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Denkmalschutz:"Plunder" aus der Nazizeit

Das Denkmalamt stuft die ehemalige Polizeikaserne in Haar als schutzwürdig ein. Im Gemeinderat ruft das bei CSU wie SPD zum Teil empörte Reaktionen hervor. Alfons Meindl würde den Bau am liebsten abreißen lassen

Von Bernhard Lohr, Haar

Die Entscheidung des Landesamts für Denkmalpflege, die aus der NS-Zeit stammende frühere Polizeikaserne an der Wasserburger Straße auf die Liste der zu schützenden Denkmäler zu setzen, ist in Haar kontrovers aufgenommen worden. Die CSU stellte im Gemeinderat die historische und künstlerische Bedeutung des Baus in Frage und beklagte, dass Denkmalschutzauflagen künftige Entwicklungen auf dem Gelände verhindert würden. Alfons Meindl von der SPD erhielt Beifall für seine Forderung, den "Plunder" wegzureißen. Denkbar knapp, mit einer Stimme Mehrheit, erteilte der Gemeinderat sein Plazet zur Entscheidung der Behörde.

Über viele Jahre hatte die ehemalige Gendarmerie-Kaserne in Unterhaar trotz ihrer großen Ausmaße kaum jemand auf dem Schirm. Der Bundesnachrichtendienst betrieb dort seit den Achtzigerjahren eine Fachhochschule, was allenfalls hinter vorgehaltener Hand thematisiert wurde. Als der Geheimdienst Ende 2018 seine Ausbildungsstätte nach Berlin verlegte, versuchte die Gemeinde, die Immobilie zu kaufen und städtebaulich zu entwickeln. Schließlich gibt es in Unterhaar Klagen über fehlende Infrastruktur wie Läden. Doch der Bund erklärte, die Gebäude würden als Reserveflächen zurückgehalten, um bei Bedarf Bundeseinrichtungen unterbringen zu können.

Fachhochschule des Bundes für Öffentliche Verwaltung in Haar, 2013

Der Kasernenbau in Unterhaar wurde zwischen 1937 und 1939 für eine motorisierte Gendarmerie-Bereitschaft errichtet.

(Foto: Angelika Bardehle)

Auf Anregung von Kreisheimatpfleger Rolf Katzendobler prüfte das Landesamt für Denkmalpflege die Schutzwürdigkeit des Kasernenbaus. Nach einer Begehung im Sommer kam die Behörde zu dem Schluss, dass diesem NS-Bau geschichtlich, aber auch künstlerisch Bedeutung zukommt, wobei der zuständige Oberkonservator dem Gebäude ausdrücklich "wenig Fassadendekor" attestierte und auch eine zurückhaltende Architektur.

CSU-Fraktionssprecher Dietrich Keymer griff das auf und führte Bedenken an. Die sinnvolle Nutzung der Kaserne werde "erheblich erschwert". Auch habe er angesichts der dürren Begründung des Denkmalamts Zweifel an deren künstlerischen Wert. Eine besondere geschichtliche Bedeutung sei nicht zu erkennen. Man könne nicht jedes Gebäude erhalten, nur weil es aus der NS-Zeit stamme. SPD-Gemeinderat Meindl sagte, er sei entschiedener Gegner jeglicher Form des Totalitarismus und es sei wichtig, die Verbrechen des Nationalsozialismus in Erinnerung zu behalten. Doch dieses Gebäude habe in der NS-Zeit keine herausragende Bedeutung gehabt. Es erzähle nichts und könne keinen Beitrag leisten zur Aufarbeitung der Historie. "Es ist stumm." Die Verantwortung, die NS-Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, liege bei den Menschen. Die müssten davon berichten. Das Gebäude könne seiner Meinung nach weg.

Dem hielt Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) entgegen, dass sie auf die Expertise der Fachbehörde vertraue. Es handle sich um ein das Ortsbild prägendes Gebäude. Ohne die frühere Heil- und Pflegeanstalt, in der in Zuge der so genannten Euthanasie Patienten ermordet wurden, zu erwähnen und das frühere HJ-Heim, in dem sich heute an der Ebertstraße das Gesundheitszentrum der Volkshochschule befindet, sagte Müller, dass die Kaserne wie andere Gebäude aus der NS-Zeit in Haar an die dunkelste Phase der deutschen Geschichte erinnerten. Die Kaserne gehöre in "diese Kategorie". Auch Mike Seckinger (Grüne) sprach sich für den Erhalt aus.

Kriegsbeginn am Einzugstermin

Der lang gezogene Kasernenbau in Unterhaar wurde zwischen 1937 und 1939 für eine motorisierte Gendarmerie-Bereitschaft errichtet. Diese neuen Ordnungspolizei-Einheiten waren 1936 aus Feldjägerkorps der SA gebildet worden und für die Überwachung des Verkehrs auf den Landstraßen und Reichsautobahnen zuständig. Das Aufgabengebiet der Gendarmerie-Bereitschaft wäre vergleichbar mit der heutigen Autobahnpolizei gewesen.

Doch der just für den 1. September 1939 vorgesehen Einzug der neuen Einheit in Haar kam wegen des an diesem Tag von NS-Deutschland vom Zaun gebrochenen Kriegs gegen Polen nicht zustande. Stattdessen kamen in Haar verschiedene Einheiten der Münchner Polizei unter. Von Herbst 1940 bis Kriegsende befand sich in dem Bau eine Schule für Verwaltungsbeamte der Ordnungspolizei. Von 1942 an waren dort als Küchenhilfen auch Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion eingesetzt. Nach Kriegsende fanden Vertriebene eine provisorische Unterkunft, später nutzte der Bundesgrenzschutz und dann der Bundesnachrichtendienst die Kaserne. Seit dessen Wegzug vor einem Jahr steht die Immobilie leer. belo/Foto: Bardehle

Wichtig wäre seiner Meinung nach aber, diese Immobilie für die Bevölkerung mehr zu öffnen. Seckinger regte an, deshalb mit der Bundesimmobilienverwaltung in Kontakt zu treten. Aktuell befindet sich die frühere Kaserne, deren künftige Nutzung vollkommen offen ist, in einem schlechten baulichen Zustand. "Die ist fertig, marode", sagte Andrea Weber (CSU), die dort jahrelang gearbeitet hatte.

© SZ vom 04.12.2019
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