Einmal rund um München Wohnen am Waldrand

In unserer Serie "Hart an der Grenze" erkunden SZ-Autoren den Verlauf der Münchner Stadtgrenze. In Folge 7 bei Unterhaching: Zwischen Giesinger Autobahn und Geiselgasteig endet die Stadt München abrupt am Perlacher Forst.

Von Iris Hilberth

Betrachtet man die komplette Unterhachinger Grenze von oben, dann sehen die Umrisse des Gemeindegebiets - mit etwas Fantasie - aus wie ein sitzendes, einhöckriges Kamel. Man könnte also sagen, Unterhaching ist ein ruhendes Dromedar. Die Beine hat es an der Taufkirchner Waldstraße unter den großen Bauch geknickt, der Höcker ragt weit in den Landschaftspark Hachinger Tal hinein und einzig der Kopf mit der lustigen Schnauze im Perlacher Forst stößt oben an die Grenze zur Landeshauptstadt München an. Interessant daran: Das war nicht immer so. Weit in die Fünfzigerjahre hinein war - um im Bild zu bleiben - das Unterhachinger Kamel kopflos. Eine eigene Grenze zu München existierte nicht, denn das Gebiet, in dem sich heute die Unterhachinger Siedlung Fasanenpark befindet sowie der Wald, der im Norden an die Fasangartenstraße und damit an die Stadt anschließt, gehören erst seit 1957 zu Unterhaching.

Eine Kirche im alten Bahnhof

Heute kann man seine Unterhaching-Münchner Grenzerfahrung immerhin auf gut 1650 Metern machen. Im Nordosten startet man direkt an den Gleisen der S 3 wenige hundert Meter entfernt von der S-Bahnstation Fasangarten, wo der Kreuzbichlweg an der auffälligen rumänisch-orthodoxen Kirche vorbei in den Wald führt und zum Unterhachinger Sperberweg wird. Das imposante, hölzerne Gotteshaus steht erst seit gut einem Jahr hier. Simon Felecan, der Erzpriester der Kirchengemeinde "Buna Vestire", hatte das Grundstück an der Bahn vor vielen Jahren bei einem Spazierengang entdeckt - schließlich wohnt er kaum 500 Meter entfernt in Unterhaching. Mit Spenden und Mitgliedsbeiträgen kaufte die rumänisch-orthodoxe Gemeinde 2008 das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude und errichtete dort ihr Zentrum mit der Holzkirche.

Die Stadt-Land-Grenze verläuft nun parallel zur Fasangartenstraße nach Osten. Auf einem schmalen Pfad geht es direkt an einem Feld vorbei, das noch zu München gehört. Große runde Strohballen bestimmen das Bild zwischen den ersten Häusern der Stadt und dem Wald. "Früher einmal gehörte dieser Unterhachinger Teil zu Neubiberg", sagt Unterhachings Heimatpfleger Günter Staudter.

Im Heimatbuch der Nachbargemeinde haben Katja Klee und Hermann Rumschöttel die Ereignisse zusammengetragen. Berichtet wird von einem Mangel an Sozialwohnungen in den Sechzigerjahren. So habe Neubiberg ein 47 Hektar großes Fasangarten-Areal, das vollständig im Besitz der Familie Finck/Winterstein gewesen sei, an die Unterhachinger abgetreten. Denen soll der Deal damals 100 000 Mark wert gewesen sein, weil sie in dem Gebiet von "Neue Heimat Bayern" 1500 neue Wohnungen errichten lassen wollten.

Geld, das Neubiberg gut gebrauchen konnte, um die dritte Erweiterung der Volksschule und den Bau eines neuen Feuerwehrhauses zu finanzieren. Zudem hatte sich Neubiberg laut Heimatbuch von den Nachbarn zusichern lassen, dass 50 Wohnungen für Neubiberger zur Verfügung gestellt werden. Diese Zusage sei nicht eingehalten worden, heißt es weiter in der Chronik.

Das Unterhachinger Rathaus will dieses Geschäft heute so nicht bestätigen. Rathaussprecher Simon Hötzl hat die alten Unterlagen im Gemeindearchiv durchforstet und verweist auf einen Eingemeindungsantrag der Finkschen Hauptverwaltung aus dem Jahr 1957. Demnach hat der Gemeinderat damals zugestimmt. Allerdings sollen die Grundstücke auf "außermärkischem Gebiet" gelegen haben, also im gemeindefreien Bereich wie der übrige Perlacher Forst heute noch.

Die Grenze verläuft durchs Unterholz

Die Unterhachinger Wohnbebauung endet heute an der Bussardstraße, und Heimatpfleger Staudter hofft, dass das auch so bleibt und das kleine Waldstück zwischen Stadt und Land an dieser Stelle nicht auch noch irgendwann zugebaut wird. Die Grenze verläuft um das Feld herum direkt nach Norden bis zur Fasanenstraße. Schmale, zum Teil recht dunkle Waldwege führen hindurch, direkt auf der Grenze zwischen München und Unterhaching aber kommt man weder zu Fuß noch mit dem Rad voran, man müsste sich durchs Unterholz schlagen oder über Zäune steigen, um am Rand des Ackers weiter zu gehen.

Vorne an der Straße angekommen, geht es zumindest ein Stück recht kommod weiter auf dem Fuß- und Radweg, der die Albert-Schweitzer-Straße quert und dann hinauf auf die Brücke über die Münchner Straße und die Autobahn A 995 führt. Von hier oben hat man einen guten Blick auf den täglichen Stau vor und im McGraw-Graben. Wegen des dichten Verkehrs verzichtet man am Ende der Brücke auch besser darauf, den nächsten Kilometer exakt auf der Grenze zu marschieren. Denn die führt direkt auf diesem außerstädtischen Teilstück der Tegernseer Landstraße parallel zur Autobahn und ist weder für Fußgänger noch für Radfahrer empfehlenswert. Außerdem darf hier zweispurig nur in Richtung Süden gefahren werden.

Grenznah betrachtet

Enklaven im Niemandsland

Früher wuchsen Laubbäume statt der heutigen Fichten im Perlacher Forst, der mit Ausnahme vom Perlacher Mugl und der Münchner Enklave gemeindefreies Gebiet ist.   Von Iris Hilberth

Auch der Straßenrand oder der Graben sind keine verlockende Alternative. Man wählt daher besser den Weg durch den nahen Perlacher Forst. Biegt man gleich in den ersten Forstweg nach rechts ein, kommt man nur wenige Meter von der eigentlichen Grenze entfernt wunderbar voran, auch wenn der Weg mal schmaler und unscheinbarer wird. Am Ende landet man beim Naturkindergarten Hasenklee und genau wieder auf der Grenze, die am Waldrand einen Linksschwenk macht und von dort schnurgerade zwischen Perlacher Forst und Harlachinger Wohnbebauung verläuft.

Die Gemeinde Unterhaching hat man hier schon lange hinter sich gelassen. Der Perlacher Forst ist gemeindefreies Gebiet. Am Waldrand entlang geht es aber weiter Richtung Klinikum Harlaching. Wie mit dem Lineal gezogen verläuft die Münchner Stadtgrenze hier, nur an einer Stelle, dort wo die Oberbiberger Straße einmündet, weicht sie ab und macht einen kleine Bogen um das Giesinger Waldhaus, das zum Stadtgebiet Münchens gehört.

Hier befindet sich der Nordeingang zum Perlacher Forst, ein beliebter Treffpunkt für Radfahrer, Skater und Spaziergänger. Denn auf glattem Asphalt und kurvenfrei kann man von hier durch den Forst in etwa sechs Kilometern zum Biergarten Kugleralm in Oberhaching gelangen. Die Grenze aber verläuft weiter exakt am Waldrand entlang. Links die grüne Lunge des Münchner Südostens , die abrupt an unendlich vielen Querparkplätzen endet. Autos und Anhänger sind hier abgestellt, Baumaterial wird gelagert, Altglas- und Metallcontainer für die Mülltrennung. Beim Städtischen Klinikum München-Harlaching ist der Weg auf der Grenze versperrt, man muss es rechts umgehen.

Mitten im Forst liegt ein Stück München

Danach geht es Richtung Süden weiter, jetzt entlang der Geiselgasteigstraße, die ebenso gerade verläuft. Direkt neben der Trambahn der Linie 25 findet sich ein schmaler, teils stark zugewachsener Pfad im Grenzbereich. Hier kann man abseits des starken Verkehrs auf der Hauptader Richtung Grünwald entlangwandern. Eine kleine Besonderheit hat auch dieser Bereich zu bieten. Biegt man gegenüber der Prößlstraße links in die kleine Straße "Isar-Geräumt" in den Forst, gelangt man nach wenigen hundert Metern zu einem villenähnlichen Bau, in dem seit 1979 die Privatklinik Menterschweige untergebracht ist, ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie. Das Areal gehört zu München. Warum das so ist, weiß man weder bei der Stadt noch im Landratsamt. Nur so viel ist den Betreibern der Klinik bekannt: Auch als hier vor vielen Jahrzehnten noch die Lungenheilklinik der Landesversicherungsanstalt ihren Sitz hatte, stand das Gebäude bereits auf Münchner Flur mitten im gemeindefreien Gebiet.

Alle weiteren Folgen der Serie "Hart an der Grenze" finden Sie hier.

Hart an der Grenze Grünes Bollwerk

Einmal rund um München

Grünes Bollwerk

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