Süddeutsche Zeitung

E-Mobilität:Oslo ist weit

Beim E-Mobilitätstag der Gemeinde Kirchheim können Interessierte Elektrofahrzeuge ausprobieren. Dabei zeigt sich: Es gibt noch viele Vorurteile und Hürden abzubauen, bis die neue Technik so populär ist wie in Norwegen

Von Tobias Mayr, Kirchheim

"Gang rein und er rollt los. Wie ein ganz normales Auto", freut sich der Kirchheimer Herbert Mücke, der sich gerade als einer der ersten in eines der elektrisch angetriebenen Gemeindefahrzeuge getraut hat. Großer Andrang herrscht nicht am Mittwochnachmittag beim E-Mobilitätstag der Gemeinde auf dem Parkplatz der Grund- und Mittelschule. Das mag zum einen dem Zeitpunkt und zum anderen dem schlechten Wetter geschuldet sein. "Und Berührungsängste mit dem Thema gibt es leider auch noch", sagt Kirchheims Bürgermeister Maximilian Böltl.

Bei Herbert Mücke hat es Böltl jedenfalls geschafft. Er ist begeistert, und zwar besonders vom Anfahrgefühl und der Lautlosigkeit des Kleinwagens. Insgesamt vier Elektromodelle stehen auf dem Parkplatz der Grund- und Mittelschule zum Testen bereit. Darunter das Mitarbeiterfahrzeug der Gemeinde, der neue Bauhofwagen und der im Sommer in Betrieb genommene Carsharing-Pkw. Dazu präsentieren passend zum Thema der Feldkirchner Vertrieb Efuture und der Landshamer Fahrradhändler Bike & Tools Elektroroller, E-Fahrräder und Segways.

Diese Mischung gefällt Kirchheims Bürgermeister, der beim Thema neue Mobilität gern mal in die Ferne schaut: nach Oslo zum Beispiel. Dort haben E-Autos eigene Parkplätze oder dürfen die Busspur mitbenutzen. Im Münchner Umland sei man von Anreizen wie diesen leider noch weit entfernt. "Wir versuchen aber mit unseren begrenzten Möglichkeiten, das Thema voran zu treiben", sagt Böltl. Darum steht in Kirchheim seit Sommer ein Carsharing-Auto vor dem Rathaus. Das Auto soll zum Beispiel älteren Bürgern zur Verfügung stehen, die ihr Auto nur ein bis zwei Tage in der Woche für kurze Strecken brauchen. Leider ist auch dieses Auto bislang nur etwa ein bis zwei Tage pro Woche im Einsatz.

Im Kirchheimer Rathaus versucht man daher mit dem E-Mobilitätstag das Thema auch den Bürgern schmackhaft zu machen. Einen anderen Weg als neue elektrische Mobilitätsformen sieht man hier sowieso nicht. "Wir können bei uns im Zuzugsgebiet die Pendlerströme ohne neue Mobilitätskonzepte nicht mehr abwickeln", sagt Böltl. Mit E-Carsharing könne ein Teil des Parkplatz- und des Lärmproblems endlich in den Griff bekommen werden. Und auch in Sachen Klimaschutz müsse die Gemeinde einen Ausgleich für den starken Neubau schaffen, findet Sonja Forstner, Leiterin des Umweltamtes. Mit der E-Mobilität wird zumindest ein Akzent in diese Richtung gesetzt.

Ungelöst bleibt bislang jedoch die Ladesäuleninfrastruktur. Nur zwei Ladestationen gibt es bisher in der Gemeinde, eine am Rathaus und eine am McDonald's-Restaurant. Dazu verfügen die meisten der typischen Reihenhausgaragen in Kirchheim über gar keinen Stromanschluss. Böltl sieht hier sowohl seine Gemeinde als auch den Landkreis in der Pflicht, Lösungen auszuarbeiten. Die Elektrifizierung der Garagenhöfe ist schließlich nicht gerade billig. Böltl verspricht, sich darüber Gedanken zu machen. Gleichzeitig möchte das Landratsamt bis Ende nächsten Jahres eine Strategie für einheitliche Ladestationen im Landkreis präsentieren.

Der Heimstettner Gerd Corzilius ist derweil skeptisch, ob sich das elektrische Auto in Kirchheim etablieren wird. Er wisse zumindest nicht, wie er damit seinen Wohnwagen nach Italien ziehen solle. Immerhin, ein Elektrofahrrad könne er sich jetzt vorstellen: "Für unsere Radltouren wäre das klasse."

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Quelle:
SZ vom 10.11.2017
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