Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Schutzanzug statt Umweltamt

Michael Reiprich arbeitet bei der Gemeinde Feldkirchen, ist aber auch als Pfleger ausgebildet. Jetzt hat er zwei Wochen im Altenheim in Unterhaching ausgeholfen

Von Anna-Maria Salmen, Unterhaching

Viele Menschen atmen derzeit auf angesichts der langsamen Lockerungen der Corona-Regelungen: Aus der Ausgangs- wurde eine Kontaktbeschränkung, das Besuchsverbot in Pflegeeinrichtungen ist weniger strikt und auch Gastronomiebetriebe dürfen schrittweise wieder öffnen. Die Krise, so scheint es, flaut ab. Vor knapp zwei Monaten sah die Lage noch anders aus. Bilder aus Ländern wie Italien, in denen das Virus viele Todesopfer forderte und die Krankenhäuser mit der Situation überfordert waren, schürten auch in Deutschland Ängste. "Ich habe mir gedacht: Wenn das bei uns auch so ablaufen kann, werden die Einrichtungen bestimmt Helfer brauchen", sagt Michael Reiprich. Der 40-jährige Unterhachinger arbeitet im Umweltamt der Gemeinde Feldkirchen, seine erste Ausbildung absolvierte er jedoch in der Krankenpflege. Diese Qualifikation nutzte er, um zwei Wochen lang im vom Coronavirus stark getroffenen Altenheim Sankt Katharina Labouré in Unterhaching auszuhelfen.

Ende März hatte Bayerns Gesundheitsministerin Huml ausgebildete Pflegekräfte, die derzeit nicht in diesem Bereich arbeiten, dazu aufgerufen, sich für kurzfristige Hilfseinsätze zur Verfügung zu stellen. Reiprich überlegte nicht lange: "Die Pflegekräfte haben eh schon sehr schlechte Arbeitsbedingungen. Rein aus Solidarität mit ihnen habe ich mich dann freiwillig gemeldet." Reiprich wurde in den Pflegepool Bayern aufgenommen, eine Plattform, die Fachkräfte mit freien Kapazitäten an überlastete Einrichtungen vermittelt. Eine Weile passierte nichts, dann ging alles schnell. "Am Gründonnerstag hat mich eine Dame vom Landratsamt angerufen: Sie bräuchten jemanden für das Unterhachinger Altenheim", erzählt der gelernte Pfleger. Gleich am nächsten Tag habe der Träger des Heims Kontakt mit ihm aufgenommen, in der darauffolgenden Woche wurde Reiprich zur Sicherheit auf das Virus getestet. Wenige Tage später absolvierte er eine Hygieneschulung, direkt im Anschluss trat er seinen Dienst im Heim an.

Zwei Wochen lang betreute Reiprich auf der Isolierstation die infizierten Bewohner. Sein Einsatz brachte einige Herausforderungen mit sich, wie er sagt: "Ein Großteil der Leute war dement und durch die Verlegung auf eine andere Station irritiert. Dann kamen auch noch wir Pfleger in den Schutzanzügen." Dass dieser Anblick einen dementen Menschen beängstigen und verunsichern kann, versteht sich von selbst. Das Besuchsverbot, durch das die Senioren wochenlang keine Angehörige sehen konnten, bezeichnet Reiprich als "brutal, gerade für diejenigen, die das wegen ihrer Demenz nicht nachvollziehen konnten". Die Pfleger aber wussten mit der Situation umzugehen: Reiprich erzählt von einem eigens für die Infizierten abgesperrten Bereich im Park, wo die Bewohner zumindest an die frische Luft konnten. "Das war für das Wohlbefinden sehr wichtig."

Am Zaun der Anlage spielten sich mitunter bewegende Szenen ab, berichtet der Unterhachinger: "Die Angehörigen haben Plakate nach oben gehalten und man konnte mit Abstand dann auch ein paar Worte wechseln. Manche haben auch für die Pfleger Eis mitgebracht."

Einige Zeit nach seinem Einsatz betrachtet Reiprich das Virus differenzierter als zuvor. "Wenn man das alles nur im Fernsehen mitbekommt, schmiedet man sich seine eigenen Gedanken", sagt der 40-Jährige. Die Gefahr sei ihm vor seinem Dienst bewusst gewesen, er habe auch nicht ausgeschlossen, sich selbst zu infizieren. Seine Erlebnisse im Altenheim gaben ihm jedoch ein anderes Bild von der Krankheit, als in den Medien oft vermittelt wurde.

"Da waren Bewohner, die teilweise über 90 Jahre alt waren. Manche haben natürlich sehr unter den Symptomen gelitten, manche sind auch gestorben", berichtet Reiprich. "Aber es haben auch Leute mit Vorerkrankungen überlebt, wir konnten 95-Jährige wieder gesund auf ihre eigenen Zimmer zurückverlegen." Besonders diese Momente waren für den Pfleger berührend. "Klar war es eine belastende Zeit", erzählt er. "Es herrschte aber nicht immer nur bedrückende Stimmung. Wir haben auch gemeinsam gelacht."

Reiprich empfindet seine Zeit im Unterhachinger Altenheim als Bereicherung. "Es war mir wichtig zu zeigen, dass ich helfe." Denn dem Pflegeberuf fehlt seiner Ansicht nach die öffentliche Anerkennung. "Es ist zwar eine schöne Geste, wenn die Leute sich auf die Balkone stellen und klatschen, aber wenn es nur dabei bleibt, ist das zu wenig."

Die Hoffnung, dass die Krise eine nachhaltige Stärkung der Pflegekräfte mit sich bringt, sterbe zuletzt. Er sei jedoch auch realistisch, sagt Reiprich: "Wenn alles wieder vorbei ist, vergessen die Leute schnell." Mittlerweile seien zwar durchaus Schritte in die richtige Richtung getan werden, "aber da muss langfristig mehr passieren".

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SZ vom 02.06.2020
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