Süddeutsche Zeitung

Release-Konzert:Pathos und Punk tanzen Hand in Hand

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Die Band "Dreiviertelblut" mit Sebastian Horn und Gerd Baumann begeistert das Publikum in Oberhaching bei ihrem CD-Release-Konzert.

Von Udo Watter, Oberhaching

Ob die Konzertbesucher in Oberhaching vorher noch beim Schuster waren, ihre Stiefel frisch poliert hatten oder Jesuslatschen trugen - auf jeden Fall standen sie alle auf, als Sebastian Horn zum Tanz mit dem Teufel bat. Nun, eigentlich kündigte der Sänger von Dreiviertelblut eine Art Skigymnastik an, aber die rhythmischen Anreize waren dann doch etwas anders. "Wannst du mim Deife danzt, dann brauchst guade Schua", sang Horn, mit seiner abgrunddunklen Stimme selbst so etwas wie ein akustischer Fürst der Finsternis. Und der bayerische Balkan-Ska-Sound riss das gut beschuhte Publikum im ausverkauftem Bürgersaal beim Forstner noch mal richtig mit. "Deifedanz" ist natürlich eine diabolisch gute Zugabe, und es war nicht die einzige schon bekannte Nummer der Band, die an diesem Abend erklang: "Wos übrig bleibt", das Titellied von "Oktoberfest 1900", spielte die Band bereits im ersten Teil und am Ende setzte sie noch als zweite Zugabe das gnadenlos lässige "Big-a-Dog, Big-a-Bite" aus "Wer früher stirbt, ist länger tot" drauf.

Spannend war freilich vor allem auch, was dazwischen erklang. Der Auftritt von Dreiviertelblut in Oberhaching war ein CD-Release-Konzert: Das vierte Studio-Album der Band mit dem Titel "Plié" erscheint erst Anfang Dezember und wie die Songs live so ankommen, das testen die sieben herausragenden Musiker, angeführt von Horn und Gitarrist und Komponist Gerd Baumann, derzeit schon vorab auf ausgewählten bayerischen Bühnen.

Nun, wer den charakteristischen Sound der Band mag, im dem sich Klarinette, Flügelhorn, Trompete, Schlagzeug, Gitarre, Kontrabass und E-Gitarre eigenwillig mischen, der wird nicht enttäuscht sein. Natürlich enthüllen auch die in Mundart gesungenen Texte wieder das Faible der Protagonisten zum Finster-Religiös-Morbiden, aber auch sensible und zärtliche Höhenflüge sind dabei ("Liedeslied"), wobei sich die poetische Finesse mitunter mehr durch den Reim als durch den Inhalt entfaltet. Kruder, schwarzer Humor und Abrechnungen mit menschlichen Dummheiten gehören ebenso dazu ("Irgendwann"). Musikalisch wie textlich herausragend ist neben "Raunächte" und "Hehna ohne Kopf" sicher "Ast vom Baam". Pathos und Punk gehen Hand in Hand, wenn Horn singt: "Nicht die Toten, sondern die Lebenden kommen in die Hölle." Treibender Beat, anschwellend bis zu einer Art Wall of Sound, aber auch fein rhythmisierte Kontraste - der Song reißt mit und hat viele philosophisch-ironische Textpassagen. Fazit: "Und morgn schaut die Welt scho wieda ganz anders aus."

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