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Deutscher Pass:"Man fühlt sich so wie ein Weltmeister"

Rebecca Fischer wollte den gleichen Pass wie ihre Kinder: "Wir sind Deutschland" steht auf ihren Lebkuchenherzen.

(Foto: Claus Schunk)

Im vergangenen Jahr haben sich im Landkreis München so viele Menschen einbürgern lassen wie noch nie. Bei einem Empfang in Taufkirchen feiern sie ihre neue Staatsbürgerschaft.

Der Saal im Kultur- und Kongresszentrum Taufkirchen ist voll, auf der Bühne spielt eine Band. Die Stimmung ist gut, fast ein bisschen emotional bei den Neueingebürgerten und ihren Begleitern. Sie haben im vergangenen Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, und das wird an diesem Dienstagabend gefeiert. 500 Menschen sind zum Empfang für Neueingebürgerte gekommen, ein Rekord. Rekord ist auch die Zahl der Neueingebürgerten: Von März 2017 bis Ende April 2018 haben 780 Menschen im Landkreis München eine Einbürgerungsurkunde erhalten, gut 200 mehr als im Vorjahr.

Insgesamt sind 81 verschiedene Herkunftsländer vertreten. Sechs Prozent der Neueingebürgerten im Landkreis kommen aus Polen, jeweils vier Prozent aus Kroatien, der Türkei und Rumänien. Die größte Gruppe aber sind mit 16 Prozent die Briten. Eine von ihnen ist die Engländerin Ingrid Taylor, die in Taufkirchen eine Rede hält. Für die meisten der Briten ist der Brexit der Grund, warum sie sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden haben. So auch für Taylor.

Den deutschen Passt haben auch Meliha Majic aus Bosnien und Töchterchen Anna.

(Foto: Claus Schunk)

Im Januar 1974 verbrachte sie erstmals ein Semester in Deutschland. "Das war der gleiche Monat, in dem England Mitglied der Europäischen Gemeinschaft wurde", erzählt die heute 61-Jährige. Das wird nun bald vorbei sein. Die freiberufliche Übersetzerin reagierte nach eigener Aussage geschockt auf den Brexit. Danach folgte ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit: "Wir Briten in der EU und die EU-Bürger in UK fühlen uns wie Scheidungskinder: nicht informiert, nicht konsultiert und immer begleitet mit dem mulmigen Gefühl, dass es am Ende nicht gut gehen wird."

Gemeinsam wurde zum Abschluss die deutsche Nationalhymne gesungen.

(Foto: Claus Schunk)

Um dieses Gefühl zu bekämpfen, engagiert sie sich in der Gruppe "British in Bavaria", die Briten bei ihrer Einbürgerung unterstützt und auch Lobbyarbeit betreibt. Den Weg zur neuen Staatsbürgerschaft mit Sprachtest, Einbürgerungstest und viel Papierkram beschreibt Taylor mit einem Wort: lang. Überrascht sei sie vor allem über ihre eigene Emotionalität gewesen: "Es ist ein Aufatmen ohnegleichen, wenn man die Urkunde in den Händen hält." Oft fließen dann sogar Tränen auf dem Amt. Tamrat Abera, der ursprünglich aus Äthiopien kommt, erging es ähnlich: "Man fühlt sich so wie ein Weltmeister, der den Pokal in den Händen hält", sagt er.

Der Brexit ist der Grund für die gebürtige Engländerin Ingrid Taylor, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen.

(Foto: Claus Schunk)

Er ist aus politischen Gründen schon vor Jahrzehnten nach München gekommen. Rebecca Fischer, die in der französischen Karibik geboren ist und seit 1988 in Deutschland lebt, konnte es sich anfangs nicht vorstellen, Deutsche zu werden. Sie hatte nach der Geburt ihres vierten Kindes vor zehn Jahren bereits alle Unterlagen beantragt und sie dann aber doch nicht ausgefüllt. Ihr Mann ist Deutscher und ihre Kinder haben auch einen deutschen Pass. "Ich dachte mir, wenn wir verreisen und etwas passiert, könnten wir getrennt werden", erzählt die 51-Jährige, "davor hatte ich Angst."

Die Entscheidung, deutscher Staatsbürger zu werden, fällt vielen nicht leicht. Landrat Christoph Göbel (CSU) nennt sie daher die "bewussteren Staatsbürger", weil sie sich bewusst zu Deutschland bekennen. So auch Milos Malesevic, der heute auch als Musiker auf der Bühne steht. Der 50-Jährige lebt seit 1990 in München, mittlerweile in Unterföhring. Ursprünglich kommt er aus Slowenien. In jüngster Zeit war Malesevic mit der Politik in Deutschland nicht einverstanden. Deswegen beantragte er die Staatsbürgerschaft: "Ich will zur Wahl gehen. Ich lebe und arbeite schließlich hier und zahle meine Steuern." Nun könne er richtig dazugehören.

Ein bisschen Heimat-Kitsch gibt es auch noch: Gemeinsam singt man Bayernlied und Deutschlandhymne und die neuen Staatsbürger bekommen ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift "Wir sind Deutschland" umgehängt. Landrat Göbel spricht von einer bunten, vielfältigen Gesellschaft, die eine große Chance bedeutet. Am Ende spielt Malesevic noch "Imagine" von John Lennon.

© SZ vom 19.07.2018

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