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Digitalisierung:Der Internetpionier aus Sauerlach

Hans Riethmayer, 71, hat seine Anteile an der Leo GmbH bereits an seine beiden Söhne übergeben. Im Bild: Martin Riethmayer, 38.

(Foto: Claus Schunk)

Hans Riethmayer hat in den Neunzigerjahren mit anderen Studenten in München das Internet-Wörterbuch Leo entwickelt. Heute residiert seine Firma in einem unscheinbaren Bürogebäude im Gewerbegebiet seines Heimatorts

Wer sich auf die Suche nach jenen Internetpionieren begibt, deren Angebot heute noch zu den meistgenutzten deutschen Webseiten gehört, der muss tief hinein ins verwinkelte Sauerlacher Gewerbegebiet, vorbei an Autowerkstätten, einem Karosseriebauer und einem Hersteller von Trockeneisstrahlanlagen - was auch immer das sein mag. Im hintersten Eck steht man schließlich vor einem schmucklosen Büroklotz, wo nicht einmal ein Hauch von Silicon Valley durch die Straßen weht, sondern eher das Odeur des benachbarten Wertstoffhofs. Hinauf geht's in den zweiten Stock, und dort wartet schon Hans Riethmayer an der Tür. Der 71-Jährige trägt zur Strickjacke verwuschelte graue Haare, einen Sieben-Tage-Bart sowie ein gutmütiges Lächeln im Gesicht. Und an den Füßen: Sandalen.

Immerhin hier gibt es also eine Parallele zu Mark Zuckerberg, dem Star aller Start-up-Stars, der noch vor einigen Jahren regelmäßig in Sandalen und T-Shirt zu öffentlichen Auftritten erschien. Ansonsten aber hat Hans Riethmayer mit dem Facebook-Gründer so viel gemein wie die futuristische Facebook-Zentrale in Kalifornien mit dem Sitz von Leo.org in Sauerlach. Wobei auch hier schon Vertreter von ein Dutzend Großunternehmen vorstellig wurden, weil sie die Leo GmbH, die vor allem für ihre Online-Wörterbücher bekannt ist, gern gekauft hätten. "Aber da hat uns nichts überzeugt", sagt Riethmayer, der die Firma mit Co-Geschäftsführer Elmar Bartel leitet - noch. Denn in Bälde will der Mitgründer das Geschäft an seine zwei Söhne übergeben, die schon länger im Unternehmen arbeiten und denen der Vater seine Anteile bereits vermacht hat. Einer von ihnen gesellt sich an diesem Vormittag zum Gespräch - Martin Riethmayer, 38, eine jüngere, rothaarige Version des Papas. Genauso unprätentiös und ebenfalls in Sandalen.

Sein Vater, den hier alle nur mit seinem Spitznamen "Kili" anreden, arbeitete Anfang der Neunzigerjahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Informatik der TU München. Zu jener Zeit war das Internet eine Sache für Computerfreaks; Tim Berners-Lee hatte am Forschungsinstitut Cern soeben die erste Webseite online gestellt - unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit. Die Informatiker der Münchner Universitäten nutzten damals freilich schon das Internet, obgleich die Verbindungen oft wacklig und gähnend langsam waren. Um bestimmte Programme nicht wieder und wieder herunterladen zu müssen, beschlossen einige Studenten - in Absprache mit den Universitäten und dem Leibniz-Rechenzentrum - einen Verbund zu gründen, über den alle Beteiligten auf einen gemeinsamen Datenbestand zugreifen konnten.

An ein Wörterbuch dachte damals niemand - dieses entstand vielmehr beiläufig, bedingt durch die Sammelleidenschaft der Mitstreiter am "Informationssystem und Archiv München", kurz Isar, wie das Studentenprojekt anfangs hieß. "Man hat sich zu dieser Zeit schwer getan, im Bereich der Datenverarbeitung gute Übersetzungen aus der englischsprachigen Literatur zu finden", erzählt Hans Riethmayer. In der Folge sei ein erstes Glossar entstanden, das später in rasantem Tempo erweitert wurde. "Jeder hatte irgendwelche Wörterlisten zu Hause, und so ist ein wahnsinniger Wildwuchs an Vokabular entstanden", sagt Riethmayer, der das Projekt damals schon betreute. Schnell habe das Angebot beachtliche Zugriffszahlen verzeichnet, und doch seien die Studenten von den etablierten Wörterbuchverlagen belächelt worden. "Die hätten nie gedacht, dass ihnen ein paar naive Enthusiasten die Butter vom Brot nehmen können." Doch genau dazu kam es. Nachdem ein privater TV-Sender die Studenten mit dem Hinweis abgemahnt hatte, dass es sich bei Isar um eine geschützte Marke handelt, wurde das Projekt in Leo umbenannt. Das Kürzel steht zum einen für "Link everything online" (Verbinde alles im Netz), zum anderen habe aber auch der bayerische Löwe Pate für den Namen gestanden, sagt Riethmayer. Im Juni 1994 ging die Domain www.leo.org in Betrieb. In den Folgejahren konzentrierte sich das Angebot mehr und mehr auf sein deutsch-englisches Wörterbuch, dessen Qualität von 1997 an durch festangestellte Sprachwissenschaftler verbessert wurde. Finanziert wurde dies durch Bannerwerbung, die bis heute die Haupteinnahmequelle ist. 2006 - das Angebot gehörte damals zu den 30 meistbesuchten Webseiten Deutschlands - löste sich Leo von der Universität. "Der Ausstieg war nicht glatt, nicht reibungslos und auch nicht freundlich", sagt Riethmayer, der angibt, einen "größeren Betrag" als Ablöse gezahlt zu haben. In der Anfangszeit der noch jungen Firma hätten die sechs Mitarbeiter bei ihm zu Hause in Sauerlach ihre Computer aufgebaut und Leo von dort aus betrieben. Kurz darauf fand das Start-up ein Büro im Gewerbegebiet seines Heimatorts - und dort ist man bis heute geblieben.

Mittlerweile stellt das Unternehmen neun Wörterbücher mit insgesamt 2,3 Millionen Einträgen zur Verfügung; dazu kommen Online-Sprachkurse, Vokabeltrainer und weitere Angebote. An einem durchschnittlichen Werktag verzeichnet allein das deutsch-englische Wörterbuch bis zu zehn Millionen Abrufe. Etwa 30 Beschäftigte arbeiten für die Firma, die Hälfte davon sind Sprachwissenschaftler. Wohl auch infolge des Aufkommens immer besserer Übersetzungsprogramme sind die Zugriffszahlen der Sauerlacher zuletzt zurückgegangen, wobei Juniorchef Martin Riethmayer Angebote wie Google Translate als "nicht zwingend eine Eins-zu-Eins-Konkurrenz für uns" bezeichnet - einerseits. Andererseits weiß auch er um die Gefahr, dass einer der Web-Giganten das Thema Wörterbücher für sich entdeckt: "Wenn Google das mit seiner Macht anpacken würde, dann hätten wir keine Chance."

Indes wirken weder Martin Riethmayer noch sein Vater so, als würde sie die Zukunftsangst allzu sehr umtreiben. Vielmehr betont der Seniorchef, dass "ein gewisses Gutmenschentum zum Flair von Leo dazugehört". Und angesprochen auf die Reichtümer, die manch anderer Internetpionier gescheffelt hat, lächelt Hans Riethmayer nur leise und sagt: "So wie wir's machen, ist das nichts, wo man reich werden kann. Uns ist wichtiger, dass es hier harmonisch zugeht und die Kollegen gerne zur Arbeit kommen." Getreu dem Motto, das hinter ihm auf einer Postkarte an der Wand hängt: "In a world where you can be anything - be kind." Frei übersetzt: "In einer Welt, in der du alles sein kannst - sei freundlich."

© SZ vom 26.05.2020

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