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Diskussion über Polizisten und AfD:Eine Frage der Frustrationstoleranz

Marcus da Gloria Martins diskutiert in Taufkirchen über die Anfälligkeit von Polizisten für Populismus.

(Foto: Claus Schunk)

Polizeisprecher da Gloria Martins sieht Anfälligkeit mancher Kollegen für Populismus.

Von Julia Fietz, Taufkirchen

Wie rechts ist die Polizei? Als der CDU-Politiker Friedrich Merz vor einigen Monaten in einem Interview warnte, man habe offenbar Teile von Bundeswehr und Polizei an die AfD verloren, trat er eine öffentliche Debatte los.

Über einen möglichen Rechtsruck in der Polizei diskutierten auch am Mittwochabend Marcus da Gloria Martins, Pressesprecher des Polizeipräsidiums München, und der Stammtisch des Vereins "Die Demokratieverstärker". Das Thema stieß im Taufkirchner Jugendzentrum auf großes Interesse, kein einziger Platz blieb unbesetzt.

Da Gloria Martins, seit dem Attentat im Olympia-Einkaufszentrum deutschlandweit für seine besonnene Art bekannt, trug mit ruhiger Stimme zunächst seine Überlegungen vor. Ein strukturelles Problem bei der Polizei liege nicht vor, betonte der gebürtige Rheinländer, die Aussage von Merz einfach vom Tisch zu wischen, sei allerdings auch falsch. "Bestimmte Parameter im Beruf eines Polizisten können dafür sorgen, dass populistische Thesen eher wahrgenommen werden", sagte da Gloria Martins.

Ein Polizist besitze in der Regel eine Affinität für Regeln und Ordnung. Im Einsatz sei er ein Akutproblemlöser. "Wir kommen immer nur dann dazu, wenn es brennt, und müssen hoffen, dass sich jemand um die Langzeitlösung kümmert", erklärte der Polizeisprecher. Dabei komme es nun auf den einzelnen Menschen und seine individuelle Frustrationstoleranz an. Wenn sich nichts ändere, könnten einzelne schon mal die Hoffnung verlieren. "Es macht was mit dem Menschen in Uniform, wenn er sieht, dass Versprechen lange nicht eingehalten oder gebrochen werden", sagte da Gloria Martins.

Polizist auch nach Feierabend

"Gibt es eine Statistik, wie viele Polizisten Parteifunktionen in der AfD übernehmen?", erkundigte sich ein Zuhörer. Im Bayerischen Landtag gibt es aktuell noch zwei AfD-Abgeordnete mit Polizei-Hintergrund. Ein Polizist sei jedoch nicht verpflichtet, Rechenschaft über seine politische Tätigkeit abzulegen, betonte da Gloria Martins. "Solange die AfD als Partei zugelassen ist, gilt das für sie ebenso wie für jede andere Partei." Dennoch lege man die Außenwirkung als Polizist nach Feierabend nicht einfach ab. "Uns interessiert sehr wohl, ob jemand einen Autoaufkleber von einer Rechtsrockband oder einer linksextremen Gruppe hat, wenn er nach Feierabend vom Parkplatz fährt." Ein Beamter müsse auch in seiner Freizeit die freiheitlich demokratische Grundverordnung vertreten. Vorgesetzte auf allen Ebenen seien dazu angehalten, frühzeitig aufmerksam und aktiv zu werden.

Dass eine dunklere Hautfarbe manchmal ausreichen kann, um viel öfter als mitteleuropäisch aussehende Freunde kontrolliert zu werden, schilderte ein junger Mann aus Sendling. "Ich nehme die Polizei weniger als Freund und Helfer wahr, sondern eher als Jäger, die darauf warten, dass sie endlich etwas bei mir finden", berichtete er. Mit 15 habe er etwa eine Leibesvisitation am Hauptbahnhof über sich ergehen lassen müssen, eine entwürdigende Prozedur. Der Polizeisprecher zeigte sein Mitgefühl, die Problematik habe man auf dem Schirm. Er habe leider keine einfachen Lösungen parat, gab da Gloria Martins zu.

"Ich bitte Sie darum, die Kollegen in einer relativ entspannten Situation direkt auf den Grund der Kontrolle anzusprechen", so lasse sich der Sachverhalt zumeist schnell klären. Eine Erklärung für häufige Kontrollen am Hauptbahnhof sei, dass der junge Mann aufgrund seines Aussehens ins Raster passe. Der Rauschgifthandel würde dort seit 2015 hauptsächlich von Migranten betrieben.

© SZ vom 15.11.2019/belo

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