Der Start ins Neue Jahr Palmwein und Champagner

Der Granatapfel ist eine Frucht mit Symbolkraft. Auf griechischen Inseln gehört es zur Tradition zu Neujahr, einen Granatapfel auf dem Boden zu zerschmettern. Das soll böse Energien vertreiben.

(Foto: imago/Westend61)

Mal ausgelassen fröhlich, mal besinnlich in der Kirche, jedes Land, teils sogar jede Region hat ihre eigenen Silvesterbräuche, wie ein Blick in Partnergemeinden zeigt. Und stets spielt das Essen dabei eine zentrale Rolle.

Von SZ-Autoren

Andere Länder, andere Sitten, das gilt gerade bei großen Festtagen wie Weihnachten und Neujahr, die doch recht unterschiedlich gefeiert werden. Hier einige Beispiele aus Partnergemeinden oder von partnerschaftlich verbundenen Menschen aus anderen Ländern.

Palmwein und Akpeteshie

Ein typisches Essen zu Silvester in Ghana ist Huhn mit Reis, doch wer die Möglichkeit hat, schlachtet zur Feier des Tages auch mal eine Ziege, berichtet Petra Halbig aus Unterschleißheim. Sie ist im Auftrag des Vereins "Friends without Borders" gerade in Ghana zu Gast und berichtet, wie dort in den Dörfern gefeiert wird, in denen sie sich aufhält. Hier laden sich die Familien gegenseitig ein. Dazu fließt reichlich Palmwein und ein Schnaps namens Akpeteshie, der ebenfalls aus Palmwein gemacht wird. Dazu werden vorher eigens Palmen gefällt, um genügend Wein herstellen zu können. Auch Dorfbewohner, die nun anderswo leben, kommen zu Silvester in ihre alte Heimat und werden dort freudig aufgenommen. Die Zusammenkünfte enden gegen 16 Uhr, schreibt Halbig.

Noch bis vor 50 Jahren sei es üblich gewesen, Silvester mit Trommelmusik und Tanz zu begehen. Heute gehen die Menschen eher in die Kirche. Der Gottesdienst beginnt um 21 Uhr und endet gegen Mitternacht, wenn die Glocken laut das neue Jahr verkünden. In der Kirche lassen die Menschen das alte Jahr Revue passieren und äußern auch ihre Wünsche für das neue Jahr, für das sie Gott um Schutz bitten. Aber es wird am Silvestertag auch der Vorfahren gedacht. "Ausgewählte Personen des Dorfes haben Kalebassen, gefüllt mit Palmwein in der Hand und verteilen den Palmwein auf dem Boden", schreibt Halbig. Bei jedem Verschütten werde ein Dank an die Vorfahren ausgesprochen. Am Neujahrstag kommen die Gläubigen erneut um 9 Uhr zum Gottesdienst, danach kochen und essen die Menschen in großer Runde gemeinsam. Auf der Speisekarte steht Reis.

Stolitschniy unterm Tannenbaum

"In Russland ist Silvester viel wichtiger als Weihnachten", sagt Natalia Häuser. Die Russin lebt seit fast 22 Jahren in Deutschland, wohnt in Ottobrunn und hat früher als Russischlehrerin am Gymnasium Neubiberg den Austausch mit der Partnerstadt Tschernogolowka in Russland organisiert. Grund für die andere Gewichtung der Feste ist, dass - wie in manchen anderen orthodoxen Ländern - in Russland der Julianische Kalender angewendet wird und danach Weihnachten erst auf den 6. und 7. Januar fällt. "Silvester ist die Feier, bei der die Kinder Geschenke bekommen", erzählt Häuser. Die Familie ist beisammen, es gibt ein Festessen. Da kommen traditionelle Speisen wie der Salat Stolitschniy aus Zutaten wie Kartoffeln, gekochten Eiern, Erbsen und Lyoner auf den Tisch. Der geschmückte Tannenbaum steht im Wohnzimmer. Schon vor 24 Uhr fängt die Festgesellschaft an, anzustoßen. "Wir verabschieden das alte Jahr und trinken darauf, was gut war, und verabschieden uns von dem, was schlecht war", sagt Häuser. Wie an so vielen anderen Orten wird auch in Russland um 24 Uhr mit einem Feuerwerk das neue Jahr begrüßt und mit Sekt oder Champagner angestoßen. Und wer will, feiert am 13. Januar noch einmal das - alte - neue Jahr. Dann nämlich ist nach dem alten, Julianischen Kalender Neujahr.

Tanzende Puppe

Dass die Italiener zu Silvester rote Unterwäsche tragen, weil das Glück bringen soll, ist ja bekannt. In Kirchheims Partnergemeinde Caramanico Terme in Italien gibt es aber noch einige weitere Bräuche. Das Fest beginnt dort eigentlich schon einen Tag vorher am 30. Dezember. Da treffen sich die Bürger in den sogenannten Cantinas, also den Weinkellern der Stadt. Es gibt dann eine Brotzeit, die Menschen können den Wein probieren. An Silvester selbst kommen die Menschen, wie es sich in Italien gehört, zu einem guten Essen zusammen.

Und dann findet um 0.45 Uhr auf dem Dorfplatz noch ein besonderes Spektakel statt: Il ballo della pupa, der Tanz der Puppen. Die Puppe ist eine weibliche Figur aus Pappmaché und in ihr versteckt sich eine Person. Es wird Musik gespielt, die Puppe beginnt zu tanzen. An ihr sind lauter kleine Feuerwerke angebracht, die nach und nach angezündet werden. Erst wenn alle Lichter ausgegangen sind, hört die Puppe auf zu tanzen. Ob der ballo della pupa auch dieses Jahr stattfinden würde, war bis zuletzt nicht klar. Denn wie in ganz Italien ist auch in Caramanico Terme das Geld knapp.

Schneewittchens Großvater

Am 1. Januar stehen die ukrainischen Kinder schon früh morgens auf, um nachzusehen, welche Geschenke Did Moros ihnen gebracht hat. Väterchen Frost kommt zusammen mit seiner Enkelin, Schneewittchen, auf einem Schlitten, der von Pferden gezogen wird. Als Symbole des Neujahrs finden sich ihre Figuren auch häufig unter dem Weihnachtsbaum, der am 30. Dezember aufgestellt wird, beschreibt Wasilina die Vorbereitungen der Neujahrsfeierlichkeiten. Sie ist Deutschlehrerin im Rayon Baryschiwka in der Ukraine, etwa 70 Kilometer östlich von Kiew. Auch die Straßen und Kaufhäuser der Partnergemeinde von Pullach sind geschmückt.

Zu Zeiten der Sowjetunion war es verboten, christliche Feste zu feiern und so wurde Silvester zum wichtigsten Fest des Jahres. Auch heute steht das nach dem julianischen Kalender erst sieben Tage später stattfindende Weihnachtsfest in seinem Schatten. Eine traditionelle Festtagsspeise am Silvesterabend ist Salat "Oliwje": kleingeschnittenes Rindfleisch, hartgekochte Eier, Karotten und Erbsen werden mit Mayonnaise angemacht. Bevor Punkt Zwölf mit Sekt angestoßen wird, hören die Familien der Neujahrsbegrüßung des Präsidenten der Ukraine zu. Auf den Straßen wird bis in die frühen Morgenstunden viel gesungen und getanzt, vom vielen Feuerwerk knallt und dröhnt alles.

Granatapfel und böse Energien

Feuerwerk gibt es auf Leros in Griechenland nicht, um das neue Jahr zu begrüßen. Dafür einige andere Bräuche, auf die die Bewohner der griechischen Insel, Partnergemeinde von Aschheim, Wert legen. Ganz wichtig ist es etwa, dass der erste, der nach dem Jahreswechsel das Haus betritt, dies mit dem rechten Fuß tut, so berichtet Eleftheria Poliezou. Sie stammt aus Leros und arbeitet seit 2012 im Kinderhort der Gemeinde Aschheim. Dabei soll er einen Stein in der Hand halten, damit das Haus nicht beschädigt wird; außerdem ein Heiligenbild, auf dass der Heilige den Bewohnern des Hauses im kommenden Jahr Kraft schenke. Der erste Besucher des Hauses trägt zudem einen Granatapfel in der Hand. Diesen wirft er so kräftig auf den Boden, dass er in möglichst viele Stücke zerspringt - so sollen böse Energien zerschlagen werden.

Rote Unterwäsche als Glücksbringer zu Silvester zu tragen gehört zur Tradition in Italien dazu.

(Foto: dpa)

Traditionell gibt es in der Familie zum Jahreswechsel außerdem einen Kuchen, in dem eine versteckte Münze mitgebacken wird. Am Neujahrstag wird der Kuchen aufgeschnitten und jedes Familienmitglied nimmt sich ein Stück: erst der Vater, dann die Mutter, die Kinder und die Verwandten. Derjenige, der das Stück mit der Münze erwischt, ist im neuen Jahr Glücksbringer für die ganze Familie.

Schreier und Süßigkeiten

Halloween-Kritiker würden sofort tauschen. Endlich keine Kinder, die als Monster verkleidet vor der Haustür stehen und krakeelend fordern: Süßes oder Saures. Vielmehr sagen diese Kinder Verserl auf und bringen es sogar noch singend zu Gehör. Wie der Kulturreferent der Gemeinde Ahrntal in Südtirol, Thomas Innerbichler, erzählt, ziehen diese Kinder an Neujahr tatsächlich von Haustür zu Haustür und rufen in mehr oder weniger melodischem Tonfall "Wir wünschen Euch ein glückseliges, freudenreiches neues Jahr, Glück und Segen das ganze Jahr". Dass beim sogenannten Neujahrsschreien in den Orten in dem in den Dolomiten gelegenen Sonnental, die mit Haar eine Partnerschaft pflegen, auch ohne Androhung Süßes in die Stofftaschen wandert, ist sonnenklar. Wobei vereinzelt heute auch schon Geld gegeben wird.

Ein weiterer Brauch ist das Raachon an Heiligabend, am Silvesterabend und am Abend vor Dreikönig. Dabei zieht die gesamte Familie betend durch die Räume von Haus und Hof. Der Vater trägt den Kessel mit der Glut, in die geweihte Kräuter und etwas Weihrauch, häufig von den Sternsingern, gestreut werden. Ein Familienmitglied trägt Weihwasser mit sich und besprengt die Räume. Am Stefanstag, 26. Dezember, und am Dreikönigstag wird in allen Pfarreien Südtirols Wasser geweiht, das zum Besprengen des Hauses verwendet wird. Am 27. Dezember findet in den meisten Pfarreien die Segnung des Johannes-Weins statt. Und am Festtag der "Unschuldigen Kinder", 28. Dezember, werden in einigen Pfarreien Kinder gesegnet. Überliefert ist der Brauch des Neujahrs-Sagens, demnach das Patenkind seinem Paten bis zum Dreikönigstag Glückwünsche zu überbringen hat. Aufzusagen: der Spruch der Neujahrsschreier.

Party mal zwei

In Ungarn ist Weihnachten das Stress- und Silvester das Party-Fest - endlich leichtsinnig und ausgelassen sein! Die Ungarn lieben es, die Hoffnung aufs neue Jahr zu feiern, auf dass alles ganz anders, nämlich viel besser wird. Und weil die Vorfreude die schönste Freude ist, feiern sie Silvester zweimal, am 29. und am 31. Dezember. So wie Krisztina Arnold, 39. Sie lebt in Zengöalja, das ist die Partnerstadt von Unterschleißheim, im Süden Ungarns. An Feiertag Nummer Eins ging sie, wie es Sitte ist, strahlend-schick und apart ins Ballhaus, sie tanzte in Sixtieskleid und Stilettos zu Rock'n Roll. An Silvester selbst machen die Ungarn keinen Aufriss, der Stil ist leger, da wählt sie als Klamotte Stretch statt Satin und tanzt mit den Freunden zu Folklore im Keller. Speise-Klassiker sind Würstchen mit Senf und Linsen, die sollen das große Geld bringen. Sind Mitternacht und Countdown gezählt, geht's mit selbstgebastelter Papier-Trompete tutend von Tür zu Tür, jedem Nachbarn wünscht man "frohes neues Jahr". Noch bis zum 6. Januar heißt es statt "guten Tag" "frohes Jahr" und die Leute laden einander ein. Champagner fließt zwar keiner mehr, aber eine Einladung "auf eine Tasse Kaffee" ist weiter drin.

Hummer und Pastete

Wenn Gott es sich gerne so richtig gut gehen ließe, würde er den Silvesterabend zweifellos in Mougins verbringen. Ob im kleinen Kreis oder bei einer Party: In Aschheims Partnerstadt steht das Fest ganz im Zeichen des guten Essens. Es gibt zum Beispiel Austern, Gänseleberpasteten, gefüllte Hummer und Lachs, aufgetischt in mindestens fünf bis sechs Gängen, denn Franzosen nehmen sich bekanntlich gerne Zeit für ihre Delikatessen. Zum Fest gehören außerdem Cotillon-Artikel, also bunte Partyhüte aus Papier, Luftschlangen oder Pfeifen und natürlich prickelnder Champagner. Ob man damit auch um Schlag Mitternacht anstößt, ist nicht gesagt: In der großen Schlemmerei geht der Jahreswechsel leicht unter, anders als in Deutschland wird man nämlich nicht durch laute Knallerei darauf hingewiesen. In Frankreich ist es verboten, privat ein Feuerwerk zu zünden, und auch Restaurants brauchen dazu eine Sondergenehmigung, deshalb richtet zumeist die Stadt oder Gemeinde ein öffentliches Feuerwerk aus. Nach dem Silvester-Mahl geht es am 1. Januar direkt weiter: Das neue Jahr in Mougins startet traditionell mit einem großen, gemeinsamen Brunch.