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Coronavirus:Verordneter Kontaktmangel

AWO-Seniorenzentrum Bürgerstift Ismaning, Münchener Straße 41, 85737 Ismaning: Einweihungsfeier

Besucher dürfen derzeit nicht ins Ismaninger Bürgerstift, und auch die Bewohner müssen getrennte Wege gehen.

(Foto: Florian Peljak)

Wie das Bürgerstift Ismaning den Alltag im Pflegeheim trotz positiver Corona-Tests und Besuchsverbots organisiert

Die Situation ist für alle gleichermaßen belastend: für die Bewohner, für das Personal, für die Heimleitung und natürlich für die Angehörigen. Seit in der vergangenen Woche im Ismaninger Bürgerstift, einem vom Bezirksverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) betriebenen Seniorenheim, das Coronavirus angekommen ist, zwei Bewohner in Folge von Covid-19 gestorben sind, eine ganze Station unter Quarantäne steht, Mitarbeiter in häusliche Isolation geschickt worden sind, ist die Sorge groß. Bei elf Bewohnern und zehn Beschäftigten fiel das Ergebnis eines Corona-Tests positiv aus.

Für die Senioren in der beschützten Abteilung, allesamt dement, hat sich der Alltag grundlegend geändert. Pflegekräfte in Schutzmontur kümmern sich um die alten Menschen - und es ist nur zu erahnen, wie groß der Schrecken bei den einzelnen Kranken sein mag, die Helfer in solcher Bekleidung, mit Atemmasken und Brillen zu sehen. Als vor mehr als einer Woche die ersten Infektionen aufgetreten sind, wurden alle Bewohner und Mitarbeiter des Hauses getestet. Ärzte und Feuerwehrleute sowie Mitarbeiter des Gesundheitsamtes sind gekommen, um Abstriche zu nehmen. Die damit verbundene Hektik in der Einrichtung dürfte die alten Menschen beunruhigt haben. Wie wohl auch der Umstand, dass die eine oder andere Pflegekraft von jetzt auf gleich wegen eines positiven Tests nach Hause geschickt wurde. Plötzliche Veränderungen erschweren das Leben mit Demenz. Wenn das Gewohnte auf einmal anders ist, Dinge sich wandeln, dann ist das für Betroffene nur schwer auszuhalten.

Tobias Gruber, der Leiter des Bürgerstifts in Ismaning, ist seit Auftreten der Infektionen in seinem Haus vor allem damit beschäftigt, die Notlage zu meistern - "als Teil eines Krisenmanagements muss sich Sicherheit ausstrahlen und beruhigen", sagt er am Telefon. Ein persönliches Gespräch oder gar ein Treffen in der Senioreneinrichtung ist nicht möglich. Für niemanden, auch für die Angehörigen von Bewohnern nicht. Seit dem 13. März, also sechs Tage vor Inkrafttreten der staatlichen Verordnung, gilt in dem Heim ein strenges Besuchsverbot. Wie das Virus ins Bürgerstift gelangt ist, darüber rätselt nicht nur Gruber. Auch die Gesundheitsbehörden stehen vor einem Rätsel.

Der 39-jährige Gruber leitet das Bürgerstift seit 2016. In einer solchen Situation wie der aktuellen seien für ihn Kommunikation und Transparenz das oberste Gebot, und das auf allen Ebenen. Natürlich seien alle besorgt, sagt Gruber, dennoch: "Das Haus ist zusammengerückt, jeder unterstützt jeden, alle unterstützen einander so gut es geht." Doch gerade für demenzkranke Menschen stelle der veränderte Ablauf eine große Herausforderung dar: So sei es sehr schwierig, ihnen zu erklären, warum der Alltag nun anders sei, sagt Gruber. Wichtig sei, ihnen behutsam zu begegnen, sie nicht zu überfordern.

Allerdings erforderten auch die Gespräche mit den noch rüstigen Bewohnern im Seniorenzentrum Fingerspitzengefühl. Für sie hat sich das Leben im Bürgerstift ebenfalls geändert. Davon abgesehen, dass sie schon seit Wochen keine Besucher mehr empfangen dürfen, können sie sich nicht mehr frei bewegen - im Haus und auch draußen. Die Aufenthaltsbereiche im Bürgerstift wurden getrennt, und zum Luft schnappen ist nur noch der Weg auf den eigenen Balkon, die Dachterrasse oder den geschützten Innenbereich möglich. Freilich nur einzeln, wie Gruber sagt. Er ist nach eigenen Angaben froh darüber, dass es bei den Bewohnern großes Verständnis für die Lage gibt. Aber viele von ihnen machten sich große Sorgen auch um das Personal, berichtet der Heimleiter. Es gelte die Menschen zu beruhigen. Zusammen mit seinen Kollegen versucht Gruber, den verordneten Kontaktmangel für die Bewohner so gering wie möglich zu halten. So werden gemeinsam mit ihnen die Angehörigen angerufen oder Briefe geschrieben. Ein Tabletcomputer, mit dessen Hilfe die Senioren mit ihren Liebsten daheim skypen können, ist angekommen und soll in Betrieb genommen werden. "Dann können sich die Menschen endlich wieder sehen." Zumindest am Bildschirm. Oder durchs Fenster, wenn die Angehörigen den Bewohnern aus dem nahen Schlosspark zuwinken.

Auf der vom Coronavirus betroffenen Station ist es den Mitarbeitern ebenfalls ein großes Anliegen, die Bewohner nicht nur pflegerisch und medizinisch bestmöglich zu versorgen. "Ich bin dort jeden Tag in Schutzkleidung unterwegs, spreche viel, höre zu, bin einfach da", sagt Gruber voller Verve. Woher er selbst die Kraft schöpft? "Aus dem Zusammenhalt im Haus, von der großen Unterstützung aus der Bevölkerung in Ismaning und der Hilfe, die uns die Gemeinde gibt", antwortet der Heimleiter.

Freilich aber gibt es auch Augenblicke, wo der engagierte Bürgerstift-Chef an seine Grenzen gerät. Vor allem der Mangel an Schutzausrüstung treibt ihn wie alle seiner Kollegen in den Alten- und Pflegeheimen enorm um. "Gott sei dank" habe man in Ismaning noch genug, sagt Einrichtungsleiter Tobias Gruber. Alles aber aus den Beständen der Arbeiterwohlfahrt und zu 95 Prozent über eine eigene Beschaffung, denn vom Katastrophenschutz sei erst eine einzige Lieferung im Bürgerstift angekommen.

© SZ vom 04.04.2020

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