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Develey:Ein Mann drückt auf die Tube

"Man muss einfach mal anfangen", lautet die Devise von Michael Durach. Beim CO₂-Ausstoß bedeutet das für den Develey-Chef: Es gebe nur eine Zahl - "und die heißt Null".

(Foto: Claus Schunk)

Der Unterhachinger Senfhersteller hat den Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen, sein Chef Michael Durach wurde zu einem der besten Unternehmer Deutschlands gekürt.

Der Hinweis am Lift der Firmenzentrale ist nicht zu übersehen: Am Freitag ist bei Develey "aufzugsfreier Tag". Wer nichts Schweres zu tragen hat, möge bitte zu Fuß gehen. Die Mitarbeiter des Senfherstellers aus Unterhaching haben diese energiesparende und zugleich gesundheitsfördernde Maßnahme längst verinnerlicht. Der Aufzug wird nur noch selten genutzt, zumal ihn Firmenchef Michael Durach auch extra langsam eingestellt hat, damit die Leute lieber Treppensteigen. Dass er selbst die Stufen im Eiltempo nimmt, glaubt man ihm sofort.

Durach ist ein energiegeladener, rastloser Mensch, ein "Macher", wie er selbst sagt. "Ich möchte immer auf dem Fahrersitz hocken." Seit mehr als zehn Jahren lenkt der Unterhachinger das ortsansässige Unternehmen, dieses Jahr ist Durach von der Beratungsgesellschaft Ernst & Young zu einem der besten Unternehmer Deutschlands gekürt worden. Auch weil er Develey stark nach ökologischen Gesichtspunkten ausrichtete. Vor Kurzem hat die Senf und Feinkost GmbH deshalb den Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen.

Die Sache mit dem Aufzug ist nur eine kleine Verhaltensregel inmitten eines großen Plans zum Umwelt- und Klimaschutz, an dem Develey arbeitet und an dem die Mitarbeiter aktiv beteiligt sind. In der Eingangshalle werden auf der einen Seite die zahlreichen Produkte präsentiert, die mittlerweile zum Unterhachinger Unternehmen gehören: vom mittelscharfen Senf über Löwensenf, Bautz'ner, Reine de Dijon bis zu Gurken und Sauerkraut der Konservenmarke Specht.

Jeder Angestellte soll seine Ideen einbringen

Schräg gegenüber hat Durach eine riesige Tafel anbringen lassen. "Nachhaltigkeit" steht in großen Buchstaben darüber, und jeder Angestellte ist aufgefordert, seine Ideen darauf zu pinnen, damit die Develey-Familie und damit ein stückweit auch die ganze Welt ein bisschen besser werden, ein wenig gesünder und ökologischer, eben zukunftsträchtiger. Dass im Haus nur noch Leitungswasser ausgeschenkt wird - was in Unterhaching nachweislich beste Qualität hat - verdankt Durach etwa seinen Azubis.

"Junge Leute denken anders", sagt der 51-Jährige, dem der Austausch mit der nachfolgenden Generation sehr wichtig ist, weshalb er auch regelmäßig Vorträge an Universitäten hält. Er will zeigen, dass er die Jüngeren ernst nimmt, ihre Forderungen, ihre Ideen, ihre Kritik. Und zwar nicht erst seit Greta Thunberg. "Wir haben uns, lange bevor Nachhaltigkeit durch Fridays for future allgegenwärtig wurde, damit auseinandergesetzt", sagt er. "Wir haben als Unternehmen eine Verantwortung."

Dann erzählt er von seinen beiden Kindern und denen seines Bruders Stefan, mit dem er die Firma gemeinsam führt. Die waren alle vier noch in der Grundschule oder gerade aufs Gymnasium gewechselt, als sie das Thema erstmals beschäftigte und sie anfingen, ganz konkrete Fragen zu stellen.

2008 war das, die Schüler gingen für die Aktion "Plant for the Planet" auf die Straße, und Develey begann gemeinsam mit Kindergruppen Bäume zu pflanzen. "Es war beeindruckend, mit welcher Euphorie die da herangingen", schildert Durach. Ihm war bald klar, dass sein Unternehmen mehr tun müsse als diese Pflanzaktionen. Die CO₂-Emission der Firma sollte gesenkt werden, "und zwar nicht nur um 20 Prozent", sagt Durach. Es gebe nur eine Zahl "und die heißt Null".

Er weiß heute noch mehr als damals, dass er sich damit hohe Ziele gesteckt hat. Die Konkurrenz hat ihn belächelt, die Mitarbeiter haben sich gefragt: "Oh, wie sollen wir das schaffen?" Es gehe nicht von jetzt auf gleich, sagt Durach, "aber man muss einfach mal anfangen". Es wurden Handlungsfelder definiert und in Zukunftstechnologie investiert. Zehn Millionen Euro hat Develey in den vergangenen Jahren in das nachhaltige Wirtschaften und in Maßnahmen gegen den Klimawandel investiert. Im Januar 2020 wird das Unternehmen dadurch einen weiteren Meilenstein erreichen: Dann sind nicht nur alle deutschen Werke klimaneutral, sondern auch die komplette Herstellungskette des gesamten Senfsortiments.

Durach hat all die kleinen und großen Schritte, die dazu geführt haben sofort parat, es sprudelt nur so aus ihm heraus, wenn er aufzählt, dass das Unternehmen seit 2016 auf Palmöl verzichtet, dass Verwaltung und Produktion am Standort Unterhaching bereits seit 2013 CO₂-neutral arbeiten, dass Fotovoltaik und LED schon lange eine Selbstverständlichkeit seien und man in Polen, Russland und Frankreich mit individuellen technischen Lösungen ganz neue Maßstäbe gesetzt habe. Er freut sich, dass er Recht behalten habe mit seinem Weg, dass es gut war, nicht erst einmal abzuwarten wie andere.

Durach weiß aber auch: Als Mitinhaber und Geschäftsführer eines mittelständischen Familienunternehmens konnte er diese Entscheidungen treffen, "da habe ich keine Analysten im Nacken sitzen", sagt er. Andererseits bezeichnet er es als "Fluch und Segen", in eine solche Firma hineingeboren zu sein. "Das ist auch eine riesige Verantwortung, ein großer Druck, der auf einem lastet, das Unternehmen vererbungsfähig zu führen", sagt er. Schon früh seien die beiden Brüder eingebunden worden. In den Ferien galt es, in der Produktion mitzuarbeiten, im Akkord Gurkengläser zu füllen oder Sauerkraut zu verarbeiten. "Die Erfahrung ist wichtig. Nur wenn du selbst weißt, wie schwer die Arbeit ist, kannst du Entscheidungen treffen."

Die Durach-Brüder haben beide Betriebswirtschaft studiert, bevor sie aber ins Familienunternehmen einstiegen, mussten sie ihre Praxiserfahrungen außerhalb machen. So schreibt es eine Familienverfassung vor. Michael ging zu Unilever und führte eine Verkaufseinheit bei Knorr. "Wenn du selbst Chefs hattest, weißt du, wie du behandelt werden willst", sagt Michael Durach. 1999 übergab der Vater ihm und seinem Bruder Stefan die Führung der Firma, es ist die vierte Generation des Unternehmens, das einst als Sauerkraut- und Gurkenproduzent begann und 1971 Develey Senf übernahm.

"Wir sind wie Yin und Yang"

Seit dem gleichen Jahr beliefert das Unternehmen McDonald's, damals eröffnete der Burger-Riese in München seine erste Filiale in Deutschland. Michael Durach findet, er und sein Bruder sind ein gutes Team, obwohl oder gerade weil sie so grundverschieden seien. Er selbst, der extrovertierte Marketingmensch, der Außenminister der Firma, wie er sagt, der Bruder der Finanzexperte, der Vertriebler, der Innenminister. "Wir sind wie Yin und Yang", sagt Durach. "In einer Fußballmannschaft wäre ich der Sturm und er der Verteidiger. Wir ergänzen uns und ziehen an einem Strang." Dabei sieht sich der Ältere der beiden, um beim Sport zu bleiben, nicht als Trainer, der am Rand steht, sondern als Spielertrainer, der notfalls auch mal ins Tor gehen kann.

Selbst war der drahtige Unterhachinger sportlich eher der Marathonläufer als der Fußballer. Bis die Knie nicht mehr mitmachten, da entdeckte er zunächst das Boxen als Ausgleich und er, als ihn auch hierbei Verletzungen ausbremsten, aufs Rad umstieg. Heute schwärmt er von seiner ersten Alpenüberquerung im vergangenen Sommer. Vier Tage Urlaub, vier Tage Kraft tanken. Mehr ist selten drin als Unternehmer. Dem Laufsport ist er in gewisser Weise treu geblieben. Seit zehn Jahren veranstaltet Develey mit dem TSV Unterhaching den Wohltätigkeitslauf "Run for Trees", die eine Hälfte der Einnahmen geht an "Plant for the Planet", die andere fließt in die Jugendarbeit des Vereins.

Durach will seine Heimatgemeinde unterstützen. "Haching ist mir eine Herzensangelegenheit", betont er. Deshalb sitze er auch für die CSU im Gemeinderat, das habe nichts mit Parteipolitik zu tun. Aber einfach nur Geld an Vereine spendet Develey nicht, darin sei man sich im Unternehmen einig. So sei eben die Idee mit dem Lauf entstanden. Am Anfang hätten die Vereinsvertreter Bedenken gehabt, ob eine solche Veranstaltung funktioniere. "Inzwischen haben wir tausend Teilnehmer", stellt Durach zufrieden fest und fühlt sich bestätigt: "Man muss einfach mal anfangen."

© SZ vom 30.12.2019/wkr

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