Kleine Raupe, großes Risiko: In Garching sind seit ein einigen Tagen an zahlreichen Bäumen großflächige Gespinste zu sehen. Sie stammen vom Eichenprozessionsspinner, einem unscheinbaren Schmetterling, dessen Raupen Eichen befallen. Ihre Härchen enthalten das Protein Thaumetopoein, ein Nesselgift, das beim Menschen allergische Reaktionen der Haut, Augen und Luftwege bis hin zu Bronchitis, Asthma oder sogar Schockreaktionen auslösen kann. Die Brennhaare können zudem durch den Wind verbreitet werden und auch nach längerer Zeit noch wirksam sein.
Die Universitätsstadt im Norden von München hat deshalb nach dem Auftreten des gefährlichen Schädlings den Radschnellweg am Schleißheimer Kanal in Hochbrück sperren lassen. Vorsicht geboten ist auch am beliebten Garchinger See. Auf den Wegen und in unmittelbarer Umgebung sind nach Angaben der Stadtverwaltung mindestens sechs Bereiche betroffen, in denen die haarigen Raupen ihre Gespinste produzieren.
Nach den Worten von Ralph Gutknecht, des Chefs im Umweltamt, ist der Befall seit gut einer Woche bekannt. Sowohl Mitarbeitende des städtischen Bauhofs als auch Anwohner hätten das Auftreten des Schädlings gemeldet. „Wir haben auch bereits ein paar Nester entfernen lassen“, sagt Gutknecht. Vor allem in Wohngebieten, auf Spielplätzen und im Umfeld von Kindertagesstätten müssten die Gespinste schnellstmöglich beseitigt werden. Doch das sei teuer und dürfe nur von Fachfirmen übernommen werden.
Die Stadt hat auf ihrer Homepage Bilder der betroffenen Flächen rund um den Garchinger See und am Radschnellweg veröffentlicht. Sie bittet die Bevölkerung zudem um Hinweise zu weiteren Gespinsten des Eichenprozessionsspinners. Meldungen nimmt das Rathaus per E-Mail an umweltschutz@garching.de entgegen. Befallene Bäume und Raupennester sollten nicht berührt werden, schreibt die Stadt und empfiehlt, betroffene Bereiche möglichst zu meiden. Auch Hundehalterinnen und Hundehalter sollten ihre Vierbeiner ebenfalls von den Schädlingen fernhalten.


Andere Gespinste dagegen sind für den Menschen harmlos. Derzeit sieht man an vielen Orten in der Region – etwa am Echinger und Hollerner See – Sträucher und Bäume, die vollständig mit feinen silberfarbenen Netzen überzogen sind. So mancher Betrachter mag sich ekeln, wenn er das Raupen-Gewirr darunter beobachtet. Die schwarz gepunkteten Larven der Gespinstmotte haben es auf die Blätter von Pflanzen wie Pfaffenhütchen, Traubenkirsche oder Schlehe abgesehen und fressen diese teilweise völlig kahl. In der Regel überstehen die Sträucher die Fressschäden jedoch gut und treiben anschließend wieder aus – sofern sie nicht etwa durch Trockenheit vorgeschädigt sind, wie Hannes Lemme erklärt. Der Biologe ist an der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Weihenstephan für das Monitoring potenzieller Waldschädlinge verantwortlich.

Beim Eichenprozessionsspinner aber rät Lemme hingegen unbedingt zur Vorsicht – und richtet sich auch selbst danach. Misst er den Umfang einer Eiche, gehe er grundsätzlich erst einmal um den Stamm herum und vergewissere sich, dass sich dort kein Nest befindet, schildert er. Gefährlich seien nicht die langen, gut sichtbaren Härchen, sondern die sehr kurzen auf der Oberseite. Sie können bei Berührung oder beim Zerfall der Larven abbrechen und in die Haut eindringen.
Anfang Juli verpuppen sich die Larven. Wenn sie geschlüpft sind, fallen die Nester herunter. Deshalb rät Lemme, bei Eichen zu jeder Jahreszeit darauf zu achten, wo man sich hinsetzt. Auch umarmen würde er die Stämme nicht, da die kleinen Haare nur langsam zerfallen. Erste Regel bei einem sichtbaren Befall sei: Abstand wahren und Kinder oder Hunde festhalten. Bei einem Kontakt sollte man die Kleidung ausziehen, sodass keine Haare in die Wohnung getragen werden. Er selbst verstaue die Wäsche in diesem Fall in einer Mülltüte und entleere diese direkt in die Waschmaschine. Gelangen Härchen auf die Haut, sollte sie mit Wasser und nicht durch Reiben entfernt werden.
Bei häufigen Kontakten wird die Allergie immer schlimmer
Gewöhnungseffekt gebe es keinen, sagt der LWF-Mitarbeiter. Im Gegenteil: Komme man häufiger in Kontakt mit dem Eichenprozessionsspinner, könne die Allergie immer schlimmer werden. Einige seiner Kolleginnen und Kollegen könne er in betroffene Gebiete nicht mehr schicken.
Früher habe es den Eichenprozessionsspinner nur in wärmeren Gegenden Bayerns gegeben. In den vergangenen Jahrzehnten habe er sich fast im ganzen Freistaat ausgebreitet. In Freising hat Lemme in diesem Jahr noch keine Nester entdeckt, auch nicht am Campus, wo Schilder vor den Raupen warnen. Dass die Tafeln dort seit Jahren stehen, ärgert ihn, weil im Ernstfall niemand mehr darauf achten werde.
Für Neufahrn, das in den Jahren 2021 bis 2023 erstmals stärker betroffen war, kann Bürgermeister Orhan Iyibas (CSU) für dieses Jahr vorerst weitgehend Entwarnung geben. Waren die Raupen in den besonders starken Befallsjahren entlang von Landstraßen und Feldwegen entdeckt worden, habe es in den vergangenen beiden Jahren – vermutlich aufgrund der für die Raupen ungünstigeren Wetterbedingungen – keinen beziehungsweise nur einen dokumentierten Nachweis gegeben. Heuer sind die Kontrollen noch nicht abgeschlossen. Bisher sei ein bekannter Standort betroffen. Warnschilder hat die Gemeinde nicht abmontiert, erklärt Iyibas, „da mögliche Rückstände weiterhin gesundheitliche Risiken darstellen können“. Zwei besorgte Bürger, die sich wegen mehrerer Gespinste an die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt Freising gewandt hatten, konnten die Mitarbeitenden jedoch beruhigen. In beiden Fällen handelte es sich um die harmlose Gespinstmotte.

