich: Wissen die Spaziergänger überhaupt, dass hier die Grenze zu München verläuft? Aber klar doch. Manchmal, sagt Bianca Schaupp, stelle sie sich allerdings die Frage, wo sie sich denn nun gerade befinde, in Puchheim oder München. "Aber im Grunde ist das auch wurscht", sagt die Puchheimerin, "ob man nun da oder da wohnt."

Eine Tour entlang der Stadtgrenze, das ist im Westen auch eine Tour der Gegensätze. Denn der Weg dokumentiert zwar auf eindrückliche Weise: Hoppla, das ist ja eine Gegend, in der es sich ganz wunderbar leben lässt. In Puchheim kommt man an blökenden Schafen und einer Kneippanlage vorbei, in der man sich unter einem grünen Blätterdach im Gröbenbach gesund treten kann. Solche Dinge verheißen Lebensqualität, und wer da vorschnell das Klischee des Wohlstandsbürgers im Münchner Speckgürtel bemüht, den wundert es nicht zu hören, wie viel auf dem nahe gelegenen Golfplatz los ist. Dass es allerdings die Relikte verbrannten Mülls sind, die die sanften Hügel zur Linken formen - eine sogenannte Planie - das wäre einem wohl entgangen, hätte es Böhmer nicht erzählt.

Der Bahndurchgang heißt im Volksmund "Vorsicht, deine Birne"

Hochspannungsleitungen durchschneiden das Landschaftsidyll, und auch das Puchheimer Gewerbegebiet, entstanden in den Siebzigerjahren, stört die Heimeligkeit mit dem für seine Entstehungszeit charakteristischen Mut zur - nun, sagen wir mal: architektonischen Reizlosigkeit - doch empfindlich. Dann wiederum zwingt einen die Grenze im Wortsinne in die Knie. "Das ist Vorsicht, deine Birne!", sagt Böhmer und meint damit den Durchgang unterhalb der Bahnlinie: Denn wer dort seine Birne, also den Kopf, unversehrt wissen möchte, der zieht selbigen besser ein, zumindest, wenn er größer als 1,50 Meter ist. Umsichtige Bürger haben den Birnen-Spruch wohl einst als Warnung an die Unterführung geschrieben, lange, bevor es Mode wurde, öffentliche Flächen mit Graffiti zu überziehen.

Hier die schillernde Großstadt, dort der brave Vorort, so wirklich will diese Aufteilung nicht funktionieren, das wird spätestens klar, als man den kleinen Steg über den Gröbenbach nimmt - und plötzlich in München steht. Es ist Böhmers Land, die Flur trägt den schönen Namen "im wahren Berg". Zur Linken, in Puchheim, reihen sich possierliche Einfamilienhäuser aneinander, und man kann sich gut vorstellen, wie deren Bewohner an einem Spätsommerabend beim Grillen auf der Terrasse sitzen, völlig unbeeindruckt vom Münchner Hang zum glänzenden Auftritt. Anders kann es sich eigentlich nicht anfühlen, wenn sich die bayerische Landeshauptstadt jenseits des Gartenzauns als grüne Wiese präsentiert.

Grenznah betrachtet

Rätselhafte Russenbrücke

Der Name des Bauwerks täuscht - eigentlich bauten Franzosen den Hingucker.   Von Franziska Gerlach

Böhmer aber ist sich der Grenze durchaus bewusst: Er kennt nicht nur das "Dreiländereck" zwischen Gröbenzell, Puchheim und München an der blauen Brücke, dort, wo die Lagerstraße in die Lena-Christ-Straße mündet. Die ging übrigens in den Achtzigerjahren an Gröbenzell. Schon bei der Gründung der Gemeinde im Jahr 1952 wurde der Besitz der Familie Böhmer auseinandergerissen, grenztechnisch zumindest - noch so ein Beispiel dafür, welche Konsequenzen Städteplanung haben kann. Johann Böhmer selbst wuchs in Gröbenzell auf. Die Böhmerweiher aber, die 4,7 und 1,8 Hektar groß sind, und über einen Ablauf in den Gröbenbach fließen, liegen im Landschaftsschutzgebiet Aubinger Lohe, also in München.

Am Ufer des größeren Sees steht eine blaue Bank, an manchen Stellen splittert der Lack. Daniel Brühl, einer der bekanntesten deutschen Schauspieler, habe dort einen seiner ersten Filme gedreht, "Schule" aus dem Jahr 2000. Damals waren die Seen noch in Böhmers Besitz, 2013 verkaufte er sie aber, weil "ein öffentlicher Träger einfach eine bessere Handhabe gegen Nutzungskonflikte" habe, das Partyvolk vertrug sich nämlich nicht mit den ruheliebenden Fischern. Und so gehören die beiden Weiher, an deren Ufern gefährdete Tiere und Pflanzen heimisch sind, heute der Stadt München, Gröbenzell und Puchheim und dem sogenannten Erholungsflächenverein zusammen.

Schon 1915 wurde dort nachweislich Kies abgebaut, sieben Jahre später erwarb Böhmers Großvater das Land. Als in den Sechzigerjahren unter seinem Vater ein sogenannter Schwimmbagger seinen Korb in den Grund senkte, wuchs der große Böhmerweiher schnell - und manchem sogar ans Herz. Böhmer jedenfalls erinnert sich noch gut an die Puchheimerin Hanna Schopf, die Tag für Tag um sechs Uhr morgens leere Pfandflaschen und Müll an den Ufern aufgesammelt hat, aus eigenem Antrieb. Die gute Seele der Böhmerweiher ist inzwischen leider verstorben, ihre Geschichte aber wird hoffentlich noch eine Weile bleiben.

Verhau auf Münchner Grund, getrimmter Rasen in Gröbenzell

Von dem "Schwarzen Weg", einem Trampelpfad, der im rechten Winkel von der Lena-Christ-Straße in Richtung Lochhausen abgeht, gibt es sogar ein Youtube-Video. Ein Fahrradfahrer kämpft sich darauf den schmalen Pfad entlang, der so heißt, weil er sich bei Regen tiefdunkel färbt. "Hier gehört eigentlich ein Fahrradweg hin!", schnauft der radelnde Filmemacher 2013. Doch auch vier Jahre später ist der Pfad noch immer ein Pfad. Überhaupt nimmt sich der Westen in dieser Ecke, am Ortsrand von Gröbenzell, dann doch eher wild aus. "Verhau" ist das Wort, das Böhmer zu dem Sammelsurium an Pferdeunterständen, Wohnwagen und eingewachsenen Zäunen am Wegesrand einfällt - wohlgemerkt auf Münchner Grund.

Das Bild ändert sich schlagartig, sobald man Gröbenzell betritt. Blond gelockte Charolais-Rinder ruhen im Gras, und wer der Grenze entlang der Straße Am Zillerhof nachspürt, der kann sich beim Anblick der ordentlich getrimmten Rasen und stattlichen Auffahrten ein anerkennendes Pfeifen nicht verkneifen. Am Ende der Straße, beinahe am Ortsausgang von Gröbenzell, befindet sich die Fischzucht Ertl. Am späten Nachmittag ist es ruhig, und Juniorchefin Simone Wiesinger hat Zeit für einen Plausch. Dass sich der Hofladen mit Biergarten auf Münchner Grund befindet, macht sie schon deshalb stolz, weil sie so sagen kann, "die einzige Fischzucht Münchens" zu betreiben. Dann wiederum ist die Lage weniger praktisch. Weil sie ihre Kinder lieber im nahen Gröbenzell einschulen wollte, war nämlich eine Sondergenehmigung vom Kultusministerium erforderlich. So etwas ist natürlich mit einigem Aufwand verbunden. Aber mei, so ist das halt, wenn man an der Grenze wohnt.

Alle weiteren Folgen der Serie "Hart an der Grenze" finden Sie hier.

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