bedeckt München

Ehemaliger Hotspot:Der Ausbruch ist eingedämmt

Viele Baierbrunner haben sich in den vergangenen Tagen testen lassen. Wie es aussieht, haben sich aber keine weiteren Personen infiziert.

(Foto: Claus Schunk)

Nach der Aufregung um Baierbrunn als Corona-Hotspot kehrt im Ort wieder Ruhe ein, Verletzungen sind aber geblieben

Von Udo Watter, Baierbrunn

Nach Tagen und Wochen voller Testungen darf man dem jüngst als "Corona-Hotspot" bekannt gewordenen Baierbrunn attestieren: Das Dorf gehört nun zu den am besten getesteten in Bayern und ist, pandemisch betrachtet, quasi gesund. Auch für die große Anzahl der in Quarantäne beorderten sogenannten Kontaktpersonen 1, die mit Mitgliedern der beiden betroffenen Großfamilien näher zu tun hatten, gab es keine weiteren positiven Befunde. Das beweise wohl, dass die Hygienemaßnahmen an der Schule, der Mittagsbetreuung, den Kindergärten und Kindertagesstätten greifen und wirken, konstatiert Bürgermeister Patrick Ott (Überparteiliche Wählergruppe): "Das heißt, wir können alle auch in größeren Gruppen in geschlossenen Räumen über länger Zeiträume mit Virenträgern zusammen sein ohne Ansteckung, wenn wir die Mindeststandards voll beherzigen. Das ist, in all dem Corona-Chaos, eine gute Nachricht."

Eine gute Nachricht ist auch, dass sich die Gemüter am Ort nach einer Reihe von Schuldzuweisungen, vorschnellen Verurteilungen und leiser Panik wieder etwas beruhigt haben. Ott hat sich bei Pfarrer Peter J. Vogelsang entschuldigt für die Verbreitung einer Fehlinformation, die aus einer kleineren Familienfeier im Pfarramt eine mutmaßliche Spreader-Hochzeitsparty in großem Rahmen gemacht hatte. Die Hochzeit, die als hauptsächlicher Infektionsverbreiter gilt, fand tatsächlich erst einige Tage später in Unterföhring statt. Ott erklärt freilich, dass er weiterhin zu seiner generellen Kritik an beiden Feiern stehe, da die Infektionskette bereits beim ersten Event am 19. September ihren Anfang genommen haben könnte. "Ich denke, das war nicht sehr verantwortungsbewusst."

Den 20 infizierten Mitgliedern der beiden betroffenen Großfamilien geht es gut, die Quarantäne ist an diesem Freitag bei allen zu Ende, und der eine stationäre Fall, den es gab, war nicht wirklich kritisch. Seelische Wunden hat die Situation allerdings schon hinterlassen, schließlich gab es nicht nur eine größere mediale Aufmerksamkeit für die Familien und das unter Quarantäne stehende Haus im Ortszentrum. Die Infizierten beschlich auch das Gefühl, dass eher bedenkenlos mit dem Finger auf sie gezeigt wurde. "Man hat uns als Zielscheibe hingestellt", sagt Serkan Cetin. Der gebürtige Kurde, der seit 23 Jahren in Baierbrunn lebt und Deutscher ist, hat sich nach eigenen Angaben überlegt, ob es im Sinne einer emotionalen Beruhigung gut ist, sich noch einmal öffentlich zu äußern. Dem Empfinden, dass seine Familie von Bürgermeister und Gemeinde ungerecht behandelt worden sei, wollte er aber noch mal Ausdruck verleihen: "Man hat unsere Nationalität frei gegeben und dadurch die Leute auf uns angesetzt." Dabei sei alles, was sie getan hätten, ja legal gewesen, - die Anzahl der Menschen bei der Hochzeit war erlaubt - abgesehen davon seien ohnehin weniger gekommen als ursprünglich gedacht, einige hätten auch nur kurz vorbeigeschaut oder Masken getragen. Des Verdachts, als Familie mit kurdischem Hintergrund schärfer angegangen worden zu sein, kann sich Cetin nicht erwehren. "Das hätte jeder Familie passieren können, aber uns hat man schon anders behandelt." Keine Frage sei es, dass es ihm und den anderen Familienangehörigen leid tue, angesichts all der Testpflichten und Quarantäneeinschränkungen für zahlreiche Baierbrunner. Er habe sich etwa auch in der Whatsapp-Gruppe bei den Kindergarten-Eltern entschuldigt, die über seinen Sohn betroffen gewesen seien. Was dem 30-Jährigen freilich gefallen hat: Dass es neben wenigen Anfeindungen etliche solidarische Reaktionen am Ort gegeben habe und einige Bürger, die das Vorgehen der Gemeinde kritisierten. "Die haben gesagt: Wir stehen hinter euch."

Ott, dem an einer friedlichen Atmosphäre in der Gemeinde und an guter Zusammenarbeit mit der Pfarrei gelegen ist, wie er betont, hofft angesichts der suboptimalen Krisenbewältigung - zumindest, was die Kommunikation angeht - auf einen Lerneffekt: "Dann können wir alle zusammen daran arbeiten, eine Wiederholung dieser Art in Baierbrunn künftig zu verhindern."Größere Feiern dieser Art wird es ja nun zunächst ohnehin nicht mehr geben, zumindest keine legalen.

© SZ vom 16.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema