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"Die Blechtrommel" in Unterföhring:Die Nervensäge wächst über sich hinaus

Immer dagegen: Bei einer Massenveranstaltung trommelt Oskar Matzerath die Nazis aus dem Takt.

(Foto: Catherina Hess)

Raphael Grosch glänzt bei der Unterföhringer Aufführung der "Blechtrommel" in der Rolle des Oskar Matzerath. Überhaupt ist die Produktion des Tourneetheaters Landgraf ein packendes Bühnenerlebnis

So sieht er also aus, der mit der Blechtrommel: Oskar Matzerath. Das Hemdchen einer Nervenheilanstalt, wo er in den Fünfzigerjahren seine Memoiren schreibt, flattert um seinen dünnen Körper. 1924 in Danzig geboren, glaubte Oskar nicht nur, Zeit seines Lebens zwei Väter zu haben, sondern meinte auch, geistig bereits fix und fertig auf die Welt gekommen zu sein. Als er nach einem Treppensturz als Dreijähriger dann das Wachsen einstellte, beurteilte er die Ereignisse um sich fortan aus der Froschperspektive. "Ich durchschaute alle und alles", ruft er zu Beginn der Aufführung. Wie Insekten flitzen Oskars blaue Augen hin und her, das kann man in einer der vorderen Reihen im Saal des Bürgerhauses Unterföhring gut erkennen. Einer von der hinterlistigen Sorte, der Fleisch gewordene Finger in der Wunde einer scheinheiligen Gesellschaft. Trommler und Glaszersinger, der sich durch seine Weigerung zu wachsen auch der Welt bewusst verweigert hat. In Zügen weiß wohl jeder, worum es in diesem Klassiker der Weltliteratur geht.

Nun ist es allerdings so, dass Adaptionen von Großartigem immer auch die Gefahr bergen, im Vergleich mit dem Original mauseklein auszusehen. Und im Fall von "Die Blechtrommel", dem mehrfach für Theater und Film bearbeiteten Debütroman des Literaturnobeloreisträgers Günter Grass aus dem Jahr 1959, gilt das im doppelten Sinne: Schließlich sei nicht weniger als die Wiedergeburt des deutschen Romans im 20. Jahrhundert mit der Blechtrommel eingeläutet worden, befand die Akademie in Schweden in ihrer Laudatio, als sie Grass mit dem Literaturnobelpreis auszeichnete. Als Regisseur Volker Schlöndorff die Geschichte des trotzig gegen jeglichen Zugeständnis an Anpassung und Konventionen antrommelnden Jungen 1979 mit Mario Adorf als Vater Matzerath auf die Kinoleinwand brachte, erhielt der Streifen nicht nur die Goldene Palme in Cannes, sondern treffenderweise auch den Oscar als bester ausländischer Film.

Und gerade weil die Handlung so reich ist an skurrilen Bildern und fantastischen Begebenheiten - man denke nur an die Zeugung von Oskars Mutter Agnes auf einem kaschubischem Kartoffelacker oder die Figur des Meister Bebra, einem Liliputaner und für Oskar eine Art Mentor - kann es gewiss kein leichtes Unterfangen sein, den Stoff für die Bühne aufzubereiten. Was ist wichtig? Was kann weggelassen werden?

Doch die Fassung von Regisseur Volkmar Kamm, die 2015 in Stuttgart ihre Premiere erlebte, vermochte die großen künstlerischen Fußstapfen souverän zu füllen, das zeigte sich in Unterföhring schon nach wenigen Minuten. Nachvollziehbar, dass die Produktion des Tourneetheaters Landgraf 2016 den bekannten Inthega-Preis erhalten hat. Bei der Blechtrommel hatte man sich des Originals umsichtig angenommen und mit Bedacht gekürzt. Auf einer Drehbühne entfaltete sich dann Oskars Lebensrealität im Gewand einer zeitgeschichtlichen Patina, die zwar echt wirkte, die Ereignisse dabei aber nicht mit jener klebrigen Betroffenheitsschwere überzog, die künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsoziallismus gerne anhaften. Da ist zum Beispiel das Set der elterlichen Wohnung oder das gipserne Jesuskind in der Kirche, das Oskar mit einem Tobsuchtsanfall zum Trommeln bewegen will. Und in der Szene auf der Maiwiese, als Oskar sich, wie ihm von Meister Bebra geraten, unter dem Rednerpult versteckt ("Sie fanden Oskar nicht, weil sie Oskar nicht gewachsen waren") und den Nazis beim Walzertanzen mit der Trommel seinen Takt aufzwingt, da werden die von Marionetten dargestellt und nicht von Schauspielern.

Und apropos: Wenn die Leistung des Ensembles auch ausnahmslos gut war, so ist doch insbesondere Raphael Grosch in der Rolle des Oskar Matzerath zu loben, der als Ich-Erzähler über zwei Stunden hinweg eine gigantische Show ablieferte. Er zerschrie Glas und trommelte um sein kleines bisschen Ich, er bestieg Schaukelpferde und Frauen und versah den kindlichen Egozentriker Oskar dabei mit einer energetischen Wahrhaftigkeit, die den Zuschauer kaum einmal aus seinen Fängen ließ. Ein wilder, ein atemloser Ritt durch das Leben eines Sonderlings, für den man sich bei aller Bewunderung für die findigen Formulierungen, die Grass dem kleinen Fiesling in den Mund geschrieben hat, nicht einmal dann erwärmen kann, als er sich unerwartet väterlichen Gefühlen für seinen Sohn Kurt hingibt. Die Trommel, die er dem Kind zu dessen dritten Geburtstag geschenkt habe, mochte es leider nicht, erzählt Matzerath. Na gut. Schauspieler Grosch jedenfalls bestritt die ständigen Wechsel zwischen der ersten und dritten Person versiert - und mit diesem überheblichen Rasseln in der Stimme, das einem auch dann noch durch die Gehörgänge rauschte, als der Applaus längst verklungen war. Eine Nervensäge, die in Unterföhring über sich hinausgewachsen ist.

© SZ vom 12.02.2018
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