Einmal rund um München Fliegender Wechsel

In unserer Serie "Hart an der Grenze" erkunden SZ-Autoren den Verlauf der Münchner Stadtgrenze. In Folge 4 geht es über das einstige Flughafengelände zwischen Riem und Haar.

Von Bernhard Lohr

Zum 850. Stadtgeburtstag hat München der Gemeinde Haar ein Herz spendiert. Spaziergänger werden es heute vergeblich suchen. Doch wer aus der Vogelperspektive von Google-Earth am Bildschirm auf die Schnittstelle schaut, an der die Flurgrenzen von Feldkirchen, Haar und München zusammenlaufen, der wird schemenhaft den Schriftzug "850 M liebt Dich" erkennen, der mit einem Herzsymbol offenbar 2008 mit Büschen nördlich des Haarer Ortsteils Salmdorf in die karge Landschaft gepflanzt wurde.

Wie können Menschen in einem Verdichtungsraum Natur erfahren?

Wer es auch war. Er hat damit sicher recht getan. Denn die Münchner sind mit dem kleinen Haar nicht immer glimpflich umgegangen. Der Verkehrsflughafen München-Riem prägte lange die Entwicklung im Osten. Als der aber 1992 wegkam, ergriffen beide Kommunen gemeinsam die sich bietenden Chancen.

Wenn man sich von dem heute idyllisch gelegenen Salmdorf aus am ältesten Bauernhof der Gemeinde vorbei auf den Mühlweg begibt, wird man gleich auf das eingestimmt, was den überwiegend grün gestalteten Grenzbereich von München und Haar mittlerweile bestimmt: Es geht um Ökologie im weiteren Sinn und darum, wie Menschen in einem Verdichtungsraum Natur erfahren können.

Haar ließ 2007 bei Salmdorf die erste Freiflächen-Fotovoltaikanlage des Landkreises München errichten. Gleich daneben lassen heute Modellflug-Freunde ihre kleinen Maschinen starten. Das geht mittlerweile, da Boeing, Airbus und Concorde abgezogen sind und stattdessen die Münchner Messe und die Messestadt mit ihren vielen Bewohnern die Szenerie bestimmen. An den Flughafen erinnert ein Rest der Start- und Landebahn, auf dem Jugendliche heute Lagerfeuer entzünden und mit Kreisen ein riesiges Yin-und-Yang-Symbol aufgemalt haben - ein Zeichen für die Anziehungskraft, die Gegensätze aufeinander ausüben. Es passt an diesen Ort.

Jahrhunderte alte Grenzen wurden per Federstrich geändert

Der asphaltierte Überrest des Airports findet sich heute kurz hinter der Grenze auf Münchner Flur im sogenannten Frauenwäldchen, durch das schöne Spazierwege vorbei an Biotopen führen. Schilder künden davon, dass Kinder des Horts an der Heinrich-Böll-Straße in der Messestadt halfen, Tümpel für die Wechselkröte anzulegen, oder berichten von den Bemühungen der Gemeinde Feldkirchen, im "Feldkirchner Wald" eine Naturausgleichsfläche zu schaffen. Es geht etwas durcheinander dort am Rand des ehemaligen Flughafens, wo die Gemeinden aneinandergrenzen. Aber es ist auch ein Gebiet, in dem jahrhundertealte Grenzen einst per Federstrich geändert wurden.

Ein prägnantes Datum dafür war der 5. November 1936, an dem der von den Nazis eingesetzte Bürgermeister in Haar Salmdorfer Bauern vorlud, weil sie für den Flughafen 35 Hektar Grund an München abtreten sollten, was am 1. Januar 1937 geschah. Die Flurgrenze verschob sich erneut, als die Start- und Landebahn 1969 verlängert wurde, damit auch große Flugzeuge starten können.

Mittlerweile zeugt das Ineinanderwirken von Stadt und Gemeinden in diesem Bereich von einem neuen Geist, der zum Tragen kam, als die Messe und die Messestadt entstanden. Vor allem auch prägen bis heute die Projekte der Bundesgartenschau 2005 den Grenzverlauf.

Grenznah betrachtet

Fehlende Nummern, fehlender Grund

Schon aufgefallen, dass hier die Herzogstandstraße 26 ist - und nur ein paar Meter weiter die 100 bis 114 folgen? Vorsicht: Verwechslungsgefahr.   Von Bernhard Lohr

Haars Altbürgermeister Helmut Dworzak steht auf dem Aussichtshügel, der am Nordrand von Salmdorf genau die Grenze zur Messestadt markiert, und blickt nach Nordwesten. "Hier brandet die Stadt heran", sagt er, und man weiß sofort, was er meint. Dicht bebautes, urbanes Gebiet reicht bis an den Hügel, der aus dem Schutt abgerissener Flughafengebäude aufgetürmt wurde. Auf der anderen Seite liegt Salmdorf, vom Hügel geschützt - ein Dorf wie eh und je.

Die Konzeption zu diesem Miteinander von Stadt und Land hat der Sozialdemokrat Dworzak mitgetragen und mitgestaltet. Er erinnert sich an ein Zusammenwirken auf Augenhöhe. Wenn man von Eitelkeiten absieht, wie sie die Anekdote erzählt, bei der der Architekt Gilles Vexlard im Haarer Rathaus bestimmend auftrat und forderte, einen kleinen Hügel in Gronsdorf einzuebnen, weil er keine Konkurrenz zu seiner Parklandschaft in Riem duldete. Jedenfalls schwärmen heute viele Haarer, dass sie den Park mit dem Riemer See vor ihrer Tür haben. Und wer in Salmdorf wohnt, ist in fünf Minuten an der U-Bahn. Freilich gab es laut Dworzak Stimmen aus München, die genau aus diesem Grund an dem Ort, der sich jahrzehntelang unter dem Lärmteppich des Flughafens kaum entwickelte, Wohnungsbau im großen Stil das Wort redeten. Es war vergeblich.

Die BuGa hat einiges der heutigen Landschaft möglich gemacht

Die Bundesgartenschau bot vielmehr die Chance, auf dem Grenzstreifen Oasen zu schaffen. Vom Aussichtshügel runter geht man am See vorbei - die eigentliche Grenze liegt 100 Meter weiter östlich direkt an der Ortsbebauung von Salmdorf. Auf dem Weg zur Johann-Karg-Straße kommen einem drei Jugendliche auf Rädern entgegen, die einen Ghettoblaster auf einem Anhänger transportieren, aus dem Musik schallt. Die Straße bildet genau die Grenze zwischen Stadt und Landkreis.

Im nahen Gronsdorf könnte man dieser wieder an den Häusern entlang folgen. Doch auf dem Weg durch den Ort gelangt man auf Höhe des weithin sichtbaren Windrads ohnehin wieder drauf. Dieses Rad, das aussieht wie an einer Farm im Wilden Westen, wurde laut Dworzak gemäß der Idee errichtet, den Grenzverlauf mit sogenannten "Points-of-Interest" attraktiv zu machen. Im Gebäude nebenan, das einem Bauernhof ähnelt, befand sich einst ein Bioladen, den die Messestädter gerne nutzten. Heute sind dort Büros, nebenan grasen Schafe, und gegenüber auf Münchner Flur beackern die Messestädter ihre Krautgärten.

Gleich hinter den Gärten und einer eingezäunten Kleingartenanlage der Stadt München biegt, bevor man in den Ortsteil Gronsdorf-Kolonie gelangt, rechts exakt auf der Flurgrenze ein schöner Fuß- und Radweg ab. Nach einiger Zeit kommt rechter Hand ein Spielplatz, den Haar aus Kulanz auf Münchner Gebiet errichten durften. Etwas weiter stößt der Wanderer dann auf Haarer Flur auf eine Streuobstwiese, auf der - wie an vielen Orten entlang der Route - Bienenkästen stehen.

Jenseits der Bahntrasse werden Trudering und Haar eins

Doch dann ist Schluss mit der Idylle. Durch die Bäume hindurch sind die Wellblechhallen des Gewerbegebiets Rappenweg zu erkennen. Es ist der wilde Osten Münchens, mit Autohändlern, Werkstätten, Schrottplätzen und vielen kleinen Firmen, die sich im Niemandsland über Jahrzehnte niedergelassen haben. Die Stadtgrenze verläuft dort haarscharf an den Gewerbebauten vorbei über die Bahntrasse. Jenseits der Bahn werden Trudering und Haar eins. Die Grenze verläuft zwischen den Wohngebäuden, wo die Großfriedrichsburger Straße zur Otto-Hahn-Straße wird. Erst wieder jenseits der Wasserburger Landstraße, am Trachtlerweg, trennt wieder ein 40 Meter breiter Waldstreifen Stadt und Land. Spaziergänger sind mit Hunden unterwegs. Und gleich hinter dem Sportplatz am Jugendzentrum am Wieselweg verläuft irgendwo im Wald die Grenze zu Putzbrunn.

Dem Wandel auf der Spur

Einmal rund um München

Dem Wandel auf der Spur

Wie lebt es sich dort, wo München an die Umlandgemeinden stößt, welche Entwicklungen deuten sich an? In unserer neuen Serie "Hart an der Grenze" sind SZ-Reporter entlang der 119 Kilometer langen Stadtgrenze gewandert - zwischen Idyll, Verhau und stiller Natur.   Von Thomas Kronewiter

Alle weiteren Folgen der Serie "Hart an der Grenze" finden Sie hier.