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Studieren in Zeiten von Corona:Vorlesung per Video

Wird im neuen Semester leer bleiben: Hörsaal der TU in Garching.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Angesichts der Corona-Krise wird das Sommersemester an der Technischen Universität in Garching ausschließlich digital ablaufen. Eine Verlängerung des Studienhalbjahres bis 7. August ist im Gespräch. Problematisch ist die Situation für die Forschung - die liegt auf Eis.

Der Professor allein im Hörsaal, die Studierenden zu Hause vor dem Computer - so könnte Studieren künftig laufen. Die Weichen sind gestellt, das Sommersemester 2020 an der Technischen Universität München (TU) wird wegen der Corona-Pandemie zunächst rein digital angeboten. "Wir sind der Meinung, das Sommersemester soll regulär stattfinden", sagt dazu der Sprecher der TU, Ulrich Marsch. Zehntausende von jungen Menschen erst später ins Berufsleben zu schicken, "das halten wir nicht für vertretbar". Deswegen laufen gerade die Arbeiten für die Umstellung auf die digitale Lehre auf Hochtouren.

Marsch nennt noch einen anderen Grund, warum es so wichtig sei zu demonstrieren, dass Studieren auch online funktioniert. Es gehe nicht an, dass Deutschland und insbesondere die Wissenschaftsstandorte ein Bild vermittelten, als wäre man "nicht in der Lage, solche technologieintensiven Themen zu stemmen". Die TU jedenfalls gebe "Vollgas", sie müsse auch nicht bei Null anfangen. "Jeder Dozent ist gefragt, das zu organisieren", sagt Marsch.

Was das bedeutet, erklärt Manfred Hajek, Studiendekan der Fakultät Maschinenwesen in Garching. Der Professor mit dem Lehrstuhl für Hubschraubertechnologie sagt: "Es wird komplett umgestellt." Vorlesungen, Tutor-Übungen, Projektseminare - einfach alles soll in Zukunft digital laufen. 39 Professoren im Maschinenwesen würden 400 Veranstaltungen für das Sommersemester planen. Dabei müssten die Dozenten sich zwischen synchron und asynchron entscheiden, oder eine Mischform wählen. Synchron bedeutet, die Lehrveranstaltung wird live ins Netz gestellt, was aber wohl wegen der Kapazitäten nur für kleinere Veranstaltungen möglich ist.

"Mein Gesicht zu zeigen hat keinen akademischen Mehrwert."

Bei der asynchronen Variante dagegen werden Vorlesungen aufgezeichnet und bearbeitet. Die Studierenden - allein im Fach Maschinenwesen sind es mehr als 4100 - könnten sie zu jeder beliebigen Zeit und an jedem beliebigen Ort anschauen. Für diese digitale Aufbereitung der Lehre bekämen die Dozenten Hilfe von der TU-Abteilung "Pro Lehre" im Center for Study and Teaching. "Das ist richtig professionelle Unterstützung", sagt Hajek. Er selbst wird auch eine Vorlesung digital halten. Üblicherweise würde dazu ein Satz von Folien hergenommen. Zusätzlich nimmt Hajek eine Audiospur auf und er kann die Folien mit schriftlichen Erklärungen ergänzen. Das Ganze wird dann als Video abgespeichert. Besser in mehreren Videos, denn der Professor hält sich an die Empfehlung, kein 90-Minuten-Epos zu produzieren. Kürzere Einspielungen würden von den Studierenden besser angenommen, sagt er. Hajek selbst wird in dem Video nur kurz am Anfang auf einem Foto zu sehen sein. Ein Kollege habe ihm gesagt: "Die Kamera einzuschalten und mein Gesicht zu zeigen hat keinen akademischen Mehrwert." Hajek ist jedenfalls sicher, dass zum Start des Semesters alle Aufgaben erledigt sind, "wir sind im grünen Bereich".

Doch Hajek räumt ein, es gebe auch Lehrveranstaltungen, die sich nicht online realisieren ließen. Praktika beispielsweise. Oder Exkursionen. Sie sollen auf das Ende des Semesters oder gleich ins Wintersemester verschoben werden. Auch die Arbeit in Laboren ist nur eingeschränkt möglich. Momentan liege die Forschung komplett auf Eis, erklärt Fritz Kühn, Professor für Molekulare Katalyse und Studiendekan der Chemie. Das bedeute für circa 400 Doktoranden in der Chemie eine starke Beeinträchtigung, genauso wie für Master-Studenten. Deswegen, so der Studiendekan, werde gerade überlegt, ob es nicht möglich sei, mit reduzierter Besetzung und rotierend in den Laboren zu arbeiten.

Für die normalen Studien-Praktika sieht er dagegen wenig Chancen. Für die Menge an Leuten Abstände von zwei Metern zu schaffen, sei kaum zu realisieren. Außerdem würden die Studierenden eine Chemikalie gemeinsam nutzen. Dadurch sei die Gefahr groß, dass sie sich doch recht nahe kämen. Deswegen sollen die Praktika erst dann wieder stattfinden, wenn die Beschränkungen weitgehend aufgehoben würden. Vielleicht zum Ende des Semesters als Blockpraktikum oder in verkürzter Form, "um keinen Ausbildungsnachteil der von der Corona-Krise betroffenen Studierenden zu erzeugen".

Informatik-Fachschaft plant eine Umfrage

TU-Pressesprecher Marsch deutet an, das Sommersemester könne bis zum 7. August verlängert werden, um den Dozenten mehr Spielraum zu geben, ihre Lehrveranstaltungen und die Prüfungen durchzuziehen. Für die Studenten ist das eine ganz entscheidende Frage, denn nach dem Wintersemester sind einige Prüfungen ausgefallen. Jeder Student braucht aber pro Semester 30 Credits, um weiterstudieren zu können, und Prüfungen zählen dazu. "Da erweist sich die Uni als sehr kulant", sagt Studentenvertreter Zaim Sari, der in einer Arbeitsgruppe der Fakultät der Informatik mitarbeitet. Manche Prüfungen könnten jetzt das ganze Jahr noch nachgeholt werden, sagt Sari. Er begrüßt, dass die Lehre jetzt digitalisiert wird. Optimal fände er, wenn die Vorlesungen im Live-Stream übertragen würden und als Aufzeichnung jederzeit noch einmal im Netz verfügbar wären. Zusätzlich müsste es die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen, direkt im Live-Stream, aber auch später noch. Sari plädiert für kürzere Formate, um den Stoff ansprechender aufzubereiten. Auf jeden Fall plane die Informatik-Fachschaft eine Umfrage bei den Studenten, sagt Sari. Sie wolle wissen, welche Probleme momentan die drängendsten sind und auch, welche Formen der digitalen Lehre bevorzugt würden.

Auf diese neuen Möglichkeiten der Lehre weist auch Fritz Kühn hin. In der Chemie-Fakultät habe es schon früher Überlegungen gegeben, den Stoff interaktiver anzubieten. Die Themen könnten in mehreren Videos auf unterschiedlichem Level erklärt werden, jeder könnte sich seinem Wissensstand gemäß durchklicken, vom Laien bis zum Wissenschaftler. Das wäre dann eine TU-Wissens-Plattform für ein breiteres Publikum, so Kühn, "aber es galt als zu teuer". Er denkt, dass die aktuelle Lage geeignet ist, viel Erfahrungen zu sammeln, die dann in die Umsetzung einfließen werden. Kühn hat bereits Erfahrung mit digitaler Lehre. Er wollte im März vor Studenten der TU-Zweigstelle in Singapur eine Vorlesung halten, die dann wegen Corona digital stattfand. Er hielt sie synchron und die Studenten konnten nachfragen. Kühns Erfahrung: Er würde das nächste Mal eine Mischung beider Ansätze, also Live und Aufzeichnung, kombinieren. Und sein Eindruck: "Die Hemmschwelle, Fragen zu stellen, war eher geringer." Vielleicht, weil man sich des großen Publikums daheim am Computer nicht so bewusst sei, sagt Kühn.

© SZ vom 14.04.2020/hilb

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