Einmal rund um München Grünes Bollwerk

In unserer Serie "Hart an der Grenze" erkunden SZ-Autoren den Verlauf der Münchner Stadtgrenze. In Folge 5 geht es zwischen Putzbrunn, Waldperlach und Neuperlach auf die Suche nach Ausreißern.

Von Stefan Galler

Schön ist es in Waldtrudering, wobei die Betonung an diesem südöstlichen Zipfel von München definitiv auf Wald liegt. Entlang der Häuserzeile verläuft sie also, die Grenze zu Putzbrunn, obwohl von der 6500-Einwohner-Gemeinde dort gar nichts zu sehen ist. Rechts Bebauung, links Wald - rechts München, links Landkreis, so sieht das an vielen Stellen der Flurgrenze aus. An der Möwestraße marschieren wir in südwestlicher Richtung und bekommen den Eindruck, dass es reiche Menschen hierher zieht: Moderne Häuser, mondäne Villen und davor die dazu passenden Autos dominieren das Bild in den Straßen, die "Am Eulenhorst" und Bleßhuhnweg heißen.

Die Wirtschaft lädt zum Verweilen. Nur leider ist montags Ruhetag

Vereinzelt begegnen einem Spaziergänger mit Hunden. Und doch ist es still hier, nur gut sechs Kilometer Luftlinie von Berg am Laim, wie ein Hinweisschild verrät. Wir wollen jetzt doch mal sehen, wie weit es von hier aus zu den ersten Häusern auf Putzbrunner Flur ist und nehmen den Kirchtruderinger Weg durch den Forst und später über große landwirtschaftliche Nutzflächen in den Gemeindeteil Solalinden.

Wir kommen nach etwa einem Kilometer direkt an einem riesigen Reiterhof an. Ein paar Meter weiter findet sich die idyllische Wirtschaft "Zur Einkehr", mit großem Biergarten und guter Küche. Der Ort würde schon jetzt zum Verweilen einladen, obwohl die Tour noch gar nicht so lange dauert. Nur blöd, dass Montag ist - Ruhetag.

Von Solalinden aus könnte man nun weiter auf der etwa einen Kilometer langen Baumallee, die von der Gemeinde dort gepflanzt worden ist, nach Südwesten marschieren, dann würde man nach Oedenstockach kommen. Ein gemütliches ehemaliges Bauerndorf mit großen Gehöften, nur wenigen Straßen, die den Ort durchqueren, und alles umlagert von bestellten Feldern und vor allem von Wald, unendlich viel Wald. Auch in Solalinden fühlt man sich weitab von der urbanen Betriebsamkeit, die man in vielen Landkreisgemeinden spürt.

Dabei ist die Grenze zur drittgrößten Stadt Deutschlands von hier aus keinen Kilometer entfernt. Am Ortsausgang fällt ein Schild auf: "Quarantäne-Zone Asiatischer Laubholzbockkäfer" ist darauf zu lesen. Revierförster Michael Matuschek vom Landesamt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Ebersberg ist für die kommunalen Wälder zuständig, nicht nur auf Putzbrunner Flur, sondern für insgesamt 5500 Hektar Wald von Aschheim über Haar bis Grasbrunn und einige Münchner Stadtbezirke.

Matuschek macht keine Kompromisse: Als im Juni 2015 im Wald zwischen Putzbrunn und Waldperlach ein Ahornbaum entdeckt wurde, in dem eine Larve des Laubholzbockkäfers lebte, die kurz vor der Verpuppung und somit vor dem nahen Ausflug als Käfer stand, ließ er die üblichen Fällmaßnahmen einleiten: Nach den Vorgaben der EU und des Bundes wurden im Umkreis von 100 Metern um diesen Fund beiderseits der Grenze alle Laubgehölze, die als Wirtspflanzen des Asiatischen Laubholzbockkäfers gelten, entfernt, gehäckselt und verbrannt.

Doch zurück zu den schönen Seiten der Natur: Biegt man nämlich jetzt direkt am Ortsschild von Solalinden wieder in Richtung München ab, ist man auch schon auf dem herrlichen "Isar-Inn-Panorama-Radweg", der einen in der einen Richtung bis zum Marienplatz und in der anderen über Grasbrunn und Harthausen, Grafing, Steinhöring bis nach Wasserburg bringt. Wir aber wollen zurück an die Stadtgrenze, deshalb wandern wir nach Nordosten und kommen schon nach wenigen Kilometern auf einem prächtig ausgebauten Schotterweg in Waldtrudering an, genauer gesagt am Schrammingerweg.

Ein Bannwald trennt Putzbrunn und Waldperlach

Weiter geht es in südliche Richtung. Das Ziel ist das bewohnte Grenzgebiet am Münchner Stadtteil Waldperlach. Es geht erst einmal durch den Wald. Nachfrage beim Bürgermeister: Wieso gibt es eigentlich keine Putzbrunner Bebauung am Übergang zu München? "Wir wollen entlang der Stadtgrenze den unbesiedelten Streifen unbedingt erhalten", sagt Edwin Klostermeier. Fast in Gänze sei es Bannwald, der Putzbrunn von München trennt. "Das ist ein Erholungsgebiet für Putzbrunner und für Münchner, die hierherkommen", sagt der Sozialdemokrat, der selbst "jeden Fleck" der Wege zwischen Gemeinde- und Stadtgebiet kennt, wie er sagt: "Das sind alles meine Laufstrecken."

Die Wälder zwischen den Stadtteilen Trudering und Waldperlach einerseits und Putzbrunn andererseits haben aus mehrerlei Gründen eine große Bedeutung: Neben der Naherholung auch als Frischluftschneise für München, dazu befindet sich dort das größte Wasserschutzgebiet auf Stadtgrund, mit dem Vorteil, dass die Brunnen direkt in die Münchner Trinkwasserversorgung einspeisen können. Und es läuft eine Starkstromleitung durch den Truderinger Wald.

Angekommen an der Putzbrunner Straße - so heißt sie in Richtung stadteinwärts, während sie in Richtung Oedenstockach natürlich als Münchner Straße betitelt ist. Dort an der Kreuzung Heimdallstraße steht das Schild mit der Aufschrift "Landeshauptstadt München". Wir verlassen die Grenze noch einmal und gehen nach Osten, ein paar Hundert Meter den Wald entlang bis zum Putzbrunner Gewerbegebiet West mit Supermärkten, Tankstelle und riesigem Raumausstatter, wobei es hinter den großen und noch relativ neuen Märkten ziemlich trostlos aussieht. An der Inn- und Lechstraße haben sich Installateure, ein Kieshändler und andere Betriebe ohne großen Glamourfaktor angesiedelt - ein bisschen zerhaut wirkt das alles.

Grenznah betrachtet

Zankapfel Ständlerstraße

Die Folge einer Studie: eine erbitterte politische Diskussion, in die sich nicht nur Münchens damaliger OB Christian Ude einmischte.

Auf dem Rückweg nach Waldperlach biegen wir zunächst unmittelbar am Kreisverkehr neben dem Gewerbegebiet links in den Ederweg ein. An diesem unscheinbaren Waldweg konnte die Gemeinde Putzbrunn vor einiger Zeit ein Stück des Forstes erwerben, wie der Bürgermeister erzählt. "Dieser rund ein Hektar große Grund ist nicht wertvoll, aber wir können dadurch vielleicht verhindern, dass sich andere ausbreiten", sagt Klostermeier. Denn Interesse daran, diese Waldstücke am Ortsrand bewohnbar zu machen, gebe es schon immer. Und ein paar vereinzelte Häuschen stünden auch im Forst auf Putzbrunner Seite, so der Bürgermeister.

Also rein ins Gehölz und los geht die Suche nach den Hütten: Am Ederweg gibt es tatsächlich einige Grundstücke, sie sind mit Stacheldraht gesichert und offenbar unbewohnt. Hier wollte einer der Eigentümer sein Haus vor gut fünf Jahren unbedingt mit Strom und Telefon ausstatten, um die Parzelle verkaufen zu können. Laut dem Bürgermeister setzte er sogar seine 80 Jahre alte Mutter in das Waldhaus, um zu suggerieren, dass man dort sehr wohl wohnen könne. Dabei hatte der Gemeinderat drei Jahre zuvor beschlossen, dass hier definitiv keine Wohnbebauung entstehen solle.

Mitten im Wald hat der TSV Turnerbund München einen Sommerturnplatz

Wir gehen auf der Nordseite der Putzbrunner- beziehungsweise Münchner Straße zurück Richtung Waldperlach. Rechts führen immer wieder Wege in den Wald. So finden wir zufällig ein mit hohen Zäunen und Stacheldraht umgebenes Grundstück: Das hatte sich der Untergiesinger Sportverein TSV Turnerbund München 1959 gesichert, dank einer Spende des Sponsors Gregor Louisoder, einem Bekleidungsfabrikanten, der am Tor des "Sommerturnplatzes" entsprechend gewürdigt wird. Ein Blockhaus mit Küche, dazu ein Grillplatz und all das eingebettet in ein durch Zukäufe mittlerweile 12 000 Quadratmeter großes Waldstück machen diesen "Waldspielplatz Ödenstockach", wie das Areal auf der Internetseite des Vereins in falscher Schreibweise genannt wird, zu einem idealen Austragungsort für die Sommerfeste und Sportlerehrungen des Klubs.

Kurz vor dem Schild "Landeshauptstadt" fällt dann noch das riesige Anwesen an der Münchener Straße 80 mit einer repräsentativen Einfahrt auf, das früher einmal einem Immobilienhändler gehörte. Und noch ein paar Meter weiter führt ein weiterer schmaler Feldweg in den Forst hinein, dort tauchen Holzhäuser auf, die den Charakter von Feriendomizilen oder Gartenlauben haben. Sie wurden nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut und dienten Menschen aus der Stadt tatsächlich zur Erholung.

Etliche Stunden sind wir jetzt schon unterwegs, die Stadtgrenze geht nun "Am Hain" weiter, so heißt die Straße, die nun noch ein Stück in südöstlicher Richtung die Grenze zwischen Putzbrunn und München markiert. Struwelpeterstraße, Märchenweg, Puppenweg. Und dann irgendwann: Neubiberg.

Alle weiteren Folgen der Serie "Hart an der Grenze" finden Sie hier.

Dem Wandel auf der Spur

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Wie lebt es sich dort, wo München an die Umlandgemeinden stößt, welche Entwicklungen deuten sich an? In unserer neuen Serie "Hart an der Grenze" sind SZ-Reporter entlang der 119 Kilometer langen Stadtgrenze gewandert - zwischen Idyll, Verhau und stiller Natur.   Von Thomas Kronewiter