Denkmalschutz:Identität in Holz und Beton

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Viele Gemeinden im Münchner Umland drohen im Bauboom ihr Gesicht zu verlieren. Doch noch gibt es alte Bauernhöfe, prägende Industriebauten und bemerkenswerte moderne Gebäude, die sich aus dem Einerlei hervorheben. Kreisdenkmalpfleger Rolf Katzendobler kämpft um dieses bedrohte Erbe - mit unterschiedlichem Erfolg.

Von Irmengard Gnau

Es löste eine heftige Diskussion in der Gemeinde Haar aus, als Ende 2019 bekannt wurde, dass das Landesamt für Denkmalpflege die ehemalige NS-Polizeikaserne und langjährige Fachhochschule des Bundesnachrichtendienstes an der Wasserburger Straße auf die Denkmalschutzliste aufgenommen hatte. Mancher Kommunalpolitiker hätte den Ende der 1930er Jahre errichteten Kasernenbau lieber niedergerissen und auf dem Areal Neues gebaut.

Rathaus in Gräfelfing, 2017

Das Rathaus in Gräfelfing ist ein Produkt der Moderne.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Für Rolf Katzendobler hingegen war die Aufnahme des Gebäudes auf die Liste ein Erfolg. Seit 2018 fungiert der Architekt und Stadtplaner aus Grasbrunn als Kreisdenkmalpfleger und setzt sich im gesamten Landkreis dafür ein, dass ortsbildprägende und geschichtsträchtige Gebäude erhalten bleiben. Zehn Einzelgebäude und drei Ensembles im Landkreis sind während seiner Amtszeit bereits neu auf die Liste aufgenommen worden. Für andere hingegen kam der Schutz zu spät.

Als Katzendobler vom Unterföhringer Ortschronisten auf die alte Ziegelei Stöhr am Ort aufmerksam gemacht wurde, war das Gebäude von außen noch vollständig erhalten. Der Gewerbebau mit Holzfachwerkfassade, Ziegeln und einer seitlichen Rampe, auf welcher die Loren mit Lehm hinaufgerollt wurden, war "eines der letzten Zeugnisse der Ziegelproduktion im Münchner Osten", aus deren Ziegeln auch große Teile der Stadt München entstanden sind, wie Katzendobler erzählt. War - denn das Engagement des Kreisdenkmalpflegers wurde in diesem Fall nicht belohnt.

Die Gemeinde als Besitzerin ließ die Ziegelei 2020 abreißen, weil sie auf dem Gelände einen Sportpark errichten wollte. Unweit an anderer Stelle war Katzendobler erfolgreicher: Sowohl ein Arbeiterhaus aus dem Jahre 1926, in dem wohl während der Bauarbeiten für den Isarkanal Vorarbeiter lebten, als auch das Wohnhaus eines sogenannten Lehmbarons "Beim Fuchs" in Unterföhring blieben erhalten und stehen heute auf der Denkmalschutzliste.

Denkmalschutz: Rolf Katzendobler ist Denkmalschutz ein Anliegen.

Rolf Katzendobler ist Denkmalschutz ein Anliegen.

(Foto: Claus Schunk)

1973 ist das Bayerische Denkmalschutzgesetz in Kraft getreten. Es setzt den Wert fest für "von Menschen geschaffene Sachen oder Teile(n) davon aus vergangener Zeit, deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt". Damit nimmt das Gesetz auch die Eigentümer in die Pflicht: "Die Eigentümer und die sonst dinglich Verfügungsberechtigten von Baudenkmälern haben ihre Baudenkmäler instandzuhalten, instandzusetzen, sachgemäß zu behandeln und vor Gefährdung zu schützen, soweit ihnen das zuzumuten ist." Um den letzten Halbsatz gibt es häufig Diskussionen. Zumal wenn Nachkommen ein altes und möglicherweise schützenswertes Haus erben, sehen sich diese eher finanziell unter Druck und womöglich eingeschränkt in der Nutzung. Steht ein Gebäude einmal auf der Denkmalliste, bedarf es für jede Veränderung einer Genehmigung.

Sensibler Umgang mit den Eigentümern

Katzendobler ist diese Problematik bewusst. Der Kreisdenkmalpfleger plädiert für ein gutes Miteinander mit den Eigentümern, die ja auch die Bauherren sind, wenn es um Sanierungsarbeiten geht. "Die Denkmalpflege geht heute wesentlich sensibler vor, als man das früher getan hat", sagt er. Man biete heute viel Beratung an, suche den Kompromiss mit den Bauherren - beispielsweise Fenster nach außen in der alten Form und Struktur zu belassen, sie nach innen hin aber modern abzudichten. "Der Bauherr soll auch zufrieden sein", sagt Katzendobler. "Er muss ja schließlich mit dem Gebäude leben." Im Landkreis habe er in den vergangenen drei Jahren sehr engagierte Bauherren erlebt, die es positiv aufgenommen hätten, wenn ihre Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurden, sagt Katzendobler. Im Sauerlacher Ortsteil Arget etwa haben die neuen Eigentümer jüngst einen alten Bauernhof mit Baujahr 1646 mit viele Einsatz saniert.

So viel Engagement soll auch belohnt werden, findet der Denkmalpfleger. Bauherren können vor dem Beginn von Instandsetzungs- oder Erhaltungsarbeiten Zuschüsse beim Landratsamt als unterer Denkmalschutzbehörde oder dem Landesamt für Denkmalpflege beantragen; auch manche Kommunen und Bezirke haben ein Budget für solche Projekte. Für besonders schwierige Fälle hat der Freistaat Bayern einen Entschädigungsfonds ins Leben gerufen. Außerdem verfügt der Landkreis seit 2017 über einen Geldtopf, aus dem er jedes Jahr finanzielle Anerkennungen für besonders gelungene Denkmalpflege an Bauherren vergibt.

Wenn ein Eigentümer, Heimatforscher oder auch Nachbar der begründeten Ansicht ist, ein Gebäude sei als Denkmal schützenswert, können sie sich an Katzendobler wenden. Der Kreisdenkmalpfleger nimmt das Objekt dann in Augenschein und verständigt, wenn er eine Denkmalwürdigkeit erkennt, das Landesamt für Denkmalpflege, um die Eigentümer auszumachen und das jeweilige Gebäude gemeinsam zu besichtigen. Dabei diskutieren die Experten unter anderem, inwieweit ein Gebäude noch in bauzeitlichem Zustand ist, also etwa Fenster, Türen oder Treppenhaus noch so erhalten sind, wie sie einst erbaut wurden. Ist dies der Fall, erhöht das die Chancen, dass das Gebäude auf die Denkmalschutzliste aufgenommen wird. "Entscheidend ist oft auch der historische Aspekt", sagt Katzendobler.

Welche Bedeutung hatte ein Gebäude für den Ort oder den Landkreis? Haben sich dort womöglich weitertragende Ereignisse abgespielt? Insgesamt ist es Katzendoblers Ziel, die ganze Vielfalt des Lebens im Landkreis abzubilden, Landwirtschaft, Handwerk und Industrie ebenso wie urbane Strukturen; Spuren aus längst vergangenen Jahrhunderten, aber ganz bewusst auch die NS-Zeit und die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ehemalige Polizeikaserne Haar

Denkmalschutz: Die ehemalige Kaserne in Haar ist seit kurzem erst Denkmal

Die ehemalige Kaserne in Haar ist seit kurzem erst Denkmal

(Foto: Claus Schunk)

Der lang gezogene Kasernenbau in Unterhaar wurde zwischen 1937 und 1939 für eine motorisierte Gendarmerie-Bereitschaft errichtet, die den Verkehr auf den Landstraßen und Reichsautobahnen überwachen sollte. Zum Einzug der neuen Einheit in Haar kam es jedoch wegen des Einmarschs von NS-Deutschland in Polen nicht. Stattdessen wurden in Haar verschiedene Einheiten der Münchner Polizei stationiert. Von Herbst 1940 bis Kriegsende befand sich in dem Bau eine Schule für Verwaltungsbeamte der Ordnungspolizei. Nach Kriegsende fanden Vertriebene in der Kaserne eine provisorische Unterkunft, später nutzte der Bundesgrenzschutz das Gelände. Schließlich bezog der Bundesnachrichtendienst die Kaserne und richtete eine Fachhochschule ein. Mit dem Wegzug des BND nach Berlin wurde die Schule 2017 geräumt. Die Gemeinde Haar hatte mit Plänen für das Gelände geliebäugelt, doch die Gebäude sind bis heute als Reserveflächen in der Hand des Bundes. Zurzeit wird dort das Impfzentrum Haar betrieben.

Abgerissene Ziegelei Stöhr in Unterföhring

Unterföhring Ziegelei Stöhr

Die Ziegelei musste dem Sportpark Unterföhring weichen.

(Foto: privat)

Der Bauunternehmer Karl Stöhr ließ die Ziegelei 1922 südlich der Mitterfeldallee errichten. Der Betrieb arbeitete nach damals modernstem Standard und brannte jedes Jahr in einem Zick-Zack-Ofen mehrere Millionen Ziegel. In den 1960er Jahren wurde der Betrieb eingestellt. Die Gebäude mit der Holzfachwerkfassade gingen schließlich in den Besitz der Gemeinde Unterföhring über. 2020 ließ die das Gebäude abreißen; auf dem Gelände war ein großer Sportpark mit Schwimmbad geplant - dem der Gemeinderat jedoch angesichts der Haushaltslage zunächst eine Absage erteilt hat.

Wohnhaus "Beim Fuchs" in Unterföhring

Altes Bauernhaus, Unterföhring, Beim Fuchs, Münchner Straße 63

Gusseiserne Balkone zieren das Haus „Beim Fuchs“ in Unterföhring.

(Foto: Florian Peljak)

Das um die Jahrhundertwende entstandene, prächtige Wohnhaus, ein zweigeschossiger Satteldachbau mit Halbgeschoss und Zwerchhaus, gehörte einem Unternehmer in der Lehm- und Ziegelbranche. Aufwendige Bemalungen, geschnitzte Haustüren, gusseiserne Balkone, verzierte Öfen und eindrucksvolle Gewölbebauten etwa im ehemaligen Kuhstall lassen auf die Wohlhabenheit der einstigen Besitzer schließen. Nachkommen haben das Haus zuletzt umfangreich saniert und angebaut; seit 2020 ist die Sanierung beendet, nun sollen dort Start-ups einziehen.

Rathaus Gräfelfing

Rathaus in Gräfelfing, 2017

Das Rathaus Gräfelfing prämierte 1969 der Bund der Architekten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der 1966/67 vollendete Verwaltungssitz der Gemeinde Gräfelfing nach Plänen der Architekten Werner Böninger und Peter Biedermann gilt als Beispiel für die moderne architektonische Strömung des "Brutalismus". Der Begriff geht auf das französische "béton brut" zurück, wie der französisch-schweizerische Architekt Le Corbusier seinen Einsatz von blankem Beton bezeichnete. Das Rathaus zeichnet sich durch klare geometrische Formen, indirekte Beleuchtung und eben viel Sichtbeton aus. Seit 2020 steht das Gebäude auf der Denkmalschutzliste.

Bauernhof "Beim Mangschuster" in Sauerlach

Denkmalschutz: Beim „Mangschuster“ in Arget wurden die Balkone nachkoloriert

Beim „Mangschuster“ in Arget wurden die Balkone nachkoloriert

(Foto: Claus Schunk)

Der Hof an der Holzkirchner Straße im Sauerlacher Ortsteil Arget stammt aus der Zeit Ende des 30-jährigen Krieges. Den Wohnteil des ehemaligen Bauernhofes, ein zweigeschossiger Putzbau mit geschlepptem Satteldach, umlaufender Laube und verbretterter Giebellaube, ließen die neuen Eigentümer mit großer Umsicht restaurieren. Unter anderem wurden die Holzfassade und die Balkone möglichst originalgetreu nachkoloriert.

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