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Digitalisierung:Die komplexe Seite der Macht

Neubiberg, Bundeswehruni, Podiumsdiskussion zum Thema 'Macht der Algorithmen?'

Expertenrunde: Manfred Broy, Ulrich Wilhelm, Manuela Pietraß, Bernd Sibler, Gabi Dreo-Rodosek und Ernst Denert (von links).

(Foto: Angelika Bardehle)

Eine Expertenrunde diskutiert an der Universität der Bundeswehr darüber, wie wir durch Algorithmen gesteuert werden

Unsere Welt wird immer digitaler. Wir nutzen wie selbstverständlich digitale Geräte. Diese werden durch Algorithmen gesteuert. Aber haben Algorithmen deshalb Macht? Das diskutierte eine Runde von Experten am Dienstagabend im Audimax der Universität der Bundeswehr in Neubiberg.

"Wir nutzen vielfach Begriffe, die viele Menschen nicht verstehen. Wir müssen sehr viel genauer mit unserer Sprache umgehen!", forderte Manfred Broy, Geschäftsführer der Kooperations-, Forschungs- und Gründungsplattform "Zentrum Digitalisierung Bayern". Dem pflichtete der Informatiker und Stiftungsgründer Ernst Denert bei und erklärte, Algorithmen seien "im Grunde eine präzise formulierte Vorschrift zum Lösen eines Problems, wie etwa das Sortieren einer Tabelle oder das Berechnen zweier Brüche, um es ganz einfach zu sagen".

Aber schon der Algorithmus in einem Schachcomputer, der auf Sieg ausgerichtet ist, sei sehr kompliziert,die Such-Algorithmen von Google und Co seien so viel komplexer, dass er bezweifle, ob die Google-Experten selbst sie verstehen, ergänzte Broy und betonte, jeder nutze stündlich oder sogar minütlich digitale Medien, die allesamt von Algorithmen gesteuert werden. "Wir nehmen die Geräte, weil wir durch sie einen Mehrwert erkennen", sagte der bayerische Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU). Und fragte mahnend: "Womit bezahle ich diesen Mehrwert?". Er sei sicher, Google wisse längst alles über ihn.

Die Macht liege nicht bei den Algorithmen, sondern bei den Unternehmen, welche bestimmte Algorithmen als Lösungswege zur Problemlösung besäßen, sagte Denert. Aber auch der Nutzer trage dazu bei. Millionen Deutsche nutzen die amerikanischen Unternehmen Facebook, Twitter und Co., ergänzte er. Aus ihrem Verhalten ziehen die Firmen Nutzen.

Das Problem sei, dass die Anbieter der Verbreitungsalgorithmen nicht zum Ziel hätten, die breite Öffentlichkeit neutral zu erreichen, sondern ihre Seiten und Nachrichten treffsicher platzieren wollten, erläuterte Ulrich Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks und Vorsitzende der ARD. Das steigere die Werbeeinnahmen dieser Konzerne. Auch suche der Mensch Glücksmomente, sage die Gehirnforschung. Viele Menschen verschafften sich diese, indem sie im Internet interagieren und Reaktionen auf ihre Meinungsäußerungen erzielen.

Digitale Medien seien auf ihre eigene Weise zu verstehen, hatte Moderatorin Manuela Pietraß bereits betont, die an der Bundeswehruni Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienbildung lehrt. Aber wie vermittelt man algorithmisches Denken? Es müsse um Informatik für Drei- bis 90-Jährige gehen, Software-Kompetenz sei schließlich schon Kleinkindern gut zu lehren, erklärte Gabi Dreo-Rodosek, Direktorin des auf Cyber Defense spezialisierten Forschungsinstituts Code. Nicht jeder Schüler brauche ein eigenes Tablet, stellte Denert klar, es brauche wirklich gute IT-Lehrer, die entsprechend honoriert würden.

In der Industrie könnten sie doppelt so viel verdienen wie als Lehrer. "Wir leben in der digitalen Welt samt Macht, aber mehr Transparenz wäre wünschenswert", pflichtete ihm Dreo-Rodosek bei. Es geht zudem darum, Digitalisierung nicht mehr nur technisch zu betrachten, wie es die Politik lange getan habe, Europa brauche vielmehr europäische Alternativen zu Google, so Wilhelm. Es müsse in IT-Entwicklung investieren, um auf dem Cypber-Sektor den Anschluss an Amerika und Asien zu halten. "Die jungen Start-ups sollen hier entwickeln. Da ist die Politik gefordert", sagte Denert.